Von Von Philipp Selldorf

Das Misstrauen grassiert: Die Verwicklung von Bundesligaschiedsrichter Jansen lässt den DFB befürchten, dass eine Fülle komplizierter Einsprüche auf ihn zukommt.

München - Die Bestätigung der Berliner Staatsanwaltschaft, dass der Bundesligaschiedsrichter Jürgen Jansen zu den Beschuldigten der Wettaffäre zählt, erweitert das Spektrum der möglicherweise von Manipulationen betroffenen Spiele.

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Jansen hat in der laufenden Saison unter anderem acht Erstligabegegnungen geleitet, darunter die bereits diskutierte Partie zwischen dem 1.FC Kaiserslautern und dem SC Freiburg (3:0). Die Beteiligten der übrigen Spiele stellen sich logischerweise nun die Frage, ob auch sie von Schiebereien betroffen sein könnten.

Misstrauen überall

Den DFB als Organisator des Spielbetriebs lässt das befürchten, dass er sich in den kommenden Wochen und Monaten mit einer Fülle von Einsprüchen und Beschwerden auseinandersetzen muss. Epidemisch breitet sich unter den Profiklubs Misstrauen aus.

So überlegt nun auch Hansa Rostock, ob bei der von Jansen beaufsichtigten Begegnung mit Hannover 96 (1:3) im Oktober vergangenen Jahres alles mit rechten Dingen zuging.

Hannover gelang durch ein umstrittenes Tor die 1:0-Führung, zudem gab es ein gravierendes Foul von 96-Torwart Enke an Rostocks Angreifer di Salvo, das Jansen nur mit einer Gelben Karte ahndete.

"Das Spiel gegen Hannover war für beide Klubs ein Schlüsselspiel für die gesamte Saison", sagt Rostocks Aufsichtsratchef Horst Klinkmann.

Nach der Niederlage ging es für Hansa abwärts. Klinkmann sagt: "Wir haben durch die im Raum stehenden Verdachtsmomente ein ganz spezifisches Interesse. Wir beobachten das, unter Wahrnehmung unserer Interessen, sehr aufmerksam."

Diese Haltung vertritt auch der SC Freiburg. Die 500 Euro für den formell erforderlichen Einspruch gegen das Lautern-Spiel beim DFB-Sportgericht hat der Klub bereits bezahlt, die Anzahl der beim Verband anhängigen Einspruchsverfahren erhöht sich damit auf zehn.

Zur Debatte steht außerdem die Wertung von vier Zweitliga-und zwei Regionalligapartien sowie drei Pokalspielen. Die Aufarbeitung wird jedoch noch eine Menge Zeit in Anspruch nehmen.

Mangel an beweisfähigen Informationen

"Zur Zeit habe ich kaum Akten zur Verfügung", sagte gestern der Sportgerichtsvorsitzende Rainer Koch. Der Mangel an zuverlässigen, beweisfähigen Informationen ist jedoch nicht allein das Problem das Sportgerichts.

"Auch der Einspruchsführer muss die Fakten auf den Tisch legen", erklärt Koch. Das bedeutet, dass die Vereine ihre Ansprüche durch Erkenntnisse untermauern müssen, über die zur Zeit nur die Staatsanwaltschaft im Rahmen des Ermittlungsverfahrens verfügt.

Bisher können sie sich nur auf die öffentlich bekannt gewordenen Verdachtsmomente berufen. Relativ klar liegt lediglich der Fall des Hamburger SV, bei dessen 2:4 verlorenem Pokalspiel in Paderborn der Schiedsrichter Robert Hoyzer Regie geführt hatte.

Koch ist zuversichtlich, dass er darüber noch vor dem Anstoß des anstehenden Viertelfinales (1. und 2. März) befinden kann. "Wir vertreten nach wie vor die Auffassung, dass wir in den Pokalwettbewerb wieder eingegliedert werden müssen", sagt der Präsident des Hamburger SV, Bernd Hoffmann.

Wie man aber ein Ergebnis der ersten Pokalhauptrunde revidiert, während der Wettbewerb bereits im Viertelfinale angelangt ist, darüber macht sich Hoffmann keine Gedanken.

"Einmalige Situation"

"Ich will mir nicht den Kopf über irgendwelche theoretischen Modelle zerbrechen", sagt er, "das ist auch nicht unsere Verantwortung: Das ist eine einmalige Situation - die erfordert außerordentliche Antworten."

Aber wie soll diese Antwort aussehen? Da widersprechen sich auf einmal auch Interessen der potentiell Geschädigten. Würde man den HSV zum Sieger der Partie in Paderborn erklären, stellt sich die Frage, ob man dann die nachfolgenden Partien - Paderborn gegen Duisburg (2:1), Paderborn gegen Freiburg (3:6 n.E.) - ebenfalls neu ansetzen müsste.

Freiburg, das im Viertelfinale den FC Bayern empfängt, ist logischerweise dagegen. Zudem gibt Manager Martin Bornemann zu bedenken: "Dann müssten alle möglichen Zahlungsströme umgeleitet werden, auch der MSV Duisburg könnte dann neue Forderungen stellen."

Schnell wuchert die Diskussion ins Reich der 100.000 Möglichkeiten. Bornemann: "Welcher Wahrscheinlichkeitsrechner wollte denn behaupten, dass - falls der HSV in Paderborn gewonnen hätte - ihm bei der nächsten Auslosung der MSV zugelost worden wäre?"

Der Freiburger Manager vertritt daher eine pragmatische Haltung zu dem Problem: "Der DFB wird nicht umhin kommen, den HSV zu entschädigen - aber das kann nur finanziell erfolgen. Nicht durch Eingliederung in den Pokalwettbewerb."

Es ist verständlich, dass jeder Verein, der in einem der möglicherweise verschobenen Spiele einen Verlust erlitten hat, seine Ansprüche vorbringt.

Aber wo endet die Betroffenheit? Regionalligist FC St. Pauli geht nicht nur gegen die Wertung der von Hoyzer geleiteten Partie gegen Osnabrück (2:3) vor, sondern verlangt nach den Worten von Präsident Corny Littmann auch, dass Paderborn die "unrechtmäßig vereinnahmten" Erlöse aus dem DFB-Pokal zurückgibt, das heißt: aus den Partien gegen Duisburg und Freiburg.

Dadurch habe sich der Verein, derzeit Zweiter in der Regionalliga, einen Wettbewerbsvorteil verschaffen können.

Littmanns Erörterung entbehrt nicht der Logik. Nach seinem Modell ließe sich noch manche Beweisführungskette herstellen. Theoretisch erlaubt es sogar auch, die Rechtmäßigkeit des gesamten Saisonverlaufs in Frage zu stellen.

Denn sollte sich herausstellen, dass Jansen ein Spiel verpfiffen hat, dann könnten auch alle anderen von ihm geleiteten Spiele in Frage gestellt werden, und so ließe sich argumentieren, dass er die gesamte Punkterunde wesentlich beeinflusst hat.

Tatsächlich erwägt bereit mindestens ein betroffener Klub, das gesamte Saisonergebnis anzufechten.

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(SZ vom 3.2.2005)