Von Claudio Catuogno

Der Ostfußball sucht einen Retter: Cottbus debattiert über Ulf Kirsten, ein sächsischer Fünftligist hofft auf einen österreichischen Brausehersteller als Investor.

Ulf Kirsten, 43, genannt "der Schwatte", würde sich die Aufgabe zutrauen: Ost und West, das ist praktisch sein Lebensthema. Von seinen 100 Länderspielen hat Kirsten 49 für die DDR und 51 für die Bundesrepublik bestritten. Inzwischen arbeitet er als Regionalliga-Trainer bei Bayer Leverkusen, aber der Fußball-Osten liegt dem gebürtigen Riesaer am Herzen. Es sei in seinen Augen "nicht gut, dass nächste Saison kein Klub aus dem Osten in der Bundesliga spielt", hat er gerade der Sächsischen Zeitung anvertraut, und hinzugefügt, sollte der Erstliga-Absteiger FC Energie Cottbus seine Hilfe benötigen, "würde ich mir die Vorstellungen der Cottbuser auf jeden Fall anhören". Das war schon mal eine anständige Bewerbung.

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Yes, we can? Nun ja, die Relegationsspiele von Energie Cottbus waren eher zum Wegsehen. (© Foto: ddp)

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"Dort, wo andere den Fuß wegziehen, geht Kirsten mit dem Kopf hin", hat der alte Ost-Trainer Eduard Geyer einst über den Stürmer Ulf Kirsten gesagt. Bisher ist Kirsten auf der Wunschtrainer-Liste des Energie-Managers Steffen Heidrich jedoch nur ein Kandidat von vielen. Allerdings hatten die Cottbuser Fans anlässlich des Relegationsspiels beim 1. FC Nürnberg am Sonntag schon mal ein Plakat gebastelt, dessen Slogan eine klare Präferenz erkennen ließ: "Ulf, erlöse uns von dem Bojan." Das war gegenüber dem scheidenden Trainer Bojan Prasnikar nicht ganz fair, machte im Ton aber klar, was für einen Trainer man sich erhofft in der Lausitz, nun, da mit Energie Cottbus auch der letzte Vertreter der neuen Bundesländer aus der ersten Liga gerutscht ist: einen, der den Fluch über dem Ostfußball vertreibt.

Red Bull als Retter?

Einen Heiland vielleicht? So einen hatten sie - als Präsident - mal bei Dynamo Dresden, dem Traditionsverein mit dem wohl größten Potential von allen. Doch Rolf-Jürgen Otto, ein hessischer Bauunternehmer, hinterließ dem Klub neben einem Schuldenberg auch den Zwangsabstieg in die dritte Liga. Davon hat sich Dynamo bis heute nicht erholt. Bei Hansa Rostock, diesem lange Zeit so vorbildlich geführten Ost-Vertreter, schmort man inzwischen derart im eigenen Saft, dass der Durchmarsch von der ersten in die dritte Liga erst am letzten Zweitliga-Spieltag abgewendet werden konnte.

Ziemlich viele verblühende Fußball-Landschaften also - wie klänge es da, würde nun in Cottbus ein prominenter Investor anklopfen und den drohenden Ausverkauf des Kaders verhindern? Einer wie der österreichische Brausehersteller Red Bull zum Beispiel, der jährlich mehr als 250 Millionen Euro in den Sport pumpt? Der bereits zwei Fußballvereine besitzt, in Salzburg und in New York?

Möglicherweise müsste man den Klub dann in FC Energy umbenennen und das Stadion der Freundschaft in Red-Bull-Kampfbahn. Doch in strukturschwachen Regionen wie der Lausitz kennt man Investoren ja ohnehin nur vom Hörensagen. Das scheint auch den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger umzutreiben, der sagt, man könne als Verband zwar im Osten die Nachwuchsarbeit fördern, nicht jedoch die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen ändern. "Aber wenn die Infrastruktur nicht angepasst wird, gibt es weiterhin Probleme."

Umso erstaunlicher klingt da diese Geschichte aus Sachsen, wonach ausgerechnet ein dortiger Fünftligist namens SSV Markranstädt in Kürze eine Kooperation mit Red Bull eingehen wird - um dann den kontinuierlichen Aufstieg in den Profifußball anzustreben. Unter neuem Namen allerdings: als Rasen-Ball Leipzig e. V., kurz RB Leipzig, ergo: Red Bull Leipzig. "Die Verträge liegen in der Rechtsabteilung", bestätigt der SSV-Manager Holger Nussbaum den geplanten Deal, während es vom Brausekonzern bisher keine Stellungnahme gibt.

Markranstädt gilt als feine Adresse

Eingefädelt hat die Kooperation der Kinowelt-Gründer Michael Kölmel, der auch das Leipziger Zentralstadion betreibt. 45.000 Leute passen hinein, die Technik ist dank der WM 2006 auf neuem Stand, doch in der einst so stolzen Fußballstadt Leipzig ist das Dilemma des Ostfußballs besonders greifbar. Der FC Sachsen und der 1. FC Lok spielen ab Herbst ebenfalls in der Oberliga gegeneinander, große Aufmerksamkeit erregen sie dabei allenfalls durch Fankrawalle. Als Steigbügelhalter für den Einstieg des Bullen ins Deutschland-Geschäft wären beide ungeeignet gewesen. Markranstädt hingegen gilt als feine Adresse, ab der Regionalliga könnte der Klub in Kölmels defizitäre Arena umziehen, deren Namens-Sponsor sich dann von selbst anböte. Auch hier laufen Verhandlungen.

Rainer Koch, der für Rechtsfragen zuständige DFB-Vizepräsident, verfolgt diese Geschichte gespannt. Abgesehen von historischen Ausnahmen wie Bayer oder Wacker sind Firmennamen im deutschen Profibetrieb nicht zulässig, man müsse "sich deshalb anschauen, ob es sich bei Rasen-Ball e. V. um eine Umgehung handelt", sagt Koch. Für alles andere ist aber erst mal der sächsische Landesverband zuständig.

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(SZ vom 03.06.2009/dop)