Von Claudio Catuogno, Cottbus

Schon nach dem Hinspiel ist die Relegation so gut wie entschieden, weil Nürnberg beim 3:0 in Cottbus schon wie ein Erstligist stürmt - und so mit einer alten Relegationsregel bricht.

Keine Frage: Der Nürnberger Angreifer Isaac Boakye, 27, ist das, was man einen Erstligastürmer nennt. Er hat mal eine Zeit lang beim VfL Wolfsburg gespielt, beim hellgrauen Klaus-Augenthaler-VfL zwar, der mit dem aktuellen deutschen Meister wenig bis nichts gemein hatte, aber immerhin. Außerdem noch bei der Bielefelder Arminia, die damals schon eine Menge mit dem dunkelgrauen Absteiger dieser Tage zu tun hatte, was aber auch nicht verhindert hat, dass Boakye in seinen immerhin 62 Erstligapartien immerhin 14 Erstligatore erzielt hat. Er weiß also, wie es zugeht in dieser verlockenden Erstligawelt, das kam ihm am Donnerstag in Cottbus zugute. In diesem Spiel zwischen den Welten.

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Angreifer Boakye legte mit dem Treffer zum 1:0 den Grundstein für den Nürnberger Sieg. Später traf er noch einmal. (© Foto: Getty)

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Wesenskern der Relegation ist es ja, dass keiner ihrer Teilnehmer mehr so richtig weiß, wo er hingehört. Der FC Energie Cottbus war nur noch zur Hälfte ein Erstligist, seit er vergangene Woche die Bundesligasaison als 16. der Tabelle abschloss. Und der 1. FC Nürnberg war nur noch zur Hälfte ein Zweitligist, seit er den direkten Aufstieg zwar knapp verpasste, sich aber als Dritter immerhin für die wieder eingeführten Entscheidungsspiele qualifizierte.

Seit diesem Donnerstag, seit dem 3:0 der Nürnberger im Hinspiel in Cottbus, darf sich der Club jedoch schon wieder als richtiger Erstligist fühlen - dieser Rückstand wird für die Lausitzer kaum aufzuholen sein im Rückspiel am Sonntag. Und Isaac Boakye hat daran einen gewaltigen Anteil.

Man schrieb die zwölfte Minute im Stadion der Freundschaft, bisher war das Spiel jener vermeintlichen Regel gefolgt, wonach sich in einer Relegation meistens der höherklassige Vertreter durchsetzt; in sieben der zehn Ausscheidungen zwischen 1982 und 1991 war das so gewesen. Und nun hatten die Cottbuser ihren Schwung vom samstäglichen 3:0 gegen Leverkusen in die Partie hinübergerettet, unter anderem hatte ein gewisser Jiayo Shao, 29, die frühe Führung auf dem Fuß.

Shao wird in den Statistiken seit Jahren als Erstligastürmer geführt, was aber ein Irrtum sein muss: In seinen 54 Erstligaspielen hat er bisher lächerliche drei Erstligatore erzielt. Nun zirkelte er den Ball wieder mal harmlos Richtung gegnerisches Gehäuse, und es dauerte dann nicht mehr lange, ehe Isaac Boakye es auf der anderen Seite cleverer anstellte. Die zwölfte Minute also: Boakye drischt den Ball dem Cottbuser Verteidiger Ivan Radeljic gegen den Rücken, von dort springt er ins Cottbuser Tor, es steht 1:0 - und die Relegation wird vorübergehend eine richtig spannende Sache.

So einen direkten Vergleich der Welten hatte man ja seit Jahren nicht mehr geboten bekommen, abgesehen vom DFB-Pokal, der aber für keinen der Beteiligten eine derart existenzielle Note hat. Hier ging es um mehr, die Cottbuser hatten das schon vor Wochen in ihren Etatplanungen vorgerechnet: Bisher können sie 23 Millionen Euro für den Spielbetrieb ausgeben, in der zweiten Liga wären es mindestens zehn Millionen weniger. Doch nach dem Kantersieg gegen Leverkusen waren sie frohen Mutes gewesen, dass es nicht soweit kommt - hatten sie in den letzten Jahren nicht immer wieder das Unmögliche möglich gemacht, dank ihrer außergewöhnlichen Hartnäckigkeit?

"Jetzt den Sack zumachen"

Doch je später der Abend wurde, um so weniger war von dieser Hartnäckigkeit zu spüren, und am Ende blieb nur eine leidenschaftslose, von Verletzungen dezimierte Söldnertruppe übrig, die sich ihrem Schicksal ergab. Shao hatte noch eine wunderbare Chance (24.): Der Chinese stand genau dort, wo ein Stürmer stehen muss, der Ball kam auf seinen Kopf geflogen, wie ein Ball auf einen Stürmerkopf geflogen kommen muss - aber Shao köpfte grotesk daneben. Kurz darauf verletzte sich noch sein Sturmpartner Emil Jula. Und in Cottbus begannen die Zweifel zu keimen: Wie sollte das bloß gelingen mit dem Klassenerhalt? So ganz ohne Erstligastürmer?

Die junge Nürnberger Truppe des Trainers Michael Oenning musste sich derlei Sorgen nicht machen, "immer selbstbewusster" kam sie ihrem Trainer vor: "Wir haben den Ball laufen lassen und dem Gegner so den Schneid abgekauft, dass er irgendwann nicht mehr weiter wusste."

In der 55. erzielte Christian Eigler das 2:0, diesmal verzichtete Radeljic ganz auf einen Zweikampf. Und die Partie nahm einen Lauf, die weder den Gastgebern noch der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gefallen konnte: Weil sie das Rückspiel nun nicht mehr als besonders spannend werden anpreisen können. Zumal Boakye noch auf 3:0 erhöhte (88.).

"Im Fußball ist alles möglich", sagte der Cottbuser Trainer Bojan Prasnikar. Doch Oenning klang glaubhafter, als er ausführte, am Sonntag wolle man "den Sack zumachen".

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(sueddeutsche.de/sid/dpa/aum)