Von Fabian Heckenberger

Louis van Gaal gibt sich ganz zahm und versucht so, die gespannte Stimmung beim FC Bayern vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt zu beruhigen.

Louis van Gaal trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd und eine rote Krawatte. Es gab zuletzt Termine beim FC Bayern, da traten nicht nur die Spieler in kurzer Hose an, sondern auch der Coach kam im Trainingsanzug, vergangene Woche zum Beispiel. Da scherzte van Gaal, kokettierte mit seinem Rauswurf und spekulierte, wen Bayern München denn statt ihm verpflichten könnte ("Ferguson? Capello?"). Am diesem Freitag, zwei Tage nach dem 1:2 in Bordeaux, ist korrekte Kleidung empfohlen und ebensolche Sprechweise. Es gibt Dinge, die klargestellt werden müssen.

Louis van Gaal

Louis van Gaal sagt, er sei zuletzt falsch verstanden worden. (© Foto: dpa)

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Er sei zuletzt falsch verstanden worden, sagt van Gaal, und falsch zitiert. Er habe nie behauptet: "Ich bin wie Gott", wie am Mittwoch in Sport-Bild zu lesen war. Während des Oktoberfests habe er gescherzt, die Lederhose passe ihm "wie einem Gott". - "Als habe ich den Körper eines Gottes", sagt van Gaal: "Verstehen Sie?" Das ist ihm wichtig: Verstanden zu werden, richtig verstanden. Dass seine Botschaft ankommt, auch wenn er sie mit Akzent und holpernder Grammatik vorträgt: "Wenn ich Gott wäre, dann gewinne ich alles. Ich bin kein Gott, ich bin nur ein Trainer, der hart arbeitet."

Bei den Worten legt van Gaal die Fingerspitzen aufeinander. Es ist eine staatsmännische Geste, wie man sie von Angela Merkel kennt. Wenn die Bundeskanzlerin Ruhe ausstrahlen will, legt sie die Fingerspitzen aufeinander. Die Hände können dann nicht herumnesteln, ein Stillhalteabkommen im hektischen Alltag.

In einer Situation, in der der FC Bayern in der Liga auf Platz sechs steht und am Samstag gegen Eintracht Frankfurt dringend gewinnen sollte, ist ein durch Ironie polarisierender Trainer nicht förderlich. Das ist van Gaal jetzt bewusst geworden - oder bewusst gemacht worden. Ihm sei gesagt worden, er solle "dazu nichts sagen", sagt der Trainer beispielsweise als das Gespräch auf Arjen Robben kommt. Vor einer Woche hatte er vorschnell verkündet, der Außenstürmer sei wieder einsatzfähig. Jetzt heißt es nur: "Er wird nicht von Beginn an spielen."

Auch das Thema Druck will er nicht kommentieren. "Ich sage dazu besser nichts. Sonst gelte ich wieder als arrogant." Arroganz - das Wort hatte van Gaal selbst mehrmals zur Selbstbeschreibung verwendet, noch so ein angebliches Missverständnis: In Holland habe "Arroganz" keine negative Konnotation, sondern beziehe sich allein auf die Eigenschaft Selbstvertrauen. Auch der Satz "Ich werde nie krank", sei so nicht gefallen, sagt van Gaal. Er habe nur gegenüber einem kränkelnden Spieler gescherzt: "Ich bin 58 und niemals krank."

Das Problem an diesen Aussagen, ob ironisch oder nicht, ist die angespannte Situation des Arbeitgebers, in der sie öffentlich wurden. Die Situation ist geprägt durch die Verletztenliste, auf der neben Breno und Edson Braafheid auch Ivica Olic, Arjen Robben und vor allem Franck Ribéry stehen. Der Franzose, von dem Erfolg und Spielkultur des FC Bayern maßgeblich abhängen, wird wegen seiner gereizten Patellasehne zwar nicht operiert, fällt aber vermutlich bis zum Ende der Hinrunde aus. Weitere Koordinaten sind: Nur Platz drei in der Champions-League-Gruppe, nur Platz sechs in der Liga. Zahlen, die gegen van Gaal sprechen. "Ich kenne die Mechanismen", sagt der Trainer, "hätten wir in Bordeaux das 2:2 gemacht, dann wären wir für ein heroisches Spiel gefeiert worden."

Nun aber versucht der Niederländer, das strapazierte Binnenklima zu beruhigen, Dampf rauszunehmen, Ironie zu vermeiden. Er führte nach der Niederlage mehr Einzelgespräche als sonst und hörte sich geduldig die Kritik an, er habe in Bordeaux zu hart trainieren lassen. "Wenn die Spieler so etwas sagen, beeinflusst mich das", sagt van Gaal. In diesem Augenblick hat er nur wenig mit jenem Trainer gemein, der sein jüngst vorgestelltes Fußball-Lehrbuch vom Verlag mit den Worten bewerben ließ: "Willst Du auch klug werden und keine dummen Fragen mehr stellen? Dann bestell hier das Buch von Louis van Gaal."

Anstehende Jahreshauptversammlung

Auch aus den oberen Klubetagen (in denen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß sitzen), dringt nach außen höchstens ein Grummeln. Mag intern erheblicher Gesprächsbedarf an der Säbener Straße bestehen, laute Kritik am Trainer wird bislang vermieden. "In der Bundesliga hat jetzt eine stabile zu Phase kommen", fordert Rummenigge: "Louis van Gaal weiß, dass wir Erfolg haben müssen."

Diesen Erfolg brauchen allerdings auch der Vorstandschef und Manager Uli Hoeneß, angesichts der in fünf Wochen anstehenden Jahreshauptversammlung des Klubs. Dort will sich Hoeneß zum Nachfolger von Franz Beckenbauer auf den Posten des Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden wählen lassen. Das ginge reibungsarm vonstatten mit einer erfolgreichen Mannschaft.

Mit einer Mannschaft, in der Nationalstürmer Mario Gomez wieder Tore erzielt, anstatt verstört von der Ersatzbank ins Spiel zu treten, in der Robben und Ribéry die gegnerische Abwehr mit ihren Dribblings verwirren, in der Anatoli Timoschtschuk als Sechser die Abwehr stabilisiert und gleichzeitig das Spiel nach vorne antreibt. Vieles davon ist derzeit Wunschdenken. Die Bayern sind schon jetzt in einer Situation, in der kurzfristiger Erfolg das Wichtigste geworden ist. Und ein Trainer, der den Klub und den die Welt versteht.

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(SZ vom 24.10.2009/jüsc)