Champions League Ein echter Marseillais

Zinedine Zidane bleibt seiner Heimatstadt eng verbunden - doch bei seinem Gastspiel mit Real Madrid empfängt ihn das französische Publikum mit Buhrufen.

Von Von Josef Kelnberger

Zinedine Zidane soll früher ein rechter Giftzwerg gewesen sein. Die alten Geschichten kamen wieder hoch diese Woche, von Yazid, der auf einer Betonpiste in der Vorstadt nicht nur jene Dribblings, Übersteiger und Pirouetten übte, die ihn zum Weltstar machen sollten; der nicht nur Freundschaften fürs Leben schloss, sondern auch pöbelte, raufte, zutrat, ein echter Marseillais eben, herzlich und rau.

Aber er ist schon lange weg. Heute, mit 31, zelebriert er seine Fußballkunst mit stoischer Hingabe, und deshalb war er offenbar beeindruckt vom "erstaunlichen Empfang", so gestern die Sportzeitung L'Equipe, den die Heimatstadt dem großen Sohn als Spielmacher von Real Madrid bereitete. Wer solche Freunde hat, braucht wahrlich keine Feinde mehr.

Nach 88 Minuten des Spiels bei Olympique schlich er waidwund vom Platz. Hinkend, gesenkten Hauptes, 88 Minuten lang ausgepfiffen, ausgebuht, mit gereckten Mittelfingern empfangen, als er, durch einen Tritt von hinten niedergestreckt, trotz einer schweren Knöchelverletzung zurück aufs Spielfeld kam, weil er nach einer halben Stunde nicht schon die Segel streichen wollte.

Als er in seine Trainingsjacke schlüpfte, beschloss die Mehrheit der 60.000 Zuschauer, er habe nun genug gebüßt dafür, dass er im falschen Trikot spielte in dieser versnobten Zuckertruppe. Sogar ein paar Ultrafans schlossen sich der Ovation an. Aber das brauchte er nun auch nicht mehr. Kein Lächeln, kein Winken, kein Gruß. Ihm genügte das Ergebnis. Ein 2:1, das Reals ersten Gruppenplatz sicherte.

Marseille kassierte zwei Niederlagen

Zu dem Zeitpunkt war das Drehbuch für diesen Tag schon längst durcheinander geraten. Es sah vor, dass mit Zidane auch eine Delegation aus Genf den Rasen des Stade Vélodrome betreten sollte und sie sollte ein silbernes Ungetüm von Pokal mitbringen, den America's Cup. Denn Zidane spielte in den letzten Wochen auch den Präsidenten des Bewerbungskomitees, welches das berühmteste Segelrennen der Welt 2007 nach Marseille holen sollte.

Zwei Milliarden Euro Umsatz, tausende von Arbeitsplätzen, einen unermesslichen Gewinn an Prestige, zehn Jahre Stadtentwicklung auf einen Schlag hatte Bürgermeister Jean-Claude Gaudin versprochen. Zinedine Zidane wollte mithelfen. Und war es nicht ein Wink des Schicksals, dass er ausgerechnet an jenem Mittwoch, an dem das Team Alinghi die Entscheidung über den Schauplatz der Titelverteidigung 2007 bekannt geben wollte, mit Real hier aufkreuzte? Es war ein bitterer Zufall, weiß man jetzt. Und Marseille kassierte zwei Niederlagen.

"Der größte Tag" hatte die Heimatzeitung La Provence getitelt, in Vorfreude auf America's Cup und Real. Und sogar die Pariser Zeitungen blickten auf ihren Titelseiten Richtung Marseille. L'Equipe: "Tag der Herausforderung für Marseille". Libération: "Marseille, Tag X". Figaro: "Marseille hält den Atem an". Am Alten Hafen übertrug ein Radiosender die Entscheidung für Valencia live.

Den Schweizern sei Marseille wohl zu schmutzig, zu laut, zu gefährlich, schimpften einige, als die Menschenmenge sich auflöste. Und die Regierung in Paris habe Marseille bei der Bewerbung im Stich gelassen, wieder einmal. Auf der anderen Seite brüllte ein Fischer: "Was für eine Dummheit, sich zu bewerben. Diese Idioten, wollten doch 125 Millionen Euro investieren! Der America's Cup ist etwas für die Reichen. Und die Armen zahlen wie immer die Zeche." Er schleuderte in seinem Zorn einen Tintenfisch auf den Asphalt.

