Von Jürgen Schmieder, Zugspitze

Joachim Löw benennt 26 Spieler für seinen Kader - die größte Überraschung ist die Nicht-Berücksichtigung von Timo Hildebrand.

Gleich nach dem Start der Zahnradbahn in Grainau meldete sich Oliver Bierhoff zu Wort: "Es geht bergauf", sagte er und verdeutlichte damit noch einmal, wie symbolhaft dieser Tag werden würde - an dem ja nicht der EM-Kader verlesen, sondern eine Show inszeniert wurde, als würden die Oscars verliehen oder mindestens der "Weltfußballer des Jahres" prämiert. Bierhoff trug deshalb einen Anzug, als wäre er der Moderator der Oscar-Verleihung, und eine Brille, als wolle er nach der Präsentation auf Skiern den Berg hinunterfahren.

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Auf der Zugspitze wurden Poster verteilt, die Jogi Löw (links) und seine Nationalspieler im Luis-Trenker-Outfit zeigen. (© Foto: dpa)

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Oliver Bierhoff hat während seiner Karriere ein Marketing-Studium absolviert und vor seiner Zeit als Manager der Deutschen Fußballnationalmannschaft bei Vorträgen geredet, soweit die Fußball-Metaphern ihn trugen. Dieser Oliver Bierhoff bestimmte also, dass die Präsentation des EM-Kaders in 2962 Metern Höhe auf dem Gipfel der Zugspitze stattfindet. Es soll die Nähe zu den Gastgebern zeigen, schließlich kann man von der Zugspitze nicht nur bis in die Schweiz oder hinunter auf die österreichische Seite sehen sondern bei gutem Wetter vielleicht sogar bis nach Huntington Beach. Irgendwie roch es nach Heidi Klum und Franz Beckenbauer. Die waren aber nicht da, nur Lothar Matthäus. Der trug eine Jacke, auf der Eurosport stand und grinste, als würde er selbst noch einmal nominiert.

Trainer im Luis-Trenker-Outfit

Unten im Tal hingen an nichtsahnenden Bäumen Sticker mit dem DFB-Logo, um den Weg zu weisen. Jeder einzelne Teilnehmer wurde per Handschlag begrüßt - es wurden gar Poster verteilt, auf dem einige Nationalspieler und ihr Trainer im Luis-Trenker-Outfit ganz oben auf dem Gipfel stehen, den Blick in die Ferne gerichtet. Darüber steht: "Vor Euch liegt ein schwerer Weg. Aber Ihr geht ihn nicht allein." Jogi Löw steht direkt neben Timo Hildebrand - würde er den linken Arm ausfahren, hätte er Hildebrand vom Berg gestürzt.

Das hat Löw auch getan, will man sich der Bierhoff-Symbolik anschließen. Hildebrand darf nicht Europameister werden, statt dessen nominierte Löw die Torhüter Jens Lehmann, Robert Enke und René Adler. Der Mann, dessen Trikot für die Zeit nach der EM schon mit einer "1" beflockt zu sein schien, darf nicht mit. Es war die erste unpopuläre Entscheidung der Ära Löw - von der Dimension etwa vergleichbar mit der Nichtberücksichtigung von Kevin Kuranyi vor zwei Jahren. Das war die Meldung des Tages, die allerdings schon vor der Abfahrt durchsickerte.

"Natürlich waren alle, die nicht dabei sind, schmerzlich enttäuscht", sagte Löw. Torwarttrainer Andreas Köpke ergänzte, dass die Nominierung von René Adler sicherer war als die von Robert Enke: "Aufgrund der Leistung und der Altersstruktur wollten wir René mitnehmen. Und dann mussten wir uns zwischen Timo und Robert entscheiden." Zwischen den Zeilen konnte man da heraushören, dass René Adler gar die Nummer zwei bei diesem Turnier sein wird.

Keine Angst vor dem Abschlusstraining

Ansonsten hielten sich die Überraschungen in Grenzen - wohl auch deshalb, weil es in der Periphere des Kaders nicht so viel zu überraschen gab. Löw nominierte 26 Spieler, die von Kindern dargestellt wurden. Zu den überraschend Nominierten gehören Jermaine Jones, David Odonkor, Tim Borowski, Marko Marin und Patrick Helmes. "Natürlich wissen viele Spieler, dass sie, wenn sie eine ordentliche Vorbereitung spielen, auch im endgültigen Kader sind", sagte Löw. "Für die anderen beginnt ein Konkurrenzkampf."

Angst vor einem Abschlusstraining, wie es vor der WM 1986 eines gab, als sich Wackelkandidaten gegenseitig umtraten, fürchtet Löw nicht. "Es ist eher ein Luxus, so viele Spieler zu haben. Und diese Ressourcen wollen wir nutzen." Beim Confederations Cup 2005 habe man die Erfahrung gemacht, dass die auf Abruf stehenden Spieler nicht fit genug waren. "Nun bleiben sie im Rhythmus."

Früher war die Präsentation des Kaders so interessant wie ein Hollywood-Liebesfilm, das spannendste war die Vergabe der Rückennummern. Man wunderte sich kurz, dass der Bundesliga-Torschützenkönig nicht nominiert wurde (Fritz Walter oder Roland Wohlfahrt etwa), und freute sich, dass Rudi Völler wieder die "9" bekam. Franz Beckenbauer las seinen WM-Kader von einem Zettel ab, Rudi Völler kannte ihn auswendig, weil er eh immer die Gleichen nominierte. Begriffe wie Videopräsentation, Power-Point und Symbolik gab es im deutschen Fußball damals noch nicht.

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