Von Jörg Marwedel

Autoritär aus der Krise: Trainer Huub Stevens hat beim HSV das Prinzip der Selbstverantwortung abgeschafft. Das Zauberwort heißt Kompaktheit.

So richtig viel Spaß hatte Dietmar Beiersdorfer ja nicht in den vergangenen Monaten. Am Donnerstag jedoch konnte auch der Sportchef des Hamburger SV wieder ein bisschen lachen. Er saß zusammen mit dem neuen Trainer Huub Stevens, 53, bei der Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Und als er Stevens so lauschte, dachte er, der neue Coach sei ja ,,beinahe ein Entertainer''.

Huub Stevens HSV

Huub Stevens: Autoritärer Führungsstil. (© Foto: dpa)

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Auf jede Frage hatte der Niederländer eine ziemlich spitzbübische Antwort parat. Als jemand wissen wollte, ob er sich mit seiner neuen, zuletzt viermal siegreichen Mannschaft nun weiter nach oben orientiere, entgegnete er: ,,Darf ich noch irgendjemandem beim Träumen helfen?'' Als ein anderer Journalist feststellte, er könne ja bestimmt nicht seine Lieblingstaktik spielen, falls Rafael van der Vaart ausfalle, knurrte er: ,,Da weiß jemand, was meine Lieblingstaktik ist. Interessant. Meine Lieblingstaktik ist bei Ballbesitz die Offensive, denn nur dann schießt man Tore. Fußball ist doch ganz einfach.'' Und als ein Dritter ,,die Sturmfrage'' stellte, wich Stevens so aus: ,,Ich weiß nicht, wie der Wind weht heute abend.

Ja, so ist das mit Huub Stevens. Das ,,Pokerface'' (Pressesprecher Jörn Wolf) redet viel und sagt nichts. Und bestimmt werden die Beobachter, wenn er irgendwann mal wieder mehr als ein Spiel verlieren sollte, sagen, sie hätten genug von seinen Plattitüden, in denen ,,die Tabelle nicht lügt'', ,,die Angst ein schlechter Ratgeber ist'' und ,,die Vergangenheit nicht wichtig'' ist. Vorerst aber ist der Mann aus Sittard für die Hamburger Medien etwas anderes: Er ist der ,,Huubnotiseur'', der selbst Gegner mit Meisterambitionen wie Bremen und Schalke mit seiner ,,Stevensive'' aus dem Gleichgewicht bringt. Und der es geschafft hat, der ziemlich mausetoten Mannschaft des Hamburger SV wieder Leben einzuhauchen.

Sogar Spieler, die sehr am alten Trainer Thomas Doll hingen, vermuten jetzt: ,,Der Trainerwechsel war wichtig für uns. Stevens autoritäre Art war der letzte Weg für uns aus der Krise.'' So hat es Abwehrspieler Bastian Reinhardt gesagt. Und der neue Torwart Frank Rost benutzt ein recht modernes Wort, um auf Stevens' wichtigste Eigenschaft aufmerksam zu machen: ,,Es ist seine Nachhaltigkeit'', sagt Rost, ,,der Trainer hakt immer nach, auch wenn es dem einen oder anderen nicht gefällt.''

Anfang bei Null

Auch Sportchef Beiersdorfer, der ja ebenfalls eine besondere Bindung zu Doll hatte, sagt nun: ,,Es war wichtig, die Geschichte auf Null zu drehen und den Spielern zu zeigen, dass sie sich anders als bisher mit der Situation des HSV auseinandersetzen müssen.''

Tatsächlich ist offenbar immer mehr Profis ist, dass es sportlich auf Dauer wenig bringt, wenn der Trainer fast einer von ihnen ist. Einer, der sich auch mit vierzig noch anzieht wie ein Twen. Einer, der bei einer Auslandsreise schon einmal bis nachts um vier mit dem Team ausgegangen ist. Einer, von dem Spieler, die zu spät zum Training erschienen, oft nicht mehr befürchten mussten als einen Augenaufschlag des Chefs. Sie hatten keinen Respekt mehr vor ihrem Vorgesetzten. Stevens, der Mann mit den nach hinten gekämmten Haaren, machte dagegen schon am ersten Tag klar, welche Regeln bei ihm gelten. ,,Er hat keine Anlaufzeit benötigt'', sagt Beiersdorfer, ,,er hat seine Vorstellungen sofort sehr klar und transparent gemacht.''

Stevens lässt keine Musik mehr in der Kabine hören, die Spieler müssen eine Stunde vor dem Training da sein und zweimal die Woche sogar achteinhalb Stunden am Stück. Und am Spieltag müssen alle Profis morgens um halb neun zum Frühstück am Tisch sitzen, während bei Doll jeder dann kam, wann es ihm passte.

Dass ihm die Mannschaft wichtiger ist als jeder einzelne Spieler, machte der Trainer bald auch praktisch deutlich. Als Thimothee Atouba wieder einmal wegen kleiner Blessuren kaum trainierte, richtete ihm Stevens aus, wenn er nicht richtig mitmache, könne er auch nicht spielen. Atouba trainierte so schnell wie möglich wieder. Als Danijel Ljuboja mehrmals zu spät zu Reha-Terminen kam, ließ Stevens ihn eine Woche mit der Regionalliga-Mannschaft trainieren. Und wenn er davon redet, man müsse auf dem Platz ,,auch Spaß haben'' und hin und wieder ein paar Sprüche heraushauen, so ist das auch nicht immer angenehm für die Fußballer. Ljuboja zum Beispiel musste sich anhören, er sei ein ,,Stehgeiger'' und könne zudem nicht mit rechts schießen. ,,Man merkt, dass Huub Stevens nicht das erste Mal bei einem großen Verein war'', sagt Dietmar Beiersdorfer. Es sei ,,ein Markenzeichen'', dass er schon einmal sechs Jahre lang bei einem Klub wie Schalke04 war, mit dem er Uefa-Cupsieger, zweimal DFB-Pokalgewinner und 2001 auch ,,Meister der Herzen'' war.

Lieblingswort: Kompaktheit

Auch wenn Beiersdorfer es nicht direkt sagt - auch er glaubt mittlerweile, dass der HSV mit Stevens trotz der vielen Verletzten in dieser Saison schon ein paar Punkte mehr auf dem Konto hätte. ,,Aufgrund seiner Erfahrung, die sich natürlich auch taktisch auswirkt.'' Tatsächlich hat Stevens es nur einmal beobachten müssen, wie die einzelnen Mannschaftsteile zu weiter auseinander standen - bei seinem ersten Spiel, dem 1:2 in Berlin. Schon im zweiten Spiel hatten die Profis begriffen, was ihr neuer Chef mit seinem Lieblingswort ,,Kompaktheit'' meinte - eine Taktik, die dem Gegner wenig Möglichkeiten zur Entfaltung lässt.

Natürlich muss Beiersdorfer nun Abschied nehmen von einem Konzept, das er gern mit Doll durchgezogen hätte. Ein Konzept mit viel Verantwortung für Spieler mit großen Ambitionen. Nun hat er gemerkt: Vielleicht sind auf Dauer doch andere Wege besser.

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