Ein Kommentar von Moritz Kielbassa

Vom Märchen in einen Strudel - der TSG Hoffenheim ist der rote Faden der Vorrunde gerissen. Aus der Traumfabrik könnte nun ein sehr normaler Ligastandort werden.

Lange Zeit war es eine "Krise" in Anführungszeichen. Hoffenheim gewann nicht mehr, aber spielte oft unentschieden, und das Auftreten des von vielerlei Unglücken heimgesuchten Teams blieb passabel. Dass nach Kreuzbändern und Muskelfasern auch der rote Faden der Vorrunde riss, war nachvollziehbar - zumal die Gesetze des Fußballs so sind: Jeder Superlauf, bei dem von Höhenluft Berauschte am Limit von Sieg zu Sieg schweben, endet irgendwann.

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Demba Ba (rechts) ist am Boden. Was ist nur aus dem Hoffenheimer Traumfußball der Hinrunde geworden? Carlos Eduardo (links) flog gegen den VfL Bochum sogar vom Platz. (© Foto: AP)

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Hoffenheim kippt gerade aber von einem Extrem ins andere: vom Märchen in einen Strudel, in dem alles Erdenkliche schiefgeht. Seit dem 0:3 gegen Bochum gibt es um das K-Wort keine Gänsefüßchen mehr, jetzt hat der Herbstmeister eine echte Krise. Die Besten im Herbst sind in der Rückrunden-Tabelle die Zweitschlechtesten, auch innerbetrieblich redet man über Starallüren, und Vorfälle wegen rüden Betragens häufen sich.

Letzteres schmerzt die Verantwortlichen - von Mäzen Hopp bis Trainer Rangnick - besonders. Schließlich lautet ihr Ausbildungsdogma, junge Fußballer auch zu Lebenstüchtigkeit und Fairness zu erziehen; zur pädagogischen Betreuung beschäftigt der Klub renommierte Fachkräfte.

Affekttaten mit Ellbogen oder Fingern im Gesicht des Gegners (am Samstag: der bereits vorbestrafte Carlos Eduardo) konterkarieren dies. Wer den süßen Geschmack des Erfolgs kennengelernt hat, der hat Mühe, Nerven zu bewahren, wenn plötzlich Niederlagen und Druck sauer aufstoßen. Gegen diese Symptome sind sie auch in Hoffenheim nicht immun.

Vormals jubelten die Sportfeuilletons über die Dorfelf: Zauberfußball, einmalig, sympathisch - als sei Hoffenheim der neue Inbegriff des Guten im Fußball. Gegenwärtig gelten Rangnicks Musterschüler als naiv, überfordert, disziplinlos. Die Wahrheit liegt in der Mitte beider Überzeichnungen.

Nach personeller Pechsträhne, verlorener Leichtigkeit und Qualität sucht das in der Tabelle abgesackte Team nun Form und Bodenhaftung. Dieser Selbstfindungsprozess dauert, zumal das Glück zur Trendwende bisher fehlte, wie bei Salihovic' Elfmeter unmittelbar vor Spielschluss in den Stuttgarter Himmel (3:3 statt 4:3).

Aus der Traumfabrik Hoffenheim könnte nun ein sehr normaler Ligastandort werden, in guter Mittelklasse und mit allen Unzulänglichkeiten, die zum Gewerbe gehören, siehe auch: Transfers ohne die erhoffte Wirkung (Sanogo, Hildebrand).

Diese Entwicklungsphase kann hilfreich sein - sofern ein Einnorden unterhalb zu hoher Erwartungen gelingt und Hoffenheims Spielidee die Krise überlebt. Dieser attraktive Stil, vor dem jeder im Herbst den Hut zog, muss Halt und Orientierung geben. Um bald wieder die schiefe Bahn zu verlassen.

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(SZ vom 14.04.2009/cpah)