Manche sehen den Sinn des Fußballs darin, durch ausgetüftelte Strategien und Effektivität Titel zu gewinnen. Der SV Werder Bremen dagegen liefert den ultimativen Kick.
Als Tim Wiese, der leidgeplagte Torwart von Werder Bremen, neulich versuchte, in der Geschichte des internationalen Fußballs einen Vergleich für das wahnwitzige 4:4 gegen den FC Valencia zu finden, kam er über die eigene Vereinschronik erst gar nicht hinaus. Der wilde Ritt über den Rasen habe ihn an das eigene Spiel gegen Hoffenheim erinnert, an dessen Ende ein 5:4 gestanden hatte. Hätte Wiese fünf Minuten mehr Zeit gehabt, es wären ihm womöglich eingefallen: Ein 3:6 gegen Stuttgart, ein 6:3 gegen Aktobe, ein 3:4 in Mönchengladbach oder ein 5:2 in München, ein 3:3 gegen Udine oder selbiges Ergebnis gegen Dortmund. Das alles sind Werder-Resultate der vergangenen zwei Jahre, jedes Spiel war ein Erlebnis, jede Minute ein Geschenk. Kantersiege und Debakel sind da noch gar nicht eingerechnet.
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In Bremen dürfen sogar Arbeiter wie Torsten Frings entscheidende Tore schießen. (© Foto: Getty)
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An guten Tagen kann Werder Bremen sogar aus einem Pflichttermin gegen Bochum ein Spektakel machen, Herzrasen und Angstschweiß inklusive. Dass Zuschauer für Spiele der Bremer Eintritt bezahlen, hat den gleichen Grund, aus dem Menschen Geld dafür hinlegen, um mit einer Achterbahn Loopings zu fahren. Es gefährdet die Gesundheit, ist unvernünftig und alles in allem vollkommen sinnlos, aber es macht einfach unglaublich viel Spaß!
Genau dieser Bestimmung scheint seit Jahr und Tag der hanseatische Klub zu folgen. Er ist ein Unterhaltungsbetrieb erster Güte, der ohne großes Risiko für das Freizeitvergnügen Fußballstadion sogar eine Geld-zurück-Garantie anbieten könnte. In den vergangenen sechs Spielzeiten schoss Werder vier Mal die meisten Tore in der Bundesliga und nie weniger als die drittmeisten, nicht einmal in der verkorksten vergangenen oder der zwischenzeitlich krisenhaften aktuellen Runde. Es mag sein, dass der Zweck des Fußballs darin liegen sollte, durch besonders ausgetüftelte Strategien eine stabile Balance zwischen Abwehr und Angriff hinzubekommen und dank solcherlei Effektivität zu Titeln zu gelangen. Wahrscheinlich ist das so. Aber wie viele Teams bekommen das wirklich hin, und wie viele andere langweilen beim vergeblichen Streben nach Perfektion ihr Publikum zu Tode? Wer's mit den Bremern hält, weiß wenigstens, dass ihr anarchistisches Team vom selben Gedanken geleitet zu werden scheint wie sie selbst, nämlich der Suche nach dem ultimativen Kick. Deshalb bauen irre Ingenieure immer größere Rollercoaster, deshalb spielt Werder Bremen Fußball.
Das Weserstadion wird derzeit umgebaut. Die Architekten sollten mal über Sicherheitsgurte auf den Sitzplätzen nachdenken.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
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(SZ vom 22.03.2010)
Ex-Salafist packt aus
Vielen Dank, bbqsauceboy, für das herrlich subtile Plädoyer für die Abschaffung der Auswärtstorregel in den europäischen Wettbewerben. Klar, so eine 180minütige Begegnung entwickelt irgendwann, zumeist erst im fortgeschrittenen Verlauf, eine Eigendynamik mit der Folge, dass offener gespielt wird - und hüben wie drüben plötzlich viele Tore fallen. Da ist die Mannschaft, die das zweite Spiel auswärts hat, eben besser dran. Tipp: Das nächste Mal schon in Valencia 4:4 spielen! Dann klappt das auch mit dem Weiterkommen.:-)
Zum eigentlichen Thema: Wie kommen Sie zur Annahme, wir Bayernfans würden den Mund zu weit aufreißen, nur weil wir mehrheitlich die Chancen bei fifty-fifty sähen?
