Von Raphael Honigstein

Der Titel "Fußballer des Jahres" in England erreicht den Flügelstürmer von Manchester United, Ryan Giggs, zum falschen Zeitpunkt. Verdient hat er ihn trotzdem.

Im Sommer 1989 durfte England noch träumen. Im Schülerauswahl-Länderspiel gegen Deutschland lief damals ein Junge namens Ryan Joseph Wilson mit der Kapitänsbinde über Wembleys heiligen Rasen. "Er sieht in seiner Freizeit gerne Fernsehen und geht in Discos", notierte das Jahrbuch des englischen Verbands. England verlor 3:1 gegen die Gäste aus der Bundesrepublik, doch Wilson traf ein paar Tage danach beim 2:0 über die selben Gegner in Birmingham.

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Ryan Giggs von Manchester United lässt im Premier-League-Spiel gegen Portsmouth seinen Konkurrenten Sol Campbell stehen (© Foto: AFP)

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Nur wenige Jahre später sollte aus dem dünnen, wieselflinken Außenstürmer der erste kickende Popstar der 1992 gegründeten Premier League werden, doch in der englischen Nationalmannschaft sah man ihn nach den Spielen gegen die Deutschen leider nie wieder: Ryan nahm mit 16 den Nachnamen seiner Mutter Lynne Giggs an, unter dem er jetzt, 2009, auch zum Fußballer des Jahres in England gekürt worden ist, und repräsentierte fortan Wales.

Die Entscheidung für die Auswahl seiner Heimatregion fiel dem in Cardiff geborenen Mann nach eigener Aussage nicht schwer. "Ich bin durch und durch Waliser", sagt er, "für England habe ich nur gespielt, weil ich damals in Manchester zur Schule ging." Dass ihn sein Patriotismus die Teilnahme an den großen internationalen Turnier kostete, hat der 35-Jährige nie bereut. Ryan Giggs fehlte England mehr als umgekehrt; als erfolgreichster Vereinsspieler in der Geschichte des englischen Profifußballs hat sich der Mittelfeldspieler selbst hinreichend für den Verzicht auf Welt- und Europameisterschaften entschädigt.

Zehn Meisterschaftstitel hat vor ihm im Süden der Insel noch niemand gewonnen; in ein paar Wochen wird wahrscheinlich ein elfter hinzukommen. Der Veteran kann zudem noch mit United zur dritten Champions-League-Medaille kommen, das würden ihm selbst die vielen ABUs auf der Insel, die Anything-but-United-Fraktion der Old-Trafford-Hasser, vergönnen. Giggs ist dank seiner höflichen, vornehm zurückhaltenden Art der Sympathieträger eines Klubs, der sich gelegentlich ein wenig arg an der eigenen Größe berauscht.

Den Titel "Spieler des Jahres", den ihm am Sonntagabend die englische Spielergewerkschaft (PFA) verlieh, trägt er zum ersten Mal in seiner Karriere. Giggs setzte sich bei der Wahl unter anderem gegen seine Mitspieler bei Manchester United, Cristiano Ronaldo und Nemanja Vidic, durch. "Ich habe alles meinem Trainer zu verdanken", sagte er bescheiden und nannte die Auszeichnung durch die Kollegen "die beste Anerkennung die man sich wünschen kann."

Doch diesen Titel hätte der Musterprofi schon vor vielen Jahren verdient gehabt; immerhin brillierte Ryan Giggs schon mit 17 als Stammspieler. Ob er ihn allerdings konkret in diesem Jahr verdient, ist eine andere Frage: Giggs hat 2008/09 nur zwölf Ligaspiele von Anfang bestritten (weitere zwölf Mal wurde er eingewechselt), dabei auch nur ein einziges Törchen geschossen. Da es in dieser Spielzeit keinen alles überragenden Spieler gab, kam es wohl zu einer Art Konzessionsentscheidung. Die englische Presse verglich den Waliser mit Martin Scorsese: Der New Yorker Regisseur hat auch erst Jahre nach seinen Meisterwerken ("Taxi Driver", "Wie ein wilder Stier") den Oscar für (den weniger eindrucksvollen Film) "Departed" bekommen, sozusagen als Wiedergutmachung. Es gibt aber - außer Cristiano Ronaldo vielleicht - niemanden, der sich ernsthaft daran stört, dass die Gerechtigkeit hier streng genommen etwas ungerecht ausfällt.

An diesem Mittwoch wird "Giggsy", wie sie ihn immer noch rufen, im Champions-League-Hinspiel gegen den FC Arsenal voraussichtlich zu seinem 800. Match für die Red Devils kommen; Trainer Alex Ferguson setzt gerade in den großen Partien bevorzugt auf seinen Routinier. Giggs wetzt zwar nicht mehr "wie ein Hund hinter einem Stückchen Silberfolie hinterher", wie Ferguson in seiner Autobiografie 1999 schrieb, ist aber dank seiner Erfahrung und den technischen Fähigkeiten ein universal einsatzfähiger Gestalter in den ewig rotierenden Aufstellungen von Sir Alex. "Er gibt dem Team Kontrolle und Sicherheit", sagt der Schotte, der seine Offensivtaktik vor zwei Jahren für die Königsklasse erfolgreich modifiziert hat. Giggs bekleidet im "Theater der Träume", wie der Verein sein Stadion nennt, weiter eine Hauptrolle, nur ist diese weniger offensichtlich: Sein selbstloses Spiel lässt die anderen erst glänzen.

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(SZ vom 29.04.2009)