Von Markus Schäflein

Beim 1. FC Nürnberg drehen einige Fans wegen des Misserfolgs durch. Der frühere Präsident Roth gießt Öl ins Feuer.

Es war vorhersehbar, dass irgendwann wieder der alte Patriarch auf die Bühne treten würde. Nach dem von vielen Turbulenzen begleiteten 0:4 des 1. FC Nürnberg gegen den Hamburger SV war es so weit: Teppichhändler Michael A. Roth, 74, der im Juni nach insgesamt 19Jahren als Club-Präsident zurückgetreten war, meldete sich aus seinem Winterdomizil in Florida zu Wort. Er beklagte, wie zu erwarten war, eine Führungsschwäche bei dem Fußball-Bundesligisten.

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"Wir können unseren Kader einschätzen - und es ist nicht sinnvoll, da nur mit Druck reinzugehen. Da muss man nach außen automatisch manches schönreden." - Club-Sportdirektor Bader durchlebt schwere Zeiten. (© Foto: dpa)

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"Wo kein Chef ist - oder zumindest eine Person, vor der man ungeteilt Respekt hat -, geht eben nichts", sagte er in der Nürnberger AZ. Er attackierte erneut die Geschäftsführer, Finanzchef Ralf Woy und Sportdirektor Martin Bader. "Beim Club scheint derzeit viel durcheinander zu laufen", meinte Roth. "Ich habe ja nicht aus Jux und Tollerei bereits im November 2008 darauf hingewiesen, dass mir einiges nicht gefällt."

"Bader, wir schlagen dich tot"

Roth griff Bader und Woy auch für ihre Idee an, das neue Klubgebäude am Valznerweiher mit Jugendinternat und Vereinsmuseum via Anleihen zu finanzieren. "Wollen die auf goldenen Sesseln sitzen? In noch größeren Büros?", lästerte der Meister des Populismus über den angeblichen "Prunkbau" und traf damit den Nerv eines Teils der Anhängerschaft. "Der Bau ist zum jetzigen Zeitpunkt unnötig", behauptete Roth, "die Mannschaft hat tolle Räume. Da muss nur ein bisschen desinfiziert und neue Farbe aufgetragen werden - das reicht."

Bader wehrt sich gegen das Argument, der Ausgabezeitpunkt der mit sechs Prozent verzinsten und ab 100 Euro erhältlichen Anleihen sei ungünstig. "Wir hatten am Samstag über 50000 Euro Zeichnungen", sagt Bader, "nur weil Fans enttäuscht nach Hause gehen, heißt es nicht, dass sie nicht in die Zukunft des Vereins investieren. Das ist eine Geldanlage, die transparent ist und ein Stück weit unabhängig von der sportlichen Lage."

Bader verbringt derzeit ohnehin viel Arbeitszeit mit Rechtfertigungen. Immer wieder müssen sich er und Trainer Michael Oenning den Vorwurf gefallen lassen, die Lage zu beschönigen. "Wir können unseren Kader einschätzen - und es ist nicht sinnvoll, da nur mit Druck reinzugehen", meint Bader. "Da muss man nach außen automatisch manches schönreden. Auch wenn wir dann gleich in die Ecke gestellt werden, wir würden die Lage verkennen und die Augen nicht öffnen."

Gebetsmühlenartig erinnert Bader seit Monaten daran, dass seine Mannschaft über die Relegation "als Letzter auf den Bundesliga-Zug aufgehüpft" sei. Ein wenig neidisch blickt er auf die Verhältnisse beim Mitaufsteiger Freiburg: "Da ist nach dem 0:6 gegen Bremen oder nach dem 0:5 gegen Leverkusen keiner auf die Idee gekommen, der Mannschaft gleich die Bundesligatauglichkeit abzusprechen." Es sei ein Unterschied, ob man als Aufsteiger auf einem Abstiegsplatz stehe oder als Champions-League-Teilnehmer.

Womit Bader zum VfB Stuttgart überleitete, an den das Chaos nach dem 0:4 gegen Hamburg in Ansätzen erinnerte. "Es ist ja klar, dass das Nachahmer sind", meint er mit Blick auf die Krawalle mit bengalischen Feuern auf den Rängen und anschließend am Klubgelände, wo rund 250 Personen demonstrierten und Laternen und Straßenpfosten beschädigten wurden. In Stuttgart war der Eindruck entstanden, marodierende Horden hätten die Trennung von Trainer Markus Babbel ausgelöst.

Polizei: Bader soll zu Hause bleiben

"Das sind nicht die Ultras oder die Fans, aber Auswüchse daraus", sagt Bader über die Nürnberger Krawalle, bei denen die Polizei auch Morddrohungen gegen Bader registrierte. "Bader, wir schlagen dich tot", sollen Fans laut Nürnberger Zeitung gegrölt haben. "Ich bin am Samstagabend von der Polizei informiert worden", berichtet der Sportdirektor. "Man hat mir empfohlen, zu Hause zu bleiben, und mitgeteilt, dass vor meinem Haus Streife gefahren wird." Bader war an diesem Abend übrigens nicht zu Hause ("Ich lasse mich doch nicht einschränken in meiner Bewegungsfreiheit"). Er habe "keine Angst" gehabt. "Trotzdem finde ich das nicht normal. Das Problem ist, dass die Hemmschwelle sinkt, anscheinend gibt es kein Unrechtsbewusstsein mehr."

Auf die Frage nach der Zukunft von Trainer Oenning mag sich Bader vor dem letzten Spiel der Hinrunde am Sonntag beim 1. FC Köln, einem direkten Konkurrenten, nicht einlassen. "In so vielen Konjunktiven kann ich nicht denken", sagt er. Unabhängig vom Ausgang dieses Spiels werde der Club an seinem Kader "im Winter Nachkorrekturen" vornehmen. "Der eine oder andere wird uns mit Sicherheit verlassen. Wer kommt, hängt ein Stück weit auch von den Weggängen ab." Offenbar interessiert sich der Club für Verteidiger Per Nilsson von 1899 Hoffenheim.

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(SZ vom 16.12.2009)