Tänze, Tricks und Messis Kopfball: Der zauberhafte spanische Meister FC Barcelona gewinnt die Champions League mit einem 2:0 gegen Manchester United.

Es war vorbei, lange bevor Massimo Busacca, der Schiedsrichter aus der Schweiz, die Partie beendete. Es war vorbei, lange bevor die meisten der 67.000 Zuschauer im Stadio Olimpico zu Rom sich erhoben, um Applaus zu spenden und sich für eine besonders schöne Aufführung zu bedanken. Es war vorbei, als Manchester United, die Elf der Kraft, es mit der Angst zu tun bekam.

Champions-Leagu-Finale: Lionel Messi

Lionel Messi erzielt das 2:0 gegen Manchester. (© Foto: rtr)

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Nicht weit in der zweiten Halbzeit, als wieder einmal eine Folge von 20 Pässen gespielt war, ohne dass ein Engländer an den Ball kam, machten sich Resignation und Angst breit bei ManU, weil die Spieler bemerkten: Diesen FC Barcelona werden wir nicht besiegen. Der spanische Meister lieferte eine zauberhafte Vorstellung und besiegte Manchester United 2:0 (1:0), es war ein rundum verdienter Sieg.

Das Spiel hatte begonnen wie vorausgesehen. Manchester legte los wie eine Punkrockband, druckvoll, schnell, beinahe wütend. Barcelona wirkte wie ein Orchester, das noch damit beschäftigt ist, die Instrumente zu stimmen - aber es war klar, dass dieses Ensemble ein wenig länger brauchen würde, um ins Spiel zu kommen, denn Barça braucht stets ein wenig Zeit, um seinen feinen Rhythmus zu finden. Nach 90 Sekunden jagte Cristiano Ronaldo einen Freistoß aus 25 Metern aufs Tor, Victor Valdes konnte den Ball nicht festhalten, Ji-Sung Park scheiterte im Nachsetzen.

Das hätte sie sein können, die Führung für Manchester. Fünf Minuten später setzte Ronaldo den Ball aus 30 Metern knapp am Tor vorbei, weitere zwei Minuten später schoss er von der Strafraumgrenze. Das alles wirkte auch wie ein Gruß Ronaldos an sein Gegenüber Lionel Messi. "Ich bin da", sagte Ronaldo mit diesem Beginn, "wo bist du?" Auch darum ging es ja an diesem Abend im Olimpico: Ronaldo gegen Messi, das Aufeinandertreffen der derzeit wohl besten Fußballer des Planeten.

Als die ersten zehn Minuten vorbei waren, war das Ensemble von Barcelona bereit. Es begann zu spielen: Eto'o tanzte im Strafraum den Klasseverteidiger Nemanja Vidic aus, es war ein kleiner, feiner Tanz, und Vidic, der in der Premier League die abgefeimtesten, gewieftesten, schellsten und härtesten Stürmer der Welt stoppt - er stand hilflos, steif, er musste zusehen, wie Eto'o leichtfüßig enteilte und den Ball an Edwin van der Sar vorbei ins Tor der Engländer spitzelte.

1:0 nach zehn Minuten, es war die erste ansehnliche Aktion der Katalanen gewesen, aber weiß Gott nicht die letzte. Manchester hingegen wirkte jetzt wie eine Punkrockband ohne Strom: Die Spieler wussten nicht so genau, was sie tun sollten. Ratlos liefen sie über den Rasen: Es hatte doch alles so gut angefangen. Was war da bloß gerade passiert? Nun: Es war die Magie von Barca, die über ManU gekommen war.

Jetzt begann dieses perfekte Ensemble mit der Aufführung seiner Kunst. Die Mittelfeldstrategen Xavi und Iniesta gaben den Takt vor, ein Pässchen hier, ein Abspiel dort, kurzer Ball hier, Flankenwechsel dort, energisch nach vorn, bedächtig nach hinten: Fließend, fast weich ergoss sich das Spiel von Barça auf den Rasen von Rom, manchmal ging es über mehr als 20 Stationen.

Die Elf von Manchester United, gerühmt für ihre Wucht, ihre Härte, ihre rohe Energie, versehen mit dem Ehrentitel "Maschine" - sie sah zu, sie wirkte hilflos. Sie wirkte bisweilen sogar so hilflos wie der FC Bayern, der im Viertelfinale von Barcelona so schwer gedemütigt worden war, aber immerhin, dürften sich die Engländer gesagt haben: Es steht nur 1:0. Denn es hätte schon früher viel schlimmer kommen können. Würde also noch etwas möglich sein für die Engländer?

Wenn eine Mannschaft etwas über die Kunst des Comebacks weiß, dann ist es ManU. Vor zehn Jahren, Endspiel gegen den FC Bayern in - nunja, tatsächlich, in Barcelona: Ewig führen die Bayern 1:0, und dann schießt Manchester zwei Tore in der Nachspielzeit. Ein 1:0 ist nichts, mögen sie bei ManU also gedacht haben an diesem Mittwochabend im Jahr 2009 in Rom. Auch wenn der Gegner wirbelt und stürmt, auch wenn Messi wieselt, rennt, passt und kämpft, auch wenn die Magie von Barça unwiderstehlich ist an diesem Abend.

Nichts konnte ManU den Katalanen nach den ersten zehn Minuten entgegensetzen, außer einer kleinen Chance: Es war die 23.Minute, als Ronaldo einen Kopfball über die Latte des Tors von Victor Valdes setzte, niemand auf spanischer Seite wirkte sonderlich beunruhigt. Ronaldo tauchte anschließend unter, wie öfter in großen Spielen zeigte er nur einen kleinen Teil seines Könnens. Er hatte Messi gegrüßt am Anfang, das war alles. Und Messi sollte den Gruß aufs Schönste erwidern, aufs Eleganteste.

Messi krönt sich

Zur Halbzeit brachte Sir Alex Ferguson die Wuchtbrumme Carlos Teves ins Spiel, noch so einen Punkrocker. ManU wollte es mit Gewalt versuchen. Barça reagierte, indem es die englische Mannschaft in ihre Einzelteile zerlegte, wie sie es wohl noch nie erlebt hat. Diese Elf der großen Egos - angeführt vom größten Ego Cristiano Ronaldo -, die in ihren besten Momenten ebenfalls einen Fußball von eigener Schönheit erschaffen kann, wurde phasenweise vorgeführt, phasenweise gedemütigt. Wenn die ManU-Profis je den Fußball betreffende Alpträume hatten: Sie können nicht so schlimm gewesen sein, wie das, was ihnen an diesem Abend in Rom widerfuhr.

Wie das zum Beispiel: Xavi flankt den Ball auf einer Flugbahn wie gemalt, und in die Luft schraubt sich: Oh ja, der Kleine, der Winzige, in die Luft schraubt sich Messi, 1,69 Meter groß, er schraubt sich so hoch, dass er den Ball mit dem Schädel erreicht, und er drückt die Kugel zum 2:0 ins Tor (71. Minute). Ein Kopfballtor von Messi - was für ein Witz, was für eine Pointe. Es war natürlich sein erstes, und es war der Höhepunkt eines Abends, an dem die beste Mannschaft Europas sich krönte - sich krönte in Rom.

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(SZ vom 28.05.2009/jüsc)