Bundesliga: die Leiharbeiter Erfolg zu verleihen!

Die Bundesligisten haben 43 ihrer Profis verliehen. Ein einmaliges Konstrukt in der Arbeitswelt, das bisweilen die Liga entscheidet.

Von Thomas Hummel

Walter Junghans ist inzwischen 51 Jahre alt. Als Torwarttrainer des FC Bayern kann er den jungen Münchner Profis erzählen, wie das Anfang der achtziger Jahre so war. Junghans galt kurz als neues Torwartgesicht Deutschlands, schließlich trug er die Nummer eins beim ruhmreichen FCB. Es lief dann nicht mehr so gut für ihn, und dieser ruhmreiche Klub tat, was er immer tut, wenn es nicht mehr so gut läuft: Er kaufte einen anderen, einen Weltklassemann. An Jean-Marie Pfaff war kein Vorbeikommen mehr, und weil Junghans 1982 erst 23 Jahre alt war, wurde er zu einer damals weitgehend unbekannten Spezies Fußballer: zum Leihspieler.

Walter Junghans ging etwas gekränkt zum FC Schalke 04. Um einen Fußballprofi für mehr als drei Monate auszuleihen, mussten die Klubs damals bei der Bundesanstalt für Arbeit eine Sondergenehmigung einholen, weil die Gesetzeslage die Verleihe von Angestellten nur für diesen Zeitraum zuließ. Heute ist die Leiharbeit längst liberalisiert und auch der Leihspieler im Fußballbetrieb gehört zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Bisweilen können sie gar entscheidende Faktoren sein.

In der vergangenen Saison hießen die prominentesten Leihspieler Andrej Woronin (Liverpool/Berlin) und Claudio Pizarro (Chelsea/Bremen), heute sind es Aliaksandr Hleb (Barcelona/Stuttgart) und Toni Kroos (München/Leverkusen). Doch Spielerberater Roman Grill sagt, dass er keine generelle Tendenz hin zum Leihspieler erkennen könne. "Die Manager und Klubpräsidenten möchten lieber ihre Spieler besitzen. Dabei muss man sich schon überlegen, ob es für viele nicht günstiger wäre, Spieler auszuleihen. So wie man ein Auto least", sagt Grill.

Während die Bundesanstalt für Arbeit das Konstrukt Leihspieler einst mit dem Leiharbeiter der Wirtschaft gleichsetzte, gilt die vertragliche Konstruktion im Fußballbetrieb inzwischen als einmalig in der Arbeitswelt. "Das Ausleihen von Spielern ist nicht vergleichbar mit der Zeitarbeit", erklärt Rechtsanwalt Christoph Wüterich, Experte für Arbeitsrecht im Sport. Der Leiharbeiter hat nur einen Vertrag mit der Zeitarbeitsfirma, keinen mit dem Unternehmen, wo er auf Leihbasis arbeitet. "Die Profis hingegen schließen einen Vertrag mit dem leihenden Klub, der alle Rechte und Pflichten übernimmt", erklärt Wüterich.

Die 18 Bundesligisten haben derzeit 43 Spieler verliehen. Häufig in die zweite Liga, aber auch ins Ausland. Bisweilen binden gerade finanzstärkere Klubs Talente schnell mit langfristigen Verträgen, auch wenn sie heute keine Verwendung für die unerfahrenen Spieler haben. Diese könnten aber bei einem anderen Klub reifen und dann als fertige Spieler zurückkehren. Eine bequeme Konstruktion fast ohne Risiko für die Klubs. Mit modernem Menschenhandel, wie mitunter gemutmaßt, hat das aber zumindest arbeitsrechtlich nichts zu tun. "Das Leihgeschäft ist nur mit Zustimmung des Spielers möglich. Damit wird seine Würde gewahrt, weil er nicht zum Objekt wird", sagt Arbeistrechtler Wüterich.

Roman Grill erklärt deshalb auch seinen Profis, dass Vorbehalte beim Thema Ausleihe fehl am Platz sind. "Wenn es um die Karriere geht, um seine finanzielle Absicherung, dann muss ein Profi in alle Richtungen denken." Im Sinne ihrer Karrieren haben nun zum Beispiel Breno, 20, und Andreas Ottl, 24, entschieden, die Ersatzbank des FC Bayern zu verlassen und sich zum 1. FC Nürnberg verleihen zu lassen.

Es sei enorm wichtig, "dass ein Spieler zwischen 20 und 25 Jahren spielt, sonst kann er keine Sicherheit aufbauen", sagt Ottl-Berater Grill. Als Versäumnis bewertet er zum Beispiel, dass sein neuer Klient Michael Rensing in den Jahren hinter dem unverrückbaren Oliver Kahn nicht per Leihgeschäft in ein anderes Tor wechselte, "die Drucksituation kam so von null auf hundert". Rensing machte das merklich zu schaffen und hat nun einen Karriereknick zu verarbeiten.

Nur ein Nachteil für einen Leihspieler

Grill sagt, er kenne eigentlich nur einen Nachteil, mit dem ein Leihspieler zu kämpfen habe. Diesen lernt nach seiner Ansicht gerade sein Profi Georg Niedermeier beim VfB Stuttgart kennen. "Wenn die Konkurrenzsituation in der Mannschaft ungefähr ausgeglichen ist, bauen die Vereine lieber auf eigene Spieler", sagt Grill. Im Falle der Stuttgarter Innenverteidigung bedeutet das: Matthieu Delpierre und Serdar Tasci sind VfB-Spieler, Niedermeiers Leihvertrag läuft im Sommer aus - was dann kommt, ist noch unklar.

Dabei findet sich Niedermeier dort wieder, wo sich die meisten Leihspieler tummeln: im Abstiegskampf. Der VfB hat mit Christian Molinaro gerade den dritten in seinen Kader geholt, Hertha BSC und der 1. FC Nürnberg bringen es schon auf fünf Leihspieler, die mithelfen sollen, das Schlimmste zu verhindern. Weil bald eine WM stattfindet, wählt auch mal ein Nationalspieler den Weg zum Tabellenletzten, wie der Grieche Theofanis Gekas, der nach Berlin ging. Nur wer im Frühling spielt, wird im Sommer wohl nach Südafrika fliegen.

Nicht immer allerdings endet das Leihgeschäft zur Freude aller Beteiligten. Der Torwart Walter Junghans sann 1982 darauf, "meine Rechnung mit den Bayern zu begleichen". Doch das erste Aufeinandertreffen verlor er mit Schalke, und als er das Rückspiel in München tatsächlich 1:0 gewann, war seine neue Mannschaft schon abgestiegen.

Hleb, Kroos & Co.

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