Champions League An Ronaldo prallt die Häme ab

Zweites Tor in München: Cristiano Ronaldo feiert.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • In Überzahl hätte Real Madrid das Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Bayern schon im Hinspiel entscheiden können.
  • 16:2-Torschüsse nach der Pause, doch nur zwei Tore von Cristiano Ronaldo, der sich vom Stümper zum Weltklasse-Stürmer wandelt.
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Aus dem Stadion von Thomas Hummel

Als Cristiano Ronaldo aus dem Kabinentrakt kam und Richtung Mannschaftsbus ging, herrschte fast ein Tumult. Real Madrid stellte ihm einen Begleiter zur Seite, der dem Stürmer einen Weg durch die Kameras, Mikrofone und verirrten Vip-Gästen bahnen sollte. Ronaldo ging aufrecht, den Blick starr nach vorne gerichtet, das Gesicht unbewegt. Wie eine wandelnde Statue in Anzug und Krawatte ignorierte er das Treiben um ihn herum, sein Begleiter scheuchte die Leute weg. Tür auf, Tür zu, weg war er.

Real Madrid und sein weltberühmter Stürmer haben sich nicht mehr lange aufgehalten in München. Es hatte ja Zeiten gegeben, da gab es für den königlichen Klub hier nicht viel zu holen, ständig Niederlagen und Enttäuschungen. "Bestia negra" nannten die Spanier den FC Bayern - Angstgegner. Jetzt schreibt die Madrider Sportzeitung AS: "München ist jetzt schon erobertes Land von Madrid."

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Vor drei Jahren hatten sie den Bayern beim 4:0 eine Abreibung verpasst. An diesem Mittwochabend fehlte nicht viel und es wäre ähnlich ausgegangen, doch Real Madrid gewann das Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale nur mit 2:1. Und ärgerte sich darüber, das Halbfinale mit einem höheren Sieg nicht schon klargemacht zu haben.

"Ich hätte mir gewünscht, dass wir das ein oder andere Tor mehr gemacht hätten", sagte Toni Kroos danach. Das war recht freundlich ausgedrückt. Als Cristiano Ronaldo einmal freistehend aus acht Metern am fulminanten Torwart Manuel Neuer gescheitert war, da hatte Reals deutscher Nationalspieler die Arme gehoben und den geschüttelt. Es sah aus, als wollte er sagen: Wir spielen hier die Bayern an die Wand und schaffen es einfach nicht, den Ball ins Tor zu bringen.

"Wir haben den Bayern den Ball weggenommen und das mögen sie nicht"

Ronaldo gelang kurz darauf doch noch sein zweites Tor zum Siegtreffer (77.). Er ist damit der erste Spieler auf dem Planeten, der in internationalen Klubwettbewerben hundert Tore erzielt hat. Doch auch der Portugiese lag beim Schlusspfiff etwas ratlos im Münchner Strafraum. In der letzten Aktion des Spiels war eine Flanke genau auf seinen Kopf geflogen, doch der völlig freistehende Stürmer war im Rasen hängen geblieben und umgefallen statt hochzuspringen. Er musste sogar kurz medizinisch behandelt werden, weil sein Knie schmerzte.

Trotz 16 Torschüssen allein in der zweiten Halbzeit blieb es beim 2:1. Trainer Zinédine Zidane wollte den vergebenen Torchancen demonstrativ nicht nachtrauern. "Mit einem Tor mehr hätte sich nicht viel geändert", erklärte er. Um anzufügen: "Na gut, vielleicht ein bisschen was." Und lächelte. Zidane betonte lieber, wie zufrieden er mit seiner Mannschaft sei. "In der zweiten Halbzeit haben wir wirklich sehr gut gespielt. Wir haben den Bayern den Ball weggenommen und das mögen sie nicht."

Für die Münchner Zuschauer war das eine ganz neue Erfahrung. Schon in der ersten Halbzeit gab es Phasen, da rannten ihre Ballbesitz-Profis vergeblich dem Gegner hinterher. Die Bayern-Profis reagierten bisweilen verwirrt und eingeschüchtert. Trotzdem benötigten die Gäste Glück, Arturo Vidal traf zuerst per Kopf, schoss dann aber den (unberechtigten) Elfmeter auf den zweiten Tribünenrang. "Wenn du mit 0:2 in die Kabine gehst, dann ist es eine andere Partie", gab Zidane zu.

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Stattdessen wurde Cristiano Ronaldo zum Sinnbild des Wandels. Vor der Pause war er fast immer an Javi Martínez oder Lahm hängen geblieben, einmal rutschte ihm ein Pass unter der Sohle hindurch. Es sah aus wie bei einem stinknormalen Bezirksliga-Kicker, das ganze Stadion johlte vor Häme. Doch Ronaldo ist Häme gewöhnt und spielte einfach unbeeindruckt weiter. Kurz nach der Pause verwandelte er die erste Chance technisch anspruchsvoll zum 1:1 und provozierte dann mit seiner Schnelligkeit zwei Fouls von Martínez. Der Bayern-Verteidiger musste mit Gelb-Rot vom Platz, in Überzahl hatten die Spanier leichtes Spiel gegen den viel zu offen verteidigenden Gegner. "Da hat sich das Spiel nochmal verschoben, weil es einfach mehr Räume gibt", sagte Kroos. Ein Angriff nach dem nächsten rollte nun auf das Münchner Tor zu.

Natürlich wehrten sich alle Beteiligten bei Real gegen den Eindruck, dass mit dem Sieg das Viertelfinale schon entschieden sei. Bayern sei stark, im Rückspiel am kommenden Dienstag könne noch alles passieren, sagten sie gewohnheitsgemäß. "Wir werden auch im Rückspiel leiden müssen", drückte es Trainer Zidane aus. Wieder lächelte er. Es kam dabei eher das Gefühl auf, als würden sie in Madrid nicht mehr daran glauben, dass ihnen dieser Gegner noch Schaden zufügen kann.

Eines aber ging dann doch noch schief an diesem Abend. Casemiro musste zur Dopingkontrolle und die dauerte so lange, dass er Mannschaftsbus samt Flieger verpasste. Der Mittelfeldspieler verbrachte die Nacht in München.


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