Von Jürgen Schmieder

Jürgen Klinsmann interpretiert die Lehren aus dem ungleichen Duell gegen den FC Barcelona als Plädoyer für die eigene Sache. Unterstützt wird er von Präsident Franz Beckenbauer, der sagt, dass der FC Bayern nicht unbedingt Meister werden muss.

Von Jürgen Klinsmann und der WM 2006 sind zahlreiche Geschichten überliefert, die auch heute noch im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Eine der weniger bekannten Ereignisse ist ein Interview, das er nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien gegeben hat. Was er gedacht habe, als Fabrizio Grosso in der Verlängerung das 0:1 erzielte, wollte der Reporter wissen. Klinsmanns Antwort: "Ich habe auf die Uhr gesehen, wie lange wir noch Zeit haben, um den Ausgleich zu erzielen."

Franz Beckenbauer und Jürgen Klinsmann

Franz Beckenbauer und Jürgen Klinsmann freuen sich gemeinsam - das Bild stammt von der WM 2006. (© Foto: dpa)

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Dieser Satz veranschaulicht, wie Klinsmann funktioniert - er erklärt auch, warum der Trainer des FC Bayern beim 1:1-Rückspiel gegen den FC Barcelona 90 Minuten lang auf den Beinen war. Er fuchtelte, schrie, dirigierte. Verzweifelte nach Kopfballchance von Luca Toni in der fünften Minute, reklamierte Zeitspiel der Katalanen, tobte vor dem Schiedsrichter-Assistenten. Nach dem Führungstreffer von Franck Ribéry kurz nach der Pause trieb er seine Spieler zur Mittellinie und feuerte sie an.

Klinsmann wollte dieses Rückspiel nicht nur gewinnen und sich nach der desaströsen 0:4-Niederlage in Camp Nou würdig aus der Champions League verabschieden - er hatte tatsächlich gehofft, das Halbfinale zu erreichen. "Im Fußball geschehen die verrücktesten Dinge, es ist immer alles möglich", sagte er danach, als es doch 1:1 stand. Der FC Bayern war wie erwartet ausgeschieden gegen einen FC Barcelona, der an diesem Abend nicht mehr erreichen wollte als ein 1:1. Das war Klinsmann nach dem Spiel egal: "Wenn Luca das frühe 1:0 macht oder der Schiedsrichter später den Elfmeter gibt: Wer weiß?"

Der Trainer saß nicht im Anzug bei dieser Pressekonferenz, wie es die Uefa bei Champions-League-Spielen gemeinhin fordert. Er trug eine Trainingsjacke des FC Bayern, um seine Verbindung zu symbolisieren mit diesem Verein, der sich dem Trainer nicht mehr so ganz verbunden fühlt. Denn in Erinnerung bleibt kaum dieses unterhaltsame Unentschieden und auch nicht die beiden Siege im Achtelfinale, sondern jene Niederlage, die so anmutete, als würde ein Jugendteam gegen die erste Mannschaft des Vereins spielen. "Barcelona war einfach eine Klasse besser", sagte Klinsmann.

Klinsmann ist ein intelligenter Mensch und ein erstklassiger Vertreter der eigenen Sache. Er sprach kaum über die Fehler der eigenen Mannschaft, sondern vielmehr darüber, was der FC Bayern aus diesem ungleichen Duell mit den Katalanen lernen könne - und interpretierte die Lehren als ein Plädoyer für seine Arbeit. Der FC Barcelona habe ein klares Konzept im gesamten Verein, "eine Sammlung der Philosophie. Da spielt selbst die Jugend über Jahre hinweg mit dem System der ersten Mannschaften, damit Spieler wie Messi einmal hineinwachsen können". So etwas brauche eben Zeit.

Und schon war Klinsmann bei der Zukunft angekommen, er sprach schon von der kommenden Saison. "Wir holen ja Timoschtschuk und Olic, dazu ein junges Talent aus Mönchengladbach", sagte er. Das sei jedoch nicht genug: "Wir wissen, wir müssen nachlegen. Wir müssen einiges tun, um in der nächsten Saison weiter zu kommen als ins Viertelfinale."

Vor der kommenden Saison indes muss der FC Bayern noch sieben Spiele in der Bundesliga absolvieren, es geht zunächst gegen Bielefeld, Schalke 04 und Gladbach. Drei Punkte und fünf Tore müssen die Münchner aufholen, um noch Deutscher Meister zu werden. "Das ist nun das große Ziel, um die Fans des FC Bayern zufriedenzustellen", sagte Klinsmann.

Franz Beckenbauer indes relativierte diese Aussage: "In einem Jahr, in dem so viel schiefgelaufen ist mit Verletzungen und so weiter, da wäre ich nicht sauer, wenn wir nicht Meister werden." Wichtig sei die direkte Qualifikation für die Champions League, um nur ja nicht mehr nach Braga - Gegner in der vergangenen Uefa-Cup-Saison, der FC Bayern spielte nur 1:1 - zu müssen: "Deshalb wäre ich auch mit dem zweiten Platz zufrieden."

Vor einer Woche hatte Beckenbauer gesagt: "Wir werden uns am Saisonende zusammensetzen und alles analysieren." Beide Sätze im Zusammenhang könnten so interpretiert werden, dass Klinsmann auch dann Trainer des FC Bayern bleiben könnte, wenn sich die Mannschaft direkt für die Champions League qualifiziert.

Jürgen Klinsmann stand an diesem Dienstagabend nach dem Spiel nur wenige Zentimeter von Franz Beckenbauer entfernt. Als der Präsident diese Worte sagte, lächelte der Trainer. Er musste nicht auf die Uhr sehen wie beim WM-Finale. Er wusste, dass er sich selbst und seine Ideen gerade gut verkauft hatte und dass er vielleicht doch noch genügend Zeit haben könnte, um seine Ziele beim FC Bayern zu erreichen.

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(sueddeutsche.de/cmat)