Von Christoph Kneer

Seit der Wiedereinführung des Freitagsspiels drehen einige Bundesliga-Teams unter Flutlicht besonders auf. Allen voran der VFL Bochum, der heute gegen Frankfurt spielt.

Seit ihrer Erfindung macht sich die Bundesliga einen Spaß daraus, Rekorde zu sammeln. Kein Tor ist der Liga zu gering, man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, schon kann ein normales Tor plötzlich ein Rekordtor sein. Vielleicht ist ein Tor zum Beispiel das erste, das jemals um 15.47 Uhr von einem Spieler erzielte wurde, der ein beidfüßiger Fußball-Deutscher mit vier Geschwistern und drei Spielerberatern ist und außerdem noch nie von Peter Neururer trainiert wurde.

Der VFL Bochum hofft auch beim heutigen Freitagsspiel gegen Eintracht Frankfurt erneut jubeln zu können. (© Foto: ddp)

Anzeige

Am 17.November 2006 gab es ein Spiel, in dem die Bundesliga mit heiliger Begeisterung ein paar neue Rekorde in die Bestlisten aufnahm. Die Rekordgraumaus Bochum empfing die Rekorddiva Frankfurt, und es waren keine fünf Minuten gespielt, als Frankfurts Streit der schnellste Doppelpack seit 15 Jahren glückte. Anschließend wurde Frankfurts Vasoski zum dritten Mal in der Saison vom Platz gestellt, was zu so einem frühen Zeitpunkt noch nie einer geschafft hatte, und kurz vor der Pause schossen die Bochumer drei Tore innerhalb von sieben Minuten. Und Peter Neururer war auch im Stadion, jener ewige Rekordmann, der in seinem Leben schon mehr Vereine trainiert hat als es überhaupt gibt. An diesem Abend trainierte er niemanden. Er war als Fernsehexperte gekommen.

Elektrisierte Zuschauer

Es war ein Freitag, natürlich, es konnte nur ein Freitag sein. Der Freitag ist der Tag für großes Kino. Dabei ist es dem Freitag meist egal, ob nun Bochum und Frankfurt mitspielen wie damals, beim 4:3-Sieg des VfL - oder ob er Borussia Dortmund und Werder Bremen nach seiner Pfiffe tanzen lässt, wie in der vergangenen Woche, als der BVB 3:0 siegte und hinterher keiner mehr wusste, ob nun die tollen Tore oder die fiesen Fouls ergreifender waren. Der Freitag hat schon vielen Teams seinen Willen aufgezwungen, und es gibt Teams wie den VfL Bochum, die sich besonders gerne von ihm durchschütteln lassen. "Wir freuen uns jedenfalls schon auf dieses Spiel", sagt VfL-Manager Stefan Kuntz vor der Neuauflage des Duells mit Eintracht Frankfurt an diesem Freitag.

Der VfL Bochum ist der Freitagsmeister der Bundesliga. Seit die Freitagabendspiele zu Beginn der Saison 2006/07 nach fünfjähriger Pause endlich wieder eingeführt wurden, hat der VfL nur einmal verloren. Einmal hat er Remis gespielt und fünfmal gewonnen, viermal in der vergangenen Saison, einmal in dieser. Es war das 2:1 gegen den Hamburger SV am dritten Spieltag, es war ein Spiel, randvoll mit allen Abenteuern des Freitags: mit wilden Spielzügen, kühnen Toren und einer roten Karte für den Hamburger Kompany.

"Der Freitag hat eine spezielle Stimmung, die solche Spiele erst möglich macht", sagt Stefan Kuntz. Er ist der Freitagsmann der Liga, er hat bei Bochum gespielt und in Kaiserslautern, jenen Orten, die den Freitag immer lieb gehabt haben. "In Kaiserslautern hat man immer gesagt: Wenn auf dem Betzenberg nur das Licht angeht, kommen schon 15 000 Zuschauer, auch wenn gar kein Spiel ist", sagt Kuntz. Der Freitag ist der Europacup des kleines Mannes, und auch große Mannschaften lassen sich von der Magie des Flutlichts immer noch mitreißen. Das Flutlicht knipst die Emotionen an, auf dem Rasen und auf den Rängen. "Ein hell erleuchtetes Stadion mitten in der Dunkelheit löst auch bei abgebrühten Profis irgendwas aus, was man nicht beschreiben kann", sagt Kuntz, der davon überzeugt ist, dass der Freitagabend das Spiel verändern kann. "Ich glaube, dass der Freitag vor allem der Heimelf Vorteile bringt", sagt er. "Die Männer müssen kein schlechtes Gewissen haben, sie können auf der Tribüne befreit aufspielen, weil sie noch ein ganzes Wochenende mit der Familie vor sich haben. Die Zuschauer sind am Freitag wilder und elektrischer." Wahrscheinlich ist es für den Freitag erfunden worden, das gute, alte Bild vom Funken, der überspringt.

Am Ende kommt dann meistens eine Party heraus, die die Beteiligten ziemlich exklusiv haben. Es zählt zu den Entartungen des modernen, vom Fernsehgeld geprägten Fußball, dass das bunteste Treiben in einem schwarzen Loch stattfindet. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen finden sich kaum Bilder vom großen Freitagskino, und so kommt es, dass man von manchen heißen Abenteuern erst erfährt, wenn sie fast schon kalt geworden sind. Das brutale Freitagabendfoul des Dortmunders Blaczykowski am Bremer Tosic hat in der Liga eine Brutalitätsdebatte ausgelöst, die viele erst am Montag begriffen - als sie die Bilder irgendwo als Wiederholung sahen.

Was das jetzt alles für das Freitagsspiel Bochum gegen Frankfurt bedeutet, jenes Spitzenspiel im Flutlicht-Cup? Dem Freitag ist alles zuzutrauen, er kann 5:5 ebenso wie 0:0. Eine Rechnung aber haben beide Teams auf jeden Fall noch offen mit den Bestlisten: Albert Streits Doppelschlag von damals (1. und 5. Minute) war lediglich der zweitschnellste der Liga-Geschichte. Der schnellste gelang dem St. Paulianer Dirk Zander (1. und 4. Minute), beim 2:0-Erfolg gegen einen mit Oliver Kahn und Mehmet Scholl spielenden Karlsruher SC. Es war der 12. April 1991. Ein Freitag.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 21.09.2007)