Ein Kommentar von Johannes Aumüller

Unbeständigkeit statt Konstanz: Der FC Bayern ist in dieser Saison einfach nicht mehr der FC Bayern, liegt aber trotz des enttäuschenden 1:5 in Wolfsburg nicht in Trümmern.

Wahrscheinlich ist das große Missverständnis dieser Saison, dass diese Mannschaft aus München tatsächlich als FC Bayern München am Spielbetrieb teilnimmt - und damit suggeriert, es sei diese Mannschaft am Start, die in der ihr eigenen Mischung aus Berechenbarkeit, Langeweile und Arroganz mit ein bisschen Dusel, doch im Grunde immer verdient, um die Meisterschaft mitspielt und sie oft genug auch erringt. Doch der FC Bayern sollte sich vielleicht umbenennen, vielleicht in Werder München oder Borussia München, denn die Spiele dieses Klubs aus München sind in dieser Saison nicht mehr langweilig, sondern ziemlich oft ziemlich unterhaltsam - wobei vor dem Anpfiff nie klar ist, wer nun zum Unterhaltungswert des Spiels maßgeblich beitragen wird, der FC Bayern oder der jeweilige Gegner.

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Geknickt, aber nicht gebrochen: Bayern Manager Uli Hoeneß und Trainer Jürgen Klinsmann. (© Foto: dpa)

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1:5 hat Bayern am Samstag gegen Wolfsburg verloren. Das ist eine Demütigung, keine Frage, ein Knacks im bayerischen Selbstverständnis, das solch ein Ergebnis nicht kennt, und es ist ein Ergebnis, das nicht ohne Folgen bleibt; so eine Leistung wie in der letzten halben Stunde der Partie können sich die Verantwortlichen nicht gefallen lassen. Viele Fragen sind zu diskutieren, von der Einstellung mancher Spieler über die Arbeit des Trainers bis hin zur personellen Tiefe bei der Besetzung der Auswechselbank. Doch daneben ist dieses 1:5 der nächste Beleg für die These, dass sich der FC Bayern zu einer schlichtweg unberechenbaren Mannschaft entwickelt hat.

Die gefürchtete bayerische Konstanz ist verlorengegangen, das Hitzfeld'sche 2:0-Standardergebnis existiert nicht mehr im Repertoire, stattdessen, ja was stattdessen: Wer ist der wahre FC Bayern 2008/09? Die Mannschaft, die auf die beste Vorrundenbilanz aller Champions-League-Teilnehmer verweisen kann - oder die Mannschaft, die in der Bundesliga schon 36 Gegentreffer kassiert hat? Die Mannschaft, die mal eben im Achtelfinale der Königsklasse den Gegner mit zwei Kantersiegen (5:0, 7:1) aus dem Wettbewerb wirft - oder die Mannschaft, die vor heimischem Publikum gegen Bremen 2:5 unterliegt? Die Mannschaft, die im DFB-Pokal Stuttgart mit 5:1 auseinanderspielt - oder die Mannschaft, die gegen Wolfsburg eine 1:5-Klatsche zulässt?

Meister der Leistungsschwankung

Keine Mannschaft dieser Fußball-Welt ist immun gegen Leistungsschwankungen, keine Mannschaft dieser Fußball-Welt absolviert eine Saison ohne Rückschläge. Doch erstens kommen Spitzenmannschaften im Allgemeinen mit weniger Leistungsschwankungen und Rückschlägen aus