Die Tabelle der Premier League verrät, dass Chelsea in etwa gleichstark wie ManUnited ist. Dieses Chelsea ist gegen Inter Mailand sang- und klanglos ausgeschieden - gegen den Tabellenführer derjenigen Liga, die gegenüber der Bundesliga inzwischen ins Hintertreffen geraten ist. Was spricht dagegen, dass selbiges, also das Eliminieren eines mit Chelsea vergleichbaren Premier-League-Vereins, auch dem Tabellenführer der Bundesliga gelingt? Eigentlich nichts! Dennoch sind wir bescheiden und sagen lediglich: Fifty-fifty!
"Das 4:4 vom letzten Donnerstag sagt dazu mehr als 1000 Worte. Man hat ein tolles Auswärtsergebnis erzielt und spielt zuhause gegen eine Mannschaft, die stürmen muß und eine schwache Abwehr hat....am Ende fängt man sich 4 Stück ein, obwohl man einen herausragenden Torwart und zwei durchaus vorzeigbare IVer hat...das ist leider eher lächerlich als bewunderungswürdig...."
Gelegentlich hilft es ja, sich ein Spiel auch mal anzuschauen, über das man was erzählen möchte. Zumindest wenn man an sachlicher Kritik und weniger stumpfer Pöbelei interessiert wäre. Informieren kann man sich natürlich immer noch: über Spielverlauf, Startaufstellung der Bremer und insb. die Spieler, die dort bei Valencia im Angriff spielen. Der eine oder andere ist danach zu dem Ergebnis gekommen, dass das 4:4 kein so schlechtes Ergebnis war. Der Schluss erfordert allerdings auch ein bißchen kombinatorische Fähigkeiten, und ich will hier auch niemand überfordern.
Vom Kräfteverhältnis ist das dann etwa, mmmh, mal sagen wie wenn Bayern gegen Barcelona ran müsste. Ich weiß, mit so'nem lächerlichen 4:4 würden die Bayern sich da natürlich nicht zufrieden geben ;-) und das wäre ja auch lächerlich, wo man in München ja gut das 3fache für den Kader ausgibt im Vergleich zu Bremen.
Aber nochmal kurz im Frings: Wo man (also jetzt Sie als Bayern+Fans allgemein) die letzten beiden Saisons jeweils den peinlichsten Bauchklatscher aller internationalen Vertreter hingelegt hat und der nächste schon wieder vor der Tür steht (doch, doch, ManU ist nur unwesentlich schlechter als Frankfurt): Wie kommt man eigentlich dazu, den Mund schon wieder in andere Richtungen soweit aufzureissen?
Wie schlecht muss eine Saison für Wer da? den noch enden, damit die Fans von der SZ kapieren, dass das kein Fussball ist?
...schreibt das gesamte Bremer Stadionheftchen, vermute ich:-)
Ernsthaft, wer diesen Kindergarten-Fußball - alle nach vorne und alle dahin, wo der Ball ist - bewundert, sollte sich als Berichterstatter auf den F-Jugend-Bereich konzentrieren. Da ist dieses System zuhause....
Was Werder in den letzten Jahren alles NICHT gewonnen hat trotz teilweise bester Voraussetzungen , ist deutlich aussagekräftiger als die Statistik über die Plazierungen in der "Tore erzielt"-Kategorie.
Das 4:4 vom letzten Donnerstag sagt dazu mehr als 1000 Worte. Man hat ein tolles Auswärtsergebnis erzielt und spielt zuhause gegen eine Mannschaft, die stürmen muß und eine schwache Abwehr hat....am Ende fängt man sich 4 Stück ein, obwohl man einen herausragenden Torwart und zwei durchaus vorzeigbare IVer hat...das ist leider eher lächerlich als bewunderungswürdig....
Den 'kick' lass' ich noch durchgehen, Herr Wiegand. Schließlich sind wir hier nicht beim Handball. Aber zu 'ultimativ' sag ich nur: Die Wunder von der Weser, ohne Zweifel ein deutsches Kulturgut, sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Paging