Von Jürgen Schmieder

Es gibt Gründe für die blamable Vorstellung des FC Bayern: die Ausfälle wichtiger Spieler oder Klinsmanns Aufstellung. Es lohnt jedoch auch ein Blick darauf, wer beim FC Barcelona auf dem Platz stand.

Es ist nicht überliefert, ob der FC Barcelona eine Rechnung in Höhe von 1956,63 Euro an den FC Bayern schicken wird - schließlich hatten die Münchner Spieler die besten Stehplätze im Stadion bei dieser Galavorstellung der Katalanen am Mittwochabend. Mit offenem Mund bewunderte Christian Lell die Aktionen des flinken Lionel Messi, staunend sah Bastian Schweinsteiger dem Spanier Andres Iniesta beim Organisieren zu, ehrfürchtig begleitete Andreas Ottl die Laufwege von Mittelfeldspieler Xavi.

Nur durch Fouls zu stoppen: Lionel Messi. (© Foto: Getty)

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Ein Ticket der ersten Kategorie kostet beim FC Barcelona 150,51 Euro, was bei 13 eingesetzten Spielern die Summe von 1956,63 Euro rechtfertigen würde. Der FC Bayern könnte diese Summe in der Bilanz verbuchen als "Ausbildungskosten" und "Anschauungsunterricht".

Natürlich muss man nach dieser für den FC Bayern so demütigenden Niederlage - Vereinschef Karl-Heinz Rummenigge: "Wir sind ein stolzer Klub. Dieser Stolz ist heute Abend mit Füßen getreten worden" - nach Gründen suchen. Man kann die vielen Ausfälle wichtiger Spieler (Klose, Lucio, Lahm) bemühen, die fehlende Tiefe des Kaders bemängeln oder auch die personellen Entscheidungen des Trainers Jürgen Klinsmann hinterfragen.

Es lohnt jedoch auch ein Blick darauf, wer denn auf dem Platz stand bei diesem Viertelfinalspiel zwischen dem FC Barcelona und dem FC Bayern. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer tat dies direkt nach der Partie: "Bei den Spaniern spielte mindestens ein Dutzend Akteure, die im Verein ausgebildet wurde." Mit exorbitanten Transfersummen sei die Zusammenstellung des Kader der katalanischen Kurzpass-Koryphäen nicht zu erklären.

In der Tat verfügt der FC Barcelona über eine exquisite Auswahl an Spielern, die der eigenen Jugend entsprangen. Acht Spieler standen auf dem Platz, die schon in einer Jugendmannschaft der Spanier gespielt haben: Victor Valdés, Gerard Pique, Carles Puyol, Andrés Iniesta, Xavi, Bojan Krkic, Sergi Busquets und Lionel Messi. Beim FC Bayern spielten ebenfalls Akteure, die schon in der Jugend in München aktiv waren. Ihre Namen: Christian Lell, Andreas Ottl, Bastian Schweinsteiger.

Es ist keine Kritik an der Jugendarbeit des FC Bayern - im Gegenteil, diese ist vorzüglich und wird nicht nur in Deutschland respektiert. Eine Studie der Technischen Universität München zeigt, dass seit 1999 ganze 61 Prozent der Regionalliga-Spieler des FC Bayern später Lizenzspieler wurden, also Profis in der ersten oder zweiten Bundesliga. Zwei Drittel davon sind in der ersten Liga untergekommen - eine beachtliche Statistik.

Auffällig ist jedoch, wie selten es ein Jugendspieler in die Stammelf des FC Bayern schafft oder gar zu einem international renommierten Spieler heranwächst. Derzeit gehören Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Christian Lell und Andreas Ottl zum Stammpersonal. Lell und Ottl sind solide Profis, auf internationalem Parkett jedoch häufig überfordert, Philipp Lahm musste erst den Umweg über den VfB Stuttgart gehen, ehe er als Nationalspieler zum FC Bayern zurückkehrte.

Zahlreiche Jugend-Spieler machen indes nicht beim FC Bayern Karriere, sondern bei anderen Vereinen. Piotr Trochowski etwa spielt mit dem Hamburger SV eine glänzende Saison und wird nun von Juventus Turin und englischen Klubs umworben. Zvjezdan Misimovic gehört beim VfL Wolfsburg zu den Leistungsträgern. Mittelfeld-Talent Toni Kroos wurde mangels Spielpraxis an Bayer Leverkusen ausgeliehen, um ähnlich wie Lahm bei einem anderen Verein weiter ausgebildet zu werden.

Auch südamerikanische Talente finden sich beim FC Bayern nicht so zurecht wie in anderen Vereinen. Freilich ist Lionel Messi ein Ausnahmekünstler, ein Glücksgriff für die Katalanen, die den argentinischen Dribbler bereits im Alter von 13 Jahren verpflichten konnten. Bei den Münchnern dagegen konnten sich Roque Santa Cruz, Julio Dos Santos, und Breno nicht wie erhofft entwickeln.

Dem FC Bayern gelingt offenbar nicht, was der FC Barcelona seit Jahren vormacht: talentierte Jugendspieler in das Kollektiv der ersten Mannschaft zu integrieren und sie zu Stars reifen zu lassen. Dann genügt es nämlich, das Team durch prominente Zukäufe wie etwa Thierry Henry, Samuel Eto'o und Yaya Touré zielsicher zu verstärken. "Der FC Barcelona zeigt vorbildlich, wie das Zusammenspiel zwischen Jugendabteilung und Lizenzspielerbereich funktionieren kann", sagte Sammer.

Die Integration junger Spieler freilich braucht Zeit und Geduld - und auch das Inkaufnehmen von Spielzeiten ohne Erfolg. Der FC Barcelona etwa musste nach dem Titelgewinn im Jahr 1999 sechs Jahre auf die nächste Meisterschaft warten. Der Verein wurde zwei Mal Vierter (2001 und 2002), im Jahr 2003 belegte die Mannschaft gar nur den sechsten Platz.

Es ist derzeit eher fraglich, ob die Verantwortlichen des FC Bayern bereit sind, diese Geduld aufzubringen und ob sie Jürgen Klinsmann den richtigen Mann dafür halten. Es bräuchte dafür auf jeden Fall mehr als die Summe von 1956,63 Euro.

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(sueddeutsche.de/jja)