Von Von Marc Widmann

Champions-League-Halbfinalist AS Monaco spielt heute abend (20.45 Uhr) gegen Chelsea um den Einzug ins Finale und hat somit dem Fürstentum eine gemeinsame Identität verschafft.

An diesem Abend war alles anders. Die Begeisterung war in die Straßen Monacos geschwappt wie eine Flutwelle aus dem nahen Hafen. Zu Hunderten standen die Menschen am Straßenrand, schwenkten rot-weiße Schals oder trommelten mit aufblasbaren Plastikstäben auf vorbeifahrende Autodächer. Ein Porsche-Fahrer versuchte sich dem Trubel zu entziehen, in dem er in der Mitte der Straße fuhr. Als sich der Mannschaftsbus des AS Monaco näherte, wuchs der Krach zu Lärm. Und keine drei Stunden später, als Real Madrid besiegt und die Sensation vollbracht war, waren die Fans wieder auf den Straßen. Sie fuhren hupend durch die Stadt, eine muntere Kolonne der Kleinwagen. Nur die teuren Cabrios fehlten plötzlich.

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Fußball ist in Monaco nicht eine weitere Ablenkungsmöglichkeit für Steuerflüchtlinge, neben Yachthafen und Golfklub. Es sind die einfachen Monegassen, Menschen, die hier geboren wurden und in Hotels, Apotheken oder Bäckereien arbeiten, die wohl auch heute Abend wieder am Straßenrand stehen werden, bevor der AS Monaco im Halbfinale der Champions League auf den FC Chelsea trifft. Dann verwandelt sich der Luxusfelsen im Süden Frankreichs wieder in eine Fußball-Stadt - für einen Abend.

Den schönsten Blick auf das Stadion Louis II. hat man vom höchsten Punkt des Fürstentums, dem Palast des Fürsten Rainier II. Hier wohnt auch einer der größten Fans des Fußballklubs: Kronprinz Albert. Die Monegassen lästern, er solle sich endlich eine Frau suchen, ehe das Fürstentum wegen Kinderlosigkeit zurück an Frankreich fällt. Doch Albert schwärmt vor allem für Sport, wurde durch seine Liebe zum Bobfahren bekannt. Manche sagen, wenn er vor einem Jahr nicht eingegriffen hätte, gäbe es den ASM heute gar nicht mehr.

Im Sommer 2003 war der AS Monaco Pleite. 53 Millionen Euro Schulden drückten den kleinen Verein, der Verband drohte sogar damit, ihn in die zweite Liga zurückzustufen. Doch das passte überhaupt nicht in den Plan des Prinzen. Der Sport hat nämlich eine besondere Aufgabe in Monaco: Er soll das Fürstentum mit Imageproblemen für etwas anderes bekannt machen als nur für den Yachthafen und das Casino. Der Grand Prix erfüllt diese Aufgabe - einmal im Jahr. Der fürstliche Fußballverein soll regelmäßig Touristen von außen anlocken. Und er soll im Inneren das stiften, was ein drei Kilometer breites Stück Land mit 30 000 Einwohnern braucht: eine gemeinsame Identität. Wenn die Menschen hier schon einmal auf die Straßen ziehen, dann um den eigenen Verein zu feiern.

Direkte Subventionen an Fußballvereine sind in Frankreich allerdings verboten, daran hält sich auch das Fürstentum, das als Gast in der französischen Liga mitspielt. Also drängte der Kronprinz erst den Präsidenten zum Rücktritt und aktivierte anschließend eine Reihe von lokalen Geschäftsleuten, die dem Klub vorerst aus der finanziellen Klemme halfen. Eine russische Investorenfirma namens Fedcominvest hatte ebenfalls Interesse bekundet - doch gegen ihren Einstieg legte Albert sein Veto ein. Die Firma stand unter Geldwäscheverdacht. Gesichert ist die finanzielle Zukunft Monacos allerdings noch lange nicht. Die Millionen aus den Champions League-Siegen benötigt der Klub dringend, sie verschaffen ihm immerhin etwas Spielraum.

In der französischen Liga steht der AS Monaco derzeit auf dem zweiten Platz, nur einen Punkt hinter Olympique Lyon. Doch im Schnitt ist das 18 000 Zuschauer fassende Stadion lediglich zur Hälfte gefüllt, die Zuschauereinnahmen bleiben spärlich. Fürstliche Gehälter für Fußballspieler wird es in Zukunft in Monaco wohl noch seltener geben. Wegen der Gehälter ist der AS Monaco in Frankreichs Fußball-Landschaft verschrieen. Von Wettbewerbsverzerrung sprach kürzlich gar der Präsident von Olympique Marseille, Christophe Bouchet, doch sein Vorwurf war schon alt: Ausländische Spieler zahlen in Monaco bekanntlich keine Steuern, auch Sozialabgaben muss der Klub praktisch keine bezahlen. Einen Vorteil von rund zwanzig Millionen Euro bringe das dem ASM pro Jahr, hat eine Studie herausgefunden.

Im Schatten von Palmen und Steuererleichterungen ist ein starkes Team herangereift. Hinter Spielmacher Ludovic Giuly steht eine sichere Viererkette, die im Schnitt 22 Jahre alt ist. Vor ihm stürmt neben dem letztjährigen Torschützenkönig Shabani Nonda auch Leihgabe Fernando Morientes, der allerdings regelmäßig betont, dass er lieber wieder zu Real Madrid zurück kehren würde. Und auf der Bank sitzt der Mann, der ihnen allen die Richtung gewiesen hat: Didier Deschamps, Frankreichs Weltmeister-Kapitän von 1998 und als Trainer-Neuling mittlerweile zu einem Markenzeichen namens ¸¸DD" gereift. 35 Jahre ist er erst alt. Am Anfang hätten sie ihn nach ein paar verlorenen Spielen fast davon gejagt. ¸¸Es gibt für uns keine Grenzen", sagte Deschamps nun grinsend nach dem 3:1-Sieg gegen Madrid, ¸¸alles ist jetzt möglich." Und während er noch sprach, hupten vor dem Stadion schon längst die ersten Kleinwagen.

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