BVB - Hoffenheim (17.30 Uhr) Wiedersehen nach acht Jahren

Julian Nagelsmann hat 2008 bei Augsburg II unter Trainer Thomas Tuchel gespielt und gescoutet - nun treffen sie sich in der Bundesliga wieder. Der junge Hoffenheimer will den Lehrmeister ärgern.

Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Julian Nagelsmann spricht voller Ehrfurcht über den Trainer Thomas Tuchel. Vor allem von Tuchels Trainingsgestaltung ist Nagelsmann begeistert. Er kennt sie seit vielen Jahren, seit Tuchel Trainer der zweiten Mannschaft beim FC Augsburg war und Nagelsmann für ihn die Taktik des jeweils nächsten Gegners analysiert hat. "Tuchels Trainingseinheiten haben mich geprägt", sagt Nagelsmann heute, "es waren selten die gleichen, man musste extrem mit dem Kopf dabei sein."

Nagelsmann ist heute Trainer bei der TSG Hoffenheim, Tuchel bei Borussia Dortmund. An diesem Sonntag gastieren die Hoffenheimer in Dortmund, Nagelsmann also bei seinem einstigen Inspirator. Aber vermutlich wäre Nagelsmann just in dieser Woche ausgerechnet vom Tuchelschen Training enttäuscht gewesen, denn in der Terminhatz zwischen Europapokal und Bundesliga ist in Dortmund kaum ein reguläres, geschweige denn taktikerweiterndes Training möglich. Die Samstagseinheit, zwei Tage nach dem 1:0-Sieg in Porto, nannte Tuchel lakonisch "einen verschärften Spaziergang", aber aus der Ruhe bringt den BVB-Coach dieser Umstand nicht, "weil viele Abläufe bei uns im Grunde ohnehin allen klar sind und nicht eigens trainiert werden müssen - es genügt, sie zu zeigen."

"Wir haben uns auch gerieben", sagt Tuchel über Nagelsmann

Die Rollen in diesem Sonntagsspiel sind ohnehin klar verteilt. Dortmund geht als Tabellenzweiter ins Duell mit dem Vorletzten aus dem Kraichgau, der freilich unter dem erst 28-jährigen Nagelsmann einen äußerst guten Neuanfang erwischt hat. "Julian war ein sehr wissbegieriger Spieler, nicht ganz einfach zu führen", erinnert sich Tuchel, 42, und erzählt: "Wir haben uns auch gerieben."

Heute dürfen sie gegenseitig den höchsten Respekt zeigen, weil sich das unter Kollegen ja ohnehin gehört. Beim 1:1 in Bremen und beim 3:2-Sieg gegen Mainz hat Nagelsmann seinen positiven Einfluss auf die zuvor oft geschundene Hoffenheimer Mannschaft sehr schnell zeigen können. Die Dortmunder müssen derweil niemandem mehr etwas beweisen. Vier Siege und ein Remis aus den jüngsten fünf Bundesligaspielen und in der Liga seit sechs Stunden und 32 Minuten ohne Gegentreffer, könnten sie bei ihren Gästen das Gefühl hervorrufen, in Dortmund ohnehin nichts zu verlieren zu haben.

Nagelsmann sucht auf jede Dortmunder Fragestellung eine Antwort

Doch wer das denkt, kennt Nagelsmann schlecht. "Wir wollen eine Antwort haben auf jede Fragestellung, die Dortmund uns vorgibt", sagt Nagelsmann und betrachtet das Spiel in Dortmund als taktische Herausforderung. Er will, dass seine Spieler den Dortmundern keine Räume und deren Stürmer gar nicht erst ins Laufen kommen lassen. Dass die Dortmunder schwer zu analysieren und aufgrund ihrer enormen Variabilität nicht zu stoppen sein werden, wundert Nagelsmann vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit dem akribischen Trainer Tuchel natürlich kaum. "Dortmund hat viele variable Aufbauszenarien, man kann es schwer vorbereiten."

"Frische und Lust" fordert Tuchel vor allem von seiner Mannschaft, die seit Wochen dauerbeschäftigt ist und sich auf jedes Spiel explizit fokussieren muss. Ob die Abwehrmänner Mats Hummels und Lukasz Piszczek mitspielen können, ist offen. Hummels war in Porto in der Pause mit Schmerzen im Hüftbeuger ausgewechselt worden, Piszczek konnte wegen einer Muskelverhärtung gar nicht spielen. Auch hinter Marco Reus steht für die Partie gegen Hoffenheim noch ein Fragezeichen, er hat wieder Adduktorenprobleme.

Nagelsmann weiß überdies, wie Tuchel seine Fußballer vorbereitet. Er selbst hat in der Saison 2007/08 beim FC Augsburg II unter Tuchel gespielt, ehe er seine aktive Karriere wegen eines Knieschadens beendet musste und fortan als Scout für Tuchel arbeitete. Tuchel wechselte anschließend in jenem Sommer 2008 nach Mainz, Nagelsmann als Co-Trainer in die U17 des TSV 1860 München. Fast acht Jahre ist das her. Dass sie sich nun als Bundesligatrainer zu einem Spiel vor 80.000 Zuschauern wiedertreffen, hätten beide damals in Augsburg sicher nicht zu träumen gewagt.