Von Javier Cáceres

Er trägt weder Tätowierung noch Monsterkette, und er schweigt gern: Andrés Iniesta ist das unscheinbare Herz des FC Barcelona.

Auch Andrés Iniesta ergriff am Samstag das Mikrofon, und was er hineinsprach, war geradezu sensationell. "Wir sehen uns am Donnerstag, mit dem Champions-League-Pokal!", rief er, und im Camp-Nou-Stadion des FC Barcelona, das aus Anlass der Feier des soeben errungenen Meistertitels mit reichlich Konfetti geschmückt war, machte sich eine Mischung aus Jubel und Verwunderung breit. War das wirklich Iniesta, der da den Mund so weit aufgerissen hatte? Der aus euphorischer Laune heraus nicht weniger als den Sieg gegen Manchester United im Finale des europäischen Königswettbewerbes versprach? Ohne jeden Anflug von Scham?

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Kein Mann fürs Sonnenstudio, aber für späte Tore: Andrés Iniesta feiert den 1:1-Ausgleich beim FC Chelsea, der Barça ins Finale brachte. (© Foto: Getty)

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Er war's, Fernsehbilder und Radiomitschnitte bewiesen es. Er, der doch als der schweigsamste aller Barça-Profis gilt, versprach dem Anhang der katalanischen Institution nicht weniger als den dritten Henkelpott der Klubgeschichte.

"Dann machte es ¡Zas!"

Dass dem FC Barcelona an diesem Mittwoch die Gelegenheit vergönnt ist, den Triumphen von London (1992) und Paris (2006) einen Sieg in Rom hinzuzufügen, ist in erster Linie ihm geschuldet, Andrés Iniesta Luján. Er war es, der vor wenigen Wochen mit einem epochalen Tor beim FC Chelsea in London den emotionalsten Moment der laufenden Champions-League-Saison erschuf, der aus den letzten Sekunden eines verloren geglaubten Spiels einen legendären Moment purer Leidenschaft herauspresste.

Barça war praktisch ausgeschieden, ohne jeden Torgelegenheit geblieben, als er in der Nachspielzeit den Ball mit dem Außenrist des rechten Fußes in den Winkel drosch, "mit all meiner Seele", wie Iniesta selbst später sagen würde: "Ich hatte keine Zeit, nachzudenken, ich habe draufgehalten und das war's." "Eigentlich ist das ein Ball, den Andrés nicht aufs Tor schießt", sagt sein kongenialer Mittelfeldpartner Xavi Hernández, "normalerweise stoppt er ihn und sucht nach der besten Passoption. Ich kam in seinem Rücken angelaufen, 'Andrés, Andrés', schrie ich, weil ich dachte, dass ich in eine bessere Schussposition geraten würde. Doch zum Glück hat er nicht auf mich gehört. Denn der Ball titschte vor ihm auf. Und dann machte es ¡Zas!"

So wurde Iniesta zum Urheber eines besonderen Tores, und nicht umsonst bekannte Manchester Uniteds Trainer Alex Ferguson, dass es ihm nur recht wäre, wenn der vor zwei Wochen muskelverletzte Iniesta nicht mehr rechtzeitig zum Finale fit würde, denn "Iniesta bringt Barça zum Spielen, vielleicht sogar mehr noch als Xavi". Doch Iniesta ist fit. Voller Drang, in Rom die eigene Prophetie Wahrheit werden zu lassen.

Immer wieder wird darauf abgehoben, dass er keines der schrillen Zeichen der Fußball-Ikonen des 21.Jahrhunderts trägt, keine Tätowierung wie Beckham, keine Monsterkette wie Ronaldinho, nur das unschuldige Gesicht des Fern-Uni-Sportstudenten. "Der weiße Prinz" nennt ihn Barcelonas Physiotherapeut, weil Iniesta von so durchsichtiger Haut ist. "Wie lange warst du denn in der Höhle?", foppte ihn einst der ehemalige Profi Luis Enrique.

"Er trägt keine Ohrringe, er färbt sich nicht die Haare, er spielt - und seien es bloß 20 Minuten - auf jeder Position. Und doch klagt er nie. Den Jungen sag' ich immer: Achtet auf Iniesta! Denn er ist beispielhaft", sagt Barcelonas Trainer Josep Guardiola.

Seinetwegen, wegen Guardiola, landete Iniesta bei Barça: Bei einem Jugendturnier in Brunete, das landesweit im Fernsehen übertragen wurde, hatte er derart geglänzt, dass sich auch Real Madrid und Valencia um Iniesta bemühten; doch der Junge aus dem 2000-Seelen-Dorf Fuentealbilla entschied sich für Barcelona, weil Guardiola, damals ein Weltklassespieler, sein Idol war. Bei Barcelona wurde er zum vielseitig verwendbaren Spieler geschult, der stets mehrere Optionen im Kopf hat, ehe der Ball seine Füße erreicht.

Er ist imstande, nahezu jede offensive Position auszufüllen oder vor der Abwehr in der Schaltzentrale zu wirken. Je nach Bedarf. "Mit 14 spielte der schon wie ein Veteran", erzählt Xavi, auch er ein Eigengewächs. Er kann sich gut daran erinnern, wie Guardiola ihn vor zehn Jahren beiseite nahm, auf den kleinen Iniesta zeigte und mit Überzeugung erklärte: "Du wirst mich in Rente schicken, aber der macht uns beide alle."

Des Maurers feine Technik

Mit 16 durfte Iniesta bei den Profis mittrainieren, mit 18 debütierte er in Liga und Champions League. Er war damals noch schmächtiger als heute, sein Kampfgewicht wird mit 65 Kilo angegeben. "Fußball bedarf eher der Intuition denn der Physis", argumentiert Iniesta, dessen Ballführung so perfekt ist, dass man meint, er habe keine Füße, sondern Hockeyschläger, mit denen er den Ball hin- und herwiegt, mit Innen- und Außenrist streichelt.

Die Technik hat ihm sein Vater beigebracht - ein Maurer, der in den siebziger Jahren Drittligaprofi war und dem Sohn die ersten Fußballschühchen gekauft hat, als dieser noch nicht einmal auf der Welt war.

Mittlerweile ist in Fuentealbilla eine Straße nach ihm benannt, die Großmütter schmücken die Dorfkneipe mit Presseausschnitten über den Enkel. Diese Woche kam ein Interview mit der Zeitung El País hinzu, in dem er unter anderem sagte, dass es ihn "einen Furz interessiere", wenn die Medien ihn nicht für einen Medienstar halten. Und in dem er auch sagte, dass er seit dem Tor gegen Chelsea nicht fröhlicher sei. "Aber das Tor hat mein Leben markiert: Es war etwas Unglaubliches. Manchmal spielst du Fußball und machst viele Leute glücklich. Das ist schön."

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(SZ vom 27.05.2009)