Der Rekord-Sturm Grafite/Dzeko schießt den VfL Wolfsburg zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte - und sorgt für ausgelassenen Jubel. Und mitten in den Feierlichkeiten stellen die Wölfe die Weichen für die neue Saison.
VW-Aufsichtsrat Ferdinand Piëch im Cabrio mit Torjäger Grafite, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff an der Seite von Torhüter Diego Benaglio - so begann der Autocorso zur ausgelassenen Meisterfeier des VfL Wolfsburg. Fast 100.000 Menschen feierten in der Nacht zum Sonntag den ersten Titel des niedersächsischen Fußball-Bundesligisten mit den Vereinsfarben Grün und Weiß, viele davon bis in den Morgen hinein. Die Bewohner der Autostadt ließen die Profis hochleben, die mit dem 5:1-Sieg gegen Werder Bremen den größten sportlichen Erfolg des Vereins perfekt gemacht hatten.
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Das erste Tor, der erste Schritt zur Meisterschaft: Zvejzdan Misimovic (l.) freut sich mit Hasebe über das 1:0. (© Foto: Reuters)
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"Das ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist", sagte Felix Magath, der nun zum FC Schalke wechselnde Trainer. Magath wurde trotz des Wechsels als Vater des Erfolges gefeiert. Er trug sich wie die Spieler ins Goldene Buch ein, präsentierte anschließend die Meisterschale auf einer Bühne vor dem Rathaus und genoss das Bad in der Menge der jubelnden Fans. Während die Fans in der Stadt die Nacht zum Tage machten, zogen sich die Spieler und die Vertreter des Vereins in ein nobles Hotel zurück. Dort ging die Feier der Mannschaft nach einer Fernsehübertragung weiter.
Magaths Nachfolger ist Armin Veh. Dies bestätigte Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratsvorsitzender des Fußball-Bundesligisten, am Samstagabend im ZDF-Sportudio. Der 48-Jährige hatte zuletzt den VfB Stuttgart betreut und 2007 zur Meisterschaft geführt. Im November 2008 war er beim VfB beurlaubt worden. Bei den Schwaben war er im Februar 2006 als Nachfolger des scheidenden Wolfsburger Trainers Felix Magath geholt worden.
Durch ein 5:1 gegen den SV Werder Bremen hatten die Niedersachsen am 34. Spieltag Platz eins verteidigt und sich so auch die erstmalige Teilnahme an der Champions League gesichert. Im Kampf um Platz zwei setzte sich der FC Bayern durch. Die Münchner besiegten zu Hause den VfB Stuttgart mit 2:1 und ziehen damit ebenfalls direkt in die erste europäische Liga ein. Damit darf der Rekordmeister mit den erhofften Garantieeinahmen rechnen und wird nun seine angekündigte Einkaufstour beginnen. Ausgerechnet der Stuttgarter Stürmer Mario Gomez steht da ganz oben auf der Liste, ebenso Aliaksandar Hleb vom FC Barcelona. Die Stuttgarter belegen nach der Niederlage Platz drei und gehen in die Qualifikation zur Champions League, weil Hertha BSC Berlin bei Absteiger Karlsruher SC mit 0:4 unterging.
Thomas Schaaf, der Trainer von Werder Bremen, hatte vor dem Anpfiff bemerkt, man müsse abwarten, wie seine Mannschaft die 120 Minuten von Istanbul verkraftet hat. Die Niederlage gegen Schachtjor Donezk im Uefa-Cup-Finale am Mittwoch, so befürchtete die Meister-Konkurrenz aus München und Stuttgart, dürfte den in der Bundesliga ohnehin wenig motiviert auftretenden SV Werder Bremen noch mehr zur Tatenlosigkeit bringen.
Und nach 26 Spielminuten waren alle Befürchtungen aus München und Stuttgart eingetreten. Da hatte gerade Grafite den Bremer Innenverteidiger Naldo abgeschüttelt wie eine Staubfluse, der Wolfsburger Stürmer passte nach innen, wo Naldos Mitspieler Sebastian Prödl tapfer nach dem Ball grätschte. Diesen lenkte der Österreicher allerdings ungewollt ins eigene Netz, es stand 3:0 für den VfL. Prödl lag danach ermattet am Fünfmeter-Raum in der Sonne, hätte ihm ein Witzbold einen Liegestuhl gebracht, er wäre vermutlich einfach liegengeblieben.
So begann in Wolfsburg bereits um 15.56 Uhr die Feier der ersten Deutschen Meisterschaft. Zvejzdan Misimovic (6., nach schwacher Prödl-Klärung) und Grafite (15., nach Gentner-Flanke schneller als Prödl) hatten die ersten Treffer erzielt, und dem VfL reichte ja bereits ein Punkt zum Titelgewinn. Für Trainer Felix Magath endete die Feier indes schon fünf Minuten später. Denn da wurde ihm deutlich, welche zwei Personen ihm noch diesen "außergewöhnlichen Erfolg", wie er sagte, streitig machen könnten. Claudio Pizarro setzte Diego mit der Hacke in Szene, der Brasilianer rannte zwischen drei Wolfsburgern hindurch und schoss das 1:3. Magath an der Seitenlinie zürnte.
