Bundesliga Klar darf sich Junuzovic Gelb abholen

Debatte: Zlatko Junuzovic und Schiedsrichter Felix Zwayer beim Freistoß.

(Foto: imago/nph)

Nur öffentlich zugeben darf der Bremer es offenbar nicht. Der DFB ermittelt und beweist damit, wie verlogen die Fußballbranche ist.

Kommentar von Thomas Hummel

Rainer Koch ist Interimspräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und als solcher einer der wichtigsten Sprachrohre dieses Nationalsports. Er gilt als integer und ehrlich, umso erstaunlicher ist, mit welcher Verlogenheit er den Fall Zlatko Junuzovic kommentiert.

Der Mittelfeldspieler von Werder Bremen verzögerte am Samstag kurz vor Spielende solange die Ausführung eines Freistoßes, bis ihm der Unparteiische die gelbe Karte zeigte. Es war seine fünfte Verwarnung und deshalb muss er im Auswärtsspiel beim FC Über-Bayern aussetzen. Ist dafür in den folgenden Partien, in denen es um den Klassenerhalt für seinen Klub geht, wieder unbelastet. Danach gab er zu: "Es war abgesprochen." Und: "Es ist besser, ich mache es so, als wenn ich jemandem absichtlich weh tue."

Mitspieler Clemens Fritz hatte mit seinem Trikotzupfer ebenfalls eine gelbe Karte und eine Sperre heraufbeschworen. Er wies eine Absprache zurück, grinste aber lausbübisch. Trainer Viktor Skripnik dementierte indes und meinte, er sei "echt sauer" auf Junuzovic.

Alle Wut und Grinserei half aber nix. Nach Junuzovic' Aussage fragt die Fußballwelt: Darf man das? Sich gegen den FC Bayern absichtlich sperren zu lassen, weil da eh nix zu holen ist? Um in aussichtsreicheren Partien wieder in die Zweikämpfe gehen zu können? Antwort von DFB-Präsident Koch: "Es ist unfair, sich so zu verhalten."

Dabei muss die Antwort lauten: Klar darf man das. Im Regelwerk steht nichts davon, dass der Spieler nicht absichtlich eine Sanktion des Schiedsrichters provozieren darf. Was aber offensichtlich nicht geht: darüber sprechen. Hatten sich nicht vor kurzem gleich fünf Darmstädter vor dem Gastspiel in München ihre fünften oder zehnten Gelben der Saison abgeholt. Um danach zu flöten: Echt? Ist uns gar nicht aufgefallen! Palimpalim. Übrigens mussten anschließend Junuzovic, Fritz und ihre Bremer gegen ein topbesetztes Darmstadt rackern und die Punkte teilen.

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Kommentierte Koch oder sein DFB damals das Vorgehen? Natürlich nicht. Wieso auch? Bei Junuzovic aber leitete der Kontrollausschuss an diesem Montag ein Verfahren wegen "Verdacht des unsportlichen Verhaltens" ein. Und weil der Österreicher in der Wir-Form gesprochen hatte, muss auch Clemens Fritz eine Sperre fürchten. Dabei hätte er wissen können: 1991 hatte der Kölner Trainer Erich Rutemöller mit dem legendären Geständnis "Mach et, Otze!" dafür gesorgt, dass Frank Ordenewitz nachträglich für das Pokalfinale gesperrt wurde.

Es sind Beispiele dafür, wie doppelbödig der Fußball agiert. Hier der moralische Anspruch von Sportsgeist, Ehrlichkeit, Kameradschaft und Respekt. Das verkauft sich gut in der Welt und wirkt als Imageträger magisch auf Sponsoren, Politiker und Medien. In Wahrheit aber wird im Fußball bisweilen gelogen, dass sich die Torlatten biegen. Respekt, Ehrlichkeit und das ganze Moralgedöns gehen nur soweit, wie es das Ergebnis zulässt. Die Regeln werden gedehnt und auch überschritten, Hauptsache man steht auf der Siegerseite. Dann heißt es intern mit anerkennendem Grinsen und Schulterklopfen: "Clever!"

In diesem System tun sich die wirklich Ehrlichen schwer. Weil sich die Verbände bis heute dem Videobeweis verschließen, hat ein Spieler, der zum Beispiel ein Tor mit der Hand erzielt hat, die Wahl: Sag ich dem Schiedsrichter die Wahrheit und bin der Depp? Oder stammel ich irgendwas von 'Muss ich mir nochmal anschauen, hab ich gar nicht gespürt' und bin ebenfalls der Depp - dafür aber mit einer Siegprämie mehr auf dem Konto.

Kochs Appell an die Vereine, mit ihren Spielern zu sprechen und vorsätzliche Gelbsperren wie im Fall Junuzovic "zu unterlassen", grenzt an Heuchelei. Viel schlimmer ist für den Österreicher ohnehin, dass viele denken: Ist der blöd, das in die Kamera zu sagen. Solche Blödheit wiegt in der Fußballbranche auf Dauer schwerer als Unfairness.

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