1:1 in letzter Sekunde: Dank Iniestas Tor in der 93. Minute sichert sich der FC Barcelona beim FC Chelsea den Einzug ins Finale der Champions League. Es war der erste Schuss auf das Chelsea-Tor überhaupt.

Ob sich auch Michael Ballack auf dieses Champions-League-Halbfinale gefreut hat? Wenn man die Debatten vor dem Rückspiel zwischen dem FC Chelsea und dem FC Barcelona richtig verstanden hatte, dann gab es für Ballack genau drei Möglichkeiten, von denen alle ungefähr gleich schlimm waren.

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Andres Iniesta schießt in der 93. Minute Barcelona ins Finale der Champions League. (© Foto: Reuters)

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Erstens: Er scheidet mit Chelsea aus. Zweitens: Chelsea kommt weiter, aber Ballack fehlt im Endspiel, weil er sich - wie bei der WM 2002 in Asien - im Halbfinale eine gelbe Karte zu viel abholt. Drittens: Chelsea kommt weiter, Ballack wird nicht gesperrt, aber natürlich geht dann das Finale gegen Manchester verloren - weil Ballack Endspiele gern verliert.

Am Ende hatte sich das Schicksal für Möglichkeit eins entscheiden, und das Schicksal war diesmal besonders brutal: Bis zur 93. Minute führten die Londoner völlig verdient mit 1:0, bevor ein Schuss von Iniesta den insgesamt einfallslosen Spaniern völlig überraschend das Finale rettete. Ballack hatte am Ende kaum Zeit zum Trauern, er musste sich erstmal ärgern: über den Schiedsrichter, der bei einigen strittigen Elfmetersituationen stets gegen Chelsea entschied; und über die eigene Elf, die in der zweiten Hälfte extrem fahrlässig mit ihren Chancen umging. Nun trifft Barcelona im Finale auf Manchester United.

Die ersten neun Minuten sah es so aus, als könnte ohnehin nur Möglichkeit eins (Chelsea scheidet aus) in Betracht kommen. Die Spanier erinnerten sich offenbar an ihr letztes Auswärtsspiel, welches einen furiosen 6:2-Sieg bei Real Madrid erbracht hatte.

Gleich vom Anpfiff weg ließen die Barça-Profis den Ball so zügig kreiseln, als hätten sie sich für dieses Halbfinale eine einfache Taktik erdacht: Wer in Ballbesitz ist, der kann schon mal kein Tor kassieren. Es gibt nicht viele Gegner in Europa, die dieser banal-genialen Taktik etwas entgegensetzen können - aber Chelsea konnte. Die Londoner konterten das Gekreisel auf die wirkungsvollste Art: mit einem Tor.

Der erste Angriff der Heimelf endete mit einem ebenso zufälligen wie kunstvollen Tor: Lampards Schuss wurde abgefälscht, und den Abpraller drosch Michael Essien volley ins Tor (9.). Es war ein Schuss, der ebenso brachial wie filigran war - und ein wenig an jenen Prachtschuss erinnerte, den Zinedine Zidane im Champions-League-Finale von 2002 gegen Bayer Leverkusen (Ballack!) versenkte.

Kein stumpfes Zerstörertum

Es war ein Tor, das genau der Spielweise entsprach, auf die Trainer Guus Hiddink seine Elf programmiert hat - ja, Chelsea verteidigt, und wer zur Gattung der Offensivromantiker zählt, der kann auch "mauern" dazu sagen. Aber es ist ein Mauern, das nicht aus stumpfem Zerstörertum besteht, sondern aus kluger Gruppendynamik, zu der auch Ballack beitrug. Gewohnt breitschultrig bezog er seinen Wachposten im sehr defensiven Mittelfeld, von wo er die Verschiebebewegungen der Defensive koordinieren half.

Wenn es etwas gab, was Barça gar nicht gebrauchen konnte, dann war es ieses Tor. Chelsea verteidigt ohnehin stabil, aber dieser frühe Treffer schenkte den Londonern genau jene Versuchsanordnung, die sie lieben: Sie konnten dabei zusehen, wie der Gegner noch offensiver werden musste, was sie immer wieder zu scharfen Kontern nutzen konnten.

So kam es, dass die Engländer in der ersten Hälfte die klar besseren Chancen hatten: Während sich die Spanier bemühten, ihren Rhythmus zu finden, kamen Drogba (gegen Valdes), Terry (Kopfball) und nochmal Drogba (frecher Freistoß mit anschließender Knieparade von Valdes) zu drei großformatigen Chancen. Außerdem hätten die Engländer gerne zwei Elfmeter gehabt, wobei Referee Ovrebo in einer Szene den Tatort (Alves gegen Malouda) aus dem Strafraum verlegte. Chelsea mauerte jetzt auch nicht mehr, Chelsea war aggressiv, dominant, einfach besser.

Barcelona erhöht den Druck

Es war eine Erkenntnis dieses Spiels, dass auf diesem Niveau selbst eine herausragende Elf wie Barça Probleme bekommt, wenn sie auf ein paar entscheidende Profis verzichten muss. Die Innenverteidigung Puyol/Marquez wurde ebenso vermisst wie Außenstürmer Thierry Henry; ihn ersetzte Andres Iniesta, dessen strategische Fähigkeiten im Mittelfeld fehlten. Nach der Pause erhöhte Barcelona den Druck, aber Messi fand auch weiterhin schwer ins Spiel, und wäre Drogba (53.) nicht an Valdes gescheitert, wäre Barcelona wohl schon aus dem Spiel gewesen.

So aber blieb es spannend, weil jeder wusste, dass ein einziges Tor Barça ins Finale bringen würde - aber als Schiedsrichter Ovrebo Barças Franzosen Abidal wegen angeblicher Notbremse die rote Karte zeigte, musste es Barça in Unterzahl versuchen. In der 83. Minute hätte die Partie erneut entschieden sein können, aber Ovrebo versagte den Engländern einen Handelfmeter. Chelsea war einem Tor auch jetzt näher, im Abschluss waren sie aber deutlich weniger kunstvoll als in der Defensive - was sich brutal rächte. In der Nachspielzeit unterlief Essien ein Fehler, Messi passte zu Iniesta - der traf. Und Ballack sah noch eine gelbe Karte.

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(SZ vom 7.5.2009)