Champions League Drama, Bayern!

Aus dem Stadion von Thomas Hummel

Für einige war dieser Abend offenbar zu viel gewesen. "Ich bin mehr geplättet, als dass ich mich freue", sagte Thomas Müller und blickte mit leicht glasigen Augen durch die Katakomben der Münchner Arena. Ein paar Zimmer weiter saß sein Trainer Pep Guardiola mit fahler Gesichtsfarbe auf dem Podium. Er strahlte die Energie eines Mannes aus, der nun dringend ins Bett muss.

Dabei wäre der Abend durchaus ein paar Freudensprünge wert gewesen. Ein Abend, an dem viel mehr schiefgelaufen war, als es die Bayern selbst je für möglich gehalten hätten. An dem hier und da das Glück mithalf. Und an dem sich diese Mannschaft mit einer großen Energieleistung und viel Konzentration aus dem Schlamassel gezogen hatte. Der FC Bayern erreichte schließlich mit einem 4:2 nach Verlängerung gegen Juventus Turin das Viertelfinale der Champions League. So viel Drama aber ist man in München gar nicht mehr gewohnt.

Riesiger Druck auf Guardiola

Für sehr lange Zeit hatte der Klub in einen dunklen Abgrund hineingesehen. Spitzt sich in diesem Wettbewerb nicht die Ära Guardiola beim FC Bayern zu? Muss der Spanier nicht endlich auf der ganz großen Bühne zeigen, dass er wirklich das Trainergenie seiner Zeit ist? Ist hier nicht das eigentliche Zuhause für den Großklub, der national kaum mehr gefordert wird? Und dann ein Aus im Achtelfinale? Es wäre fürchterlich geworden. Joshua Kimmich berichtete aus der Kabine: "Man hat gemerkt, dass da vieles von uns abgefallen ist."

Wie groß gerade der Druck auf Guardiola lastete, war kurz nach dem Schlusspfiff zu sehen. Inniglich umarmte er Sportchef Matthias Sammer, dann nacheinander seine Mitarbeiter im Trainerteam. Er winkte strahlend Richtung Haupttribüne und schickte Kusshändchen. Der Mann war eine einzige Erleichterung. Dabei musste der Perfektionist diesmal anerkennen, dass sein Anteil an dem Happy End geringer war, als er das sonst gewohnt ist. Denn das war kein Guardiola-Spiel gewesen, in dem sich alles nach einem stringenten Plan richtet und vollendet. Dieses Achtelfinal-Rückspiel gegen Turin wird eher als Willensleistung in Erinnerung bleiben denn als Strategiespiel. Eher ein Vidal-Spiel.

Arturo Vidal ist ja keiner, der einen Gegner kühl sezieren kann. Bisweilen hatte er wie ein Fremder gewirkt in dem Münchner Dauerkreisel und mechanischem Pass-Gewitter. An diesem Mittwoch aber benötigte die Mannschaft die Attitüde eines Jagdhundes, der sich am Hosenbein festbeißt und erst loslässt, wenn der Gegner aufgibt. Selbst wenn die Kaumuskeln schon krampfen. Der unerbittliche Biss war schlichtweg nötig, um diesen urplötzlich so starken Gegner besiegen zu können.

Das 2:2 im Hinspiel hatte ja noch als Gnadenakt der Münchner gegolten. Doch diesmal griffen plötzlich die Italiener ganz vorne an und provozierten Fehler, an die man sich in München gar nicht mehr erinnern konnte. David Alaba etwa erlebte eine erste Stunde Spielzeit so schwach wie, ja, ... wie noch nie. Beim 0:1 klärte er nicht und irritierte Torwart Manuel Neuer, sodass Paul Pogba den Ball ins leere Tor schob (5.). Vor dem 0:2 verlor der Österreicher vorne den Ball, konnte dann den startenden Álvaro Morata nicht stoppen. Morata umkurvte bei seinem unglaublichen Sprint zudem Medhi Benatia und Kimmich, Juan Cuadrado schoss clever ins kurze Eck (28.). "Jetzt wird es schwer", dachte da Kapitän Philipp Lahm und mit ihm ein ganzes Stadion. Dazu half einmal der Pfosten sowie ein falscher Pfiff des Schiedsrichters, dass nicht noch mehr Unheil über die Münchner hereinbrach.