In München mussten die 69.000 schon ein Transistorradio oder ein Internet-fähiges Mobiltelefon in der Tasche tragen, um das Wolfsburger Treiben zu verfolgen. Auf der Anzeigetafel erschienen die Ergebnisse aus Niedersachsen nicht. Dafür die aus Karlsruhe. Dort hätte Hertha BSC mit einem Sieg noch den Verlierer aus dem Münchner Spiel überholen und aus der Champions League schießen können. Doch ein Stolpertor von Sebastian Freis (34.) und Maik Franz mit einem Kopfball zum 2:0 (42.) brachten den KSC nach vorne, zur Halbzeit waren die Berliner von der Champions League weiter entfernt als Trainer Lucien Favre von der perfekten Balleroberung.
Pfiffe gegen Lehmann, Blumen für Podolski
Vor allem den Nerven der Stuttgarter taten die Karlsruher Tore gut. Ob sie die Wucht der Spielbedeutung eingeschüchtert hatte? Oder die kolportierte Möglichkeit, ihren Paradestürmer Mario Gomez bei einer Niederlage nach München zu verlieren? Ob die Pfiffe gegen Torwart Jens Lehmann lähmten oder das Bild von Manager Uli Hoeneß mit Blumenstrauß, der vor dem Anpfiff Oddo, Sagnol, Trainer Heynckes und Podolski verabschiedete? Jedenfalls gewannen die Gäste lange kaum einen Zweikampf, waren vor allem im Mittelfeld heillos unterlegen und gerieten bald verdient in Rückstand.
Da der FC Bayern wie fast immer in dieser Saison 99,9 Prozent seiner Angriffe über links laufen ließ, überraschte es niemanden in der Arena, dass das Münchner 1:0 über ihre linke Seite lief. Franck Ribéry passte auf Lukas Podolski, Ribéry spurtete und Podolski passte. Der Stuttgarter Khalid Boulahrouz hechelte hinterher, grätschte in Ribérys Hereingabe, verlängerte sie allerdings ins eigene Netz (16.).
Es dauerte bis zur 22. Minute, bis Stuttgart das erste Mal aufs Tor schoss. Christian Träsch scheiterte an Bayern-Torwart Jörg Butt. Das gleiche widerfuhr danach Thomas Hitzlsperger und vor allem Gomez mit einem Prachtschuss. Doch bald verloren die Gäste wieder Präzision und Mut. Und am Ende der ersten Halbzeit hätte Luca Toni auf der anderen Seite das Spiel entscheiden müssen. Einmal fiel ihm der Ball fünf Meter vor der Torlinie auf den Fuß, er zielte drüber. Dann legte er sich alleine auf weiter Flur den Ball zu weit vor. Erste Pfiffe tönten bereits im Rund, und einige Bayern-Fans freuten sich wohl bereits auf einen neuen Mittelstürmer namens Gomez.
Dabei sahen sie weiterhin kaum etwas von diesen Fähigkeiten, die Mario Gomez zu einem der teuersten Spieler der Bundesliga machen könnten. Aber nicht nur Gomez, der gesamte VfB Stuttgart wirkte weiterhin völlig gehemmt, und das nach acht Siegen in den vorangegangenen neun Spielen. Dieses Millionen-Spiel entwickelte sich zunehmend zum Langweiler, der nach einer Stunde entschieden schien. Auf Pass von Ribéry schob Mark van Bommel den Ball Lehmann durch die Beine zum 2:0. Kurz darauf erzielte Podolski einen Treffer, der Linienrichter entschied indes umstritten auf Abseits.
Was dazu führte, dass Mario Gomez im Gegenzug den Bayern-Fans zeigen durfte, warum ihr Verein ihm am liebsten für sehr viel Geld verpflichten würde. Gomez kurvte auf engem Raum um Demichelis und van Buyten und knallte den Ball zum 1:2 unter die Latte (63.). Würden die matten Stuttgarter nun munter?
Aus Karlsruhe wurde mittlerweile das 4:0 für den KSC gemeldet, was sicherstellte, dass der Unterlegene in München Platz drei belegen würde und die Qualifikation zur Champions League erreicht. Während in Wolfsburg Misimovic den Ball Grafite servierte, später Edin Dzeko - Wolfsburg führte 5:1. Das stellte wiederum sicher, dass die beiden Stürmer nun mit 54 Toren das treffsicherste der Bundesliga-Geschichte sind (vor Gerd Müller und Uli Hoeneß). Es untermauerte, dass auch der Sieger in München nur Platz zwei belegen würde und hob zudem die Feierlaune von Felix Magath. In der Wolfsburger Innenstadt flossen längst die Meistergetränke.
In München hatte Mario Gomez mit seinem Treffer indes nur Mario Gomez aufgeweckt. Gomez hatte in der 73. Minute die große Möglichkeit zum Ausgleich, zielte aber links vorbei. Der Rest des VfB blieb weiterhin kraftlos, ziellos, wirkungslos. Die Bayern hatten wenig Mühe, den Vorsprung ins Ziel zu bringen.
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(sueddeutsche.de/jbe)
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