Sie haben ihn schlicht übersehen

Zinedine Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, ist diesem Marseille treu geblieben. Erst im Oktober stellte er sich wieder für ein Benefizspiel zur Verfügung, man sah ihn verletzt auch bei der Beerdigung eines ehemaligen Jugendtrainers. Regelmäßig besucht er La Castellane, das berüchtigte Sozialwohnungsviertel, Schmelztiegel von über 20 Nationalitäten, wo seine Eltern leben. Es ist vor dem Spiel ausführlich durchleuchtet worden. Das Beispiel Zidane, sagten die Leute, habe nichts geändert.

Die Kriminalität sei nicht geringer geworden, nicht die Arbeitslosigkeit, auch nicht die Fremdenfeindlichkeit. Zidane aber tut, was er für richtig hält. Finanziert in La Castellane als Ehrenpräsident einen Fußballklub namens Nouvelle Vague. "Wenn man sagt, man kommt aus La Castellane, haben die Leute Angst. Wenn man sagt, man kommt aus dem Zidane-Klub, wird man respektiert", erklärte einer der Nouvelle Vague. Zidanes Bruder Farid, der die Klubgeschäfte führt, wünschte sich für Mittwoch: "3:1 für Marseille, und Zinedine schießt ein Tor."

Die Geschichte des Abends aber schrieb dann David Beckham, der dem Real-Zirkus Leben einzuhauchen versuchte. Trainer Carlos Queiroz erklärte hinterher, seine Stars hätten Angst vor den wütenden Attacken des Gegners gehabt, denen Zidane früh zum Opfer fiel. Beckham aber grätschte im zentralen Mittelfeld, durchbrach das ziellose Kurzpassspiel mit 50-Meter-Pässen, versenkte mit einem seiner Freistöße den Ball zum 1:0 und wendete auch das Blatt, als Olympique nach Midos Ausgleich auf den Siegtreffer drängte. Am eigenen Strafraum eroberte er den Ball und schlug ihn in höchster Bedrängnis auf den rechten Flügel, schon rollte der Angriff: Figo, Zidane, Raúl, Ronaldo, 2:1. Als Teil dieses Kunstwerks hatte auch Zidane seine Genugtuung.

Er werde für immer Fan von Olympique bleiben, hatte er erklärt. Für L'Equipe stellte er vor dem Spiel eine Marseiller All-Star-Mannschaft zusammen. Der gehörten Klaus Allofs und Karl-Heinz Förster an, und natürlich Enzo Francescoli, sein Idol, nach dem er seinen ersten Sohn benannte. Warum er nie selbst für Olympique spielte? Sie haben ihn Anfang der neunziger Jahre schlicht übersehen.

Mit zusammengekauften Stars - und Bestechungsgeldern - gewann Olympique unter Präsident Bernard Tapie 1992 den achten Meistertitel und 1993 die Champions League. Und seither nichts mehr. Tapie wanderte ins Gefängnis, und die Millionen, die Adidas-Chef Louis-Dreyfus spendierte, wurden sinnlos verbrannt. Erst jetzt scheint der Verein die Kurve zu bekommen, mit beschränktem Etat und verjüngter Mannschaft. Zidane wird nicht zurückkommen, auch nicht 2005 nach Ablauf seines Vertrages in Madrid. Das gäbe zu viel Trubel, sagt er, das müsse jeder verstehen.

Nach dem 2:1-Sieg bedauerte er ausdrücklich, dass Olympique nun bloß mehr um Gruppenplatz drei spielt. "Ich bin der, dem das am allermeisten leid tut", sagte er im Fernsehinterview. Das konnte man ihm glauben oder nicht. Weiter befragen ließ er sich nicht. Ohne ein Wort humpelte er in seinem braunen Mäntelchen an den Reportern vorbei. Er hatte genug von diesem Festabend.