Von Moritz Kielbassa

In der Hinrunde war die Begegnung zwischen Hoffenheim und dem FC Bayern ein Duell auf Augenhöhe - nun will der Aufsteiger den Münchnern den Kampf um die Meisterschaft erschweren.

Es ist viel passiert seit jenem 5.Dezember 2008 und dem Tor von Luca Toni, das Ralf Rangnick ins Mark traf, zumal er auswechseln wollte in dieser 92.Minute, doch das Signal kam zu spät. Hoffenheims Trainer hätte durch eine taktische Unterbrechung den weiten Abschlag von Bayern-Torwart Rensing verhindern können, der auf finsteren Umwegen bei Toni landete: Schuss, Tor, 2:1! Es war ein Tor, Hausmarke FC Bayern: In letzter Sekunde das Sieger-Gen auspacken, mit Wonne den dicken Bizeps zeigen, den Gegner moralisch zermalmen.

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Die entscheidende Szene im Hinspiel: Luca Toni erzielt das 2:1 für den FC Bayern. (© Foto: dpa)

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Es wurden damals trotzdem Elogen gesungen auf den tapferen Verlierer, "auf Augenhöhe" sah ein Fachmagazin die Hoffenheimer mit dem Branchenprimus aus München, und der Bundestrainer pries den von beiden Mannschaften dargebrachten "Qualitätsfußball in allen Bereichen - mit Mut zur Offensive und maximalem Tempo".

Joachim Löw fuhr danach des Öfteren aus seinem südbadischen Domizil zu Spielbesuchen nach Nordbaden, und am Tag nach dem tollen Hinspiel wagte er die Prognose, er könne sich "Hoffenheim 2009/10 sehr gut in der Champions League vorstellen". Da irrte der Fachmann - und der Laie staunte, als der Herbstmeister nach dem Winter abstürzte wie ein Skiflieger ohne Thermik.

Bevor es nun zum Wiedersehen mit den Bayern kommt, die sie damals am Zenit ihres Höhenritts so unbarmherzig besiegten, hat es Hoffenheim zumindest geschafft, monatelangen Misserfolg zu stoppen, durch Befreiungssiege gegen Köln und Bielefeld. Bis vor einer Woche war der Erste der Vorrunde Letzter der Rückrunde. Klubmanager Jan Schindelmeiser war "von der Wucht der erwarteten Delle dann doch überrascht".

Für diese XXL-Delle gab es viele Gründe: episches Verletzungspech, Verarbeitungsprobleme mit all der Schulterklopferei, diverse Sperren und eine ungeschickte Außendarstellung, zuletzt bei den öffentlichen Transfer- und Budgetdebatten zwischen Rangnick und Mäzen Dietmar Hopp. Beide haben sich versöhnt, Rangnick möchte den Kader durch Zukäufe festigen, um nächste Saison wieder anzugreifen, denn ohne internationale Startrechte werden Solisten wie Ba, Obasi, Ibisevic langfristig kaum bleiben.

Bayern-Manager Uli Hoeneß hatte Rangnick nach dem Hinspiel Höhenluft-Unverträglichkeit attestiert, umso härter traf es den Trainer, dass viele unglückliche Umstände seit Januar diesen Unkenruf bestätigten. In einer Hinsicht aber, räumt Rangnick ein, "hatte Hoeneß Recht: dass unsere jungen Spieler Schwierigkeiten hatten, den Hype zu verarbeiten". Inzwischen wissen sie in Hoffenheim, dass sie ganz normale, verführbare Profis beschäftigen.

Das bittere Hinspiel in München war eine Wendemarke der Saison: Vedad Ibisevic erzielte sein vorerst letztes Tor; Tobias Weis, der Ribéry giftig auf die Zehen trat, fiel nach den Winterferien in ein ausdauerndes Tief; für Linksverteidiger Andreas Ibertsberger, der Toni durch ein Malheur das 2:1 auflegte, begann eine Pechsträhne (Dopingaffäre, Bänderriss); und Sejad Salihovic, der aus München ein Unruhe stiftendes Angebot erhalten hatte, erinnerte sich später mit Grausen an jene 89.Minute, als er allein vor Rensing stand und der Bayern-Torwart mit seiner einzigen Herkulestat der Saison diesen Matchball zum 1:2 abwehrte - Hoffenheim hätte sechs Punkte Vorsprung auf Bayern gehabt.

Inzwischen suchen sie bei der TSG ihre neue Mitte, mit ambitionierten, aber realistischen Zielen: "Beide Saisonhälften sind kein Maßstab", weiß Torwart Timo Hildebrand, er selbst erlebte nur die zweite, trübe. Lehrreich war die Saison allemal, so manches Gutgemeinte, mit dem sich Hoffenheim von Branchenkonventionen abgrenzen wollte, erwies sich im Nachhinein als kontraproduktiv - etwa, dass man Routiniers im Winter gehen ließ (Copado, Löw, Seitz), die nur noch Reservisten waren, später aber als Anführer in der Krise fehlten.

In der Winterpause, als der FC Bayern relaxt gegen Bamberg und Abu Dhabi kickte, vereinbarte Hoffenheim einen Test in Spanien gegen den HSV, den man in der Liga gedemütigt hatte (3:0). Aus dem hitzigen Treffen gingen Ibisevics Kreuzbandriss und Eduardos Sperre (Boxerei mit Olic) hervor. "Nie mehr", sagt Rangnick, "machen wir so ein Testspiel gegen einen Mitbewerber."

Kann Hoffenheim nun Bayern die Meistersuppe versalzen, wäre der Flurschaden der Rückrunde in 90 Revancheminuten repariert. Gästetrainer Jupp Heynckes, der Lúcio als Rechtsverteidiger einsetzt, sieht "Hoffenheim im Aufwind", flotte Sprüche und Psychomätzchen verkniffen sich diesmal beide Seiten, auch Rangnick. Dessen persönlicher Negativlauf scheint beendet zu sein: An der ZDF-Torwand traf er vorige Woche viermal.

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(SZ vom 16.05.2009/jüsc)