Ein Kommentar von Ludger Schulze

Der FCB spielt eine beeindruckende Saison. Und es braucht nicht einmal das Triple, um die kühne Behauptung aufzustellen: Der Klub ist in der Form seiner 110-jährigen Geschichte.

Es war einmal ein Fußballverein, der vor lauter Sorgen nicht mehr ein noch aus wusste. Im tristen November 2009 türmten sich Gewitterwolken am Horizont dieses Klubs auf, die schweren Hagelschlag mit zerstörerischen Folgen erwarten ließen.

Uli Hoeneß, dpa Bild vergrößern

Bayern-Präsident Uli Hoeneß. (© Foto: dpa)

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Der bis zum Verbohrtsein eigensinnige Trainer Louis van Gaal hatte die gesamte Vorstandschaft gegen sich aufgebracht und stand Millimeter vor der Entlassung; der Spieler Philipp Lahm hatte ein fulminantes Interview gegeben, in dem er die in mehr als 30 Jahren erworbene Vereins-Identität in Frage stellte; das Management bangte, ob der 25-Millionen-Transfer Arjen Robben wegen seiner Verletzungsanfälligkeit, deretwegen ihn Real Madrid vom Hofe gejagt hatte, nicht zu einem gewaltigen Schuss in den Ofen inklusive gehöriger Geldverbrennung werden würde; die Mannschaft spielte miserabel; niemand hatte eine Vorstellung davon, welche Lücke der Abschied der Manager-Legende Uli Hoeneß aus der Kommandozentrale des Klubs haben würde; und Hoeneß selbst hatte in Anbetracht der kritischen Gesamtlage Furcht vor einem Misstrauensantrag der Mitglieder bei seiner Wahl zum Präsidenten. Auf dem Spiel stand nicht weniger als die Zukunft des berühmtesten und erfolgreichsten Klubs im Land.

Inzwischen ist beim FC Bayern München der Wonnemonat Mai angebrochen, und der Gedanke an den bleiernen Herbst im vergangenen Jahr ist wie eine Erinnerung aus grauer Vorzeit. Die 22. Meisterschaft scheint zu zeigen: Alle haben alles richtig gemacht.

Die Verantwortlichen haben, zähneknirschend zwar, an van Gaal festgehalten und damit einen Paradigmenwechsel begünstigt - weg vom Kraftmeier-Prinzip des Mia-san-mia hin zu einer durchdachten, an das Vorbild FC Barcelona angelehnten Personalstrategie und Spielphilosophie. Robben hat man ein Wohlfühl-Umfeld geschaffen, so dass der Holländer erstmals in seiner Karriere auftrumpft wie ein Sagenheld, nur ohne Achillesferse.

Patriarch Hoeneß ist auf dem Weg, dem Präsidentenamt eine neue gesellschaftspolitische Qualität zu verleihen. Und als Manager wird er offenbar bestens ersetzt durch Sportdirektor Nerlinger einerseits, vor allem aber durch Klub-Chef Karl-Heinz Rummenigge, der einst den Beinamen "Killer-Kalle" trug, mittlerweile aber als organisatorischer Kopf und Sozialminister auftritt.

Es braucht nicht einmal zwei weitere Titel in DFB-Pokal und Champions League, um die kühne Behauptung aufzustellen: Der FC Bayern ist in der Form seiner 110-jährigen Geschichte.

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(SZ vom 3.5.2010)