20 Jahre nach dem Mauerfall bekennt sich Berlin endlich zum ersten Fußballklub der Hauptstadt - nun fehlt nur der Gewinn der Meisterschaft.
Freitagfrüh ist Werner Gegenbauer kurz rüber zum Zeitungshändler in die Wilhelmstraße gelaufen, vor ihm standen drei Schulbuben in der Schlange und musterten die druckfrischen Ausgaben. Überall Hertha-Fahnen und Meisterschalen auf dem Titel, zwei Objekte, die man bisher allenfalls in Satireheftchen in einen gemeinsamen Kontext zu stellen gewagt hätte. "Bist du für Bayern oder für Hertha?", fragte einer der Jungs den Verkäufer, Gegenbauer hielt sich unerkannt im Hintergrund, und der Verkäufer bekannte: "Natürlich für Hertha!"
Selten gemeinsam auf dem Feld: Marko Pantelic (links) und Andreij Woronin. (© Foto: AP)
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"So ne Jeschichten zum Beispiel", sagt Werner Gegenbauer. Natürlich für Hertha! Ohne resignierten Unterton, ohne spöttische Hintertür. So ne Jeschichten passieren ihm jetzt alle halbe Stunde in Berlin. Und nicht nur ihm, dem Präsidenten von Hertha BSC.
Freitagmittag steht der Mannschaftsbus des FC Schalke vor dem Hotel The Regent in der Charlottenstraße, jenem Luxuskasten, in dem Tom Cruise einst sein vom Graf-Stauffenberg-Spielen müdes Haupt bettete. Gleich um die Ecke liegt das Borchardt, gerade erst haben sich hier Angela Merkel und Nicolas Sarkozy auf eine Portion Beelitzer Spargel getroffen, wer hier ein und aus geht, kann auf die Volksdroge Fußball dank lustvoller Alternativen verzichten.
Die Hertha war im Borchardt als Gesprächsthema bisher so verpönt wie eine unappetitliche Hautkrankheit. Doch nun parkt ein minzgrüner Jaguar vor der Tür, und unter eines der Fenster ist die blau-weiße Hertha-Fahne geklemmt. So ne Jeschichten.
1000 Stück Stoffwimpel hat der Klub in zwei Tagen abgesetzt, mehr als sonst in einem ganzen Jahr, was nicht nur daran lag, dass die Autofahnen für fünf Euro angeboten wurden statt für 9,95. Durch den Faktor "Billig" mag der Berliner zu allerhand zu bewegen sein, das öffentliche Bekenntnis zu seinem Fußballklub gehörte bisher nicht dazu. Wenn man im Beisein des Großunternehmers Gegenbauer früher auf Hertha zu sprechen kam, "dann haben einem die Leute mitleidig über den Scheitel gestrichen".
Jetzt klatschen sie. "Diese unverstellt wohlwollende Haltung", sagt Gegenbauer, "ist wirklich untypisch für Berlin." Dieter Hoeneß, der Manager des Klubs, war kürzlich japanisch essen und stellte fest: "Sogar im Sushi-Laden schwappt mir die Begeisterung entgegen." Janz Berlin auf einer Wolke mit der Hertha.
Am Samstag bestreitet die Hertha ihr letztes Heimspiel der Saison gegen Schalke 04. Die 74220 Karten sind seit Wochen vergriffen, "wir hätten 200000 verkaufen können", sagt Hoeneß. Zwei Spieltage sind es noch, und die Hertha kann tatsächlich deutscher Meister werden. Wie zuletzt 1931. Dass der Globus damals von einer furchterregenden Wirtschaftskrise erfasst war, ist eine Analogie, auf die man gerne hinweist in diesen Tagen, wie auch auf den Aspekt, welche Symbolkraft so ein Erfolg bundesweit hätte, 20 Jahre nach dem Mauerfall. Natürlich kann man sich auch fragen, was schief gelaufen sein muss in einer Stadt, die sich lange so schwer tat mit ihrem Fußballverein.
Dass bis heute fast 80 Prozent der Stadionbesucher aus dem Westteil Berlins kommen, ist die dabei historische Dimension. Gegenwartsbezogener klingt es, wenn Werner Gegenbauer über den neuen Hertha-Hype sagt: "Die Leute haben inzwischen gemerkt, dass die Mannschaft die gemachten Versprechungen auf dem Platz auch einlöst." Weil der Umkehrschluss einiges über jenes Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit erzählt, welches Hertha BSC in der Vergangenheit oft verkörpert hat.
Im zweiten Jahr unter dem Schweizer Lucien Favre ist sogar das Gegenteil eingetreten: Mehr, als die Hertha in dieser Saison, kann man aus seinen Möglichkeiten kaum machen. Nur drei neue Spieler (Raffael, Kacar, Chermiti) haben seit Favres Amtsantritt als Trainer mehr als zwei Millionen Euro kosten dürfen. Dennoch steht die Hertha, einen Punkt hinter Wolfsburg und Bayern, auf dem dritten Tabellenplatz. Müssen solche Zahlen nicht verlockend wie Beelitzer Spargel klingen in den Ohren der Arm-aber-sexy-Stadt Berlin?
Darüber, wie angespannt Favres Verhältnis zu Dieter Hoeneß offenbar ist, dringt hingegen wenig nach außen; während der VfL Wolfsburg den baldigen Abschied seines Trainers Felix Magath verdauen muss, während der FC Bayern noch zweifelt, ob es statistisch zulässig wäre, wenn der Aushilfs-Coach Jupp Heynckes tatsächlich fünf von fünf Spielen gewänne, gibt die Hertha den Gute-Laune-Klub. Kapitän Arne Friedrich schleppte am Donnerstag Andrej Woronin huckepack vom Platz, warf ihn von den Schultern und sagte: "Wir wollen Meister werden."
Kein "Meister der Herzen" Wollen dürfen sie das seit dieser Woche sogar öffentlich, mit den Details beschäftigen sie sich aber nach wie vor im Stillen. Am letzten Spieltag wird der Klub wohl ein Flugzeug chartern, um von Karlsruhe rasch zurück in die Hauptstadt zu kommen. Zur Meisterfeier? "Ich sehe, es gibt keine Fragen mehr zu Samstag", entgegnet Favre dazu bloß. Welche Meisterprämie die Profis überwiesen bekämen, das muss Arne Friedrich mit Dieter Hoeneß erst noch aushandeln - ein weiteres Indiz für die Berliner Gelassenheit.
Sogar nett gemeinte Zumutungen ertragen sie derzeit mit einem Lächeln: Pal Dardai bekam nach dem letzten Training von einem Fan einen Pokal mit der Gravur "Hertha BSC, Saison 08/09, Meister der Herzen" überreicht. Abergläubische Fußballer hätten diese Art der Wertschätzung brüsk zurückweisen müssen. Meister der Herzen wäre ihnen längst nicht mehr genug.
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(SZ vom 16.05.2009/jüsc)
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