Bundesliga Die Liga startet die Grundsatzdebatte zu 50+1

Fans des VfB Stuttgart plädieren für eine Erhaltung der 50+1-Regel.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Präsident Martin Kind zieht seinen Antrag zur Übernahme von Hannover 96 bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) überraschend zurück.
  • Die DFL schreibt in einer Mitteilung, man wolle nun eine "ergebnisoffene Grundsatzdebatte" über die Zukunft der 50+1-Regel führen.
  • Die Regel besagt, dass Vereine immer die Mehrheit an einem Bundesliga-Klub halten müssen. Es gibt allerdings Ausnahmen wie Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim.
Von Jörg Marwedel

Neulich hat Martin Kind eine Geschichte erzählt: Ohne ihn und die drei anderen Geldgeber Dirk Rossmann, Gregor Baum und Matthias Wilkening würde Hannover 96 wohl "in der 4. oder 5. Liga" spielen, sagte er bei einem Neujahrsempfang. Es gäbe kein neues Stadion und kein Nachwuchsleistungszentrum, das kürzlich eingeweiht wurde. Und dann erzählte der Präsident noch einmal, wie er 1997 den fast insolventen Klub in der dritten Liga übernommen hat. Damals, erinnert er sich, habe der Hauptsponsor, eine heimische Brauerei, gerade mal 250 000 Mark ausgeschüttet. Heute hat Hannover 96 einen Etat von 85 Millionen Euro.

Deshalb hatte der Hörgeräte-Fabrikant bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) im Herbst 2017 einen Antrag eingereicht, der ihm die komplette Macht bei Hannover 96 vermittelt hätte und der seitdem die ganze Liga beschäftigte. Er ging dabei von einem Kompromiss aus, den die DFL nach Kinds Vorstoß 2011 beschlossen hatte: Die 50+1-Regel kann ausgesetzt werden, wenn ein Investor den Verein 20 Jahre lang ununterbrochen und maßgeblich gefördert hat, entsprechende Regelungen gelten für VW in Wolfsburg oder Dietmar Hopp bei der TSG Hoffenheim. Am Montag sollte das DFL-Präsidium nach langem Abwägen über Kinds Antrag entscheiden; Bild und Tagesspiegel hatten zuvor berichtet, das Präsidium werde den Antrag ablehnen, weil Kind in den vergangenen 20 Jahren nicht genügend Geld investiert habe.

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Am Montag soll Kind die DFL davon in Kenntnis gesetzt haben, dass er den Antrag auf eine Ausnahme-Genehmigung ruhen lassen will. Das passte zwar nicht so recht zu den Geschichten, die er vorher erzählt hatte. Aber zufrieden war Kind am Montag trotzdem.

Die ergebnisoffene Diskussion, sagt Kind, sei "ein großer Schritt in die richtige Richtung"

"Vor diesem Hintergrund", teilte die DFL mit, "ist bis auf Weiteres keine Entscheidung des DFL-Präsidiums in dieser Angelegenheit erforderlich. Die Mehrheitsverhältnisse bei Hannover 96 bleiben demnach unverändert." Doch es war auch in der Mitteilung zu lesen, dass die Debatte um jenen 50+1-Paragrafen, der den Vereinsmitgliedern zumindest theoretisch die Hoheit über Entscheidungen zusichert und der deshalb von vielen Fußballfans im Land vehement verteidigt wird, nun offiziell eröffnet ist. Das DFL-Präsidium sehe, auch angesichts der zahlreichen internen und öffentlichen Diskussionsbeiträge von Klub-Vertretern in den vergangenen Tagen und Wochen, einstimmig die Notwendigkeit einer ergebnisoffenen Grundsatzdebatte innerhalb der DFL und ihrer Gremien, hieß es. Aus Sicht des DFL-Präsidiums erscheine es zweckmäßig, "in den kommenden Monaten die Formulierung und Umsetzung der 50+1-Regel zu überprüfen und dabei zu erörtern, wie wichtige Prinzipien der gelebten Fußball-Kultur in Deutschland zukunftssicher verankert werden können und ob neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen sind".

Das, sagte Kind, sei "ein großer Schritt in die richtige Richtung". Er findet: "Modernisierung" und "traditionelle Werte" könne man mit neuen Regeln im Profifußball unter einen Hut bekommen.

Es ist ja so, dass Kind mit seinen Ideen in Hannover nicht unbedingt auf uneingeschränkte Gegenliebe gestoßen ist. Die Ultras und die Initiative "Pro Verein 1896" waren mit Klagen und einem Stimmungsboykott im Stadion gegen Kinds Machtstellung im Verein vorgegangen. "Das ist klar eine Niederlage für Herrn Kind", sagte ein Sprecher der Interessengemeinschaft am Montag: "Wir sehen das als großen Erfolg an, weil dadurch 50+1 für die nächsten Jahre in Hannover gesichert sein dürfte."

Doch es sieht vielmehr so aus, als würden die Streitgespräche über 50+1 nun erst so richtig beginnen, sich aber nicht mehr nur in Hannover abspielen. Viele Klubs in der Bundesliga fordern eine Reform des 50+1-Paragrafen. Die Meinung des Dortmunder Geschäftsführers Hans-Joachim Watzke, der für den Passus kämpfen will, solange ihm "keiner schlüssig erklären kann, warum man 50+1 abschaffen soll, obwohl Real Madrid und Barcelona als Vereine mit 50+1 die erfolgreichsten Klubs der Welt sind", dürfte eher eine Ansicht der Minderheit sein.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hatte zuletzt in einer Rede beim DFL-Neujahrsempfang hervorgehoben, dass "diese Satzungsregel uns weit gebracht" habe. Doch die juristische Qualität werde "angezweifelt". Man müsse endlich "ehrlich darüber sprechen, ob es zwischen den Radikalpositionen eben doch Wege geben kann, bei denen demokratische Teilhabe, soziales Miteinander und Mitbestimmung gesichert sind und dennoch Investoren-Rechte eingeräumt werden können".

Am Ende, auch das sagte Seifert, müsse es dem deutschen Fußball um internationale Konkurrenzfähigkeit gehen. Und die 50+1-Regel gibt es nur in Deutschland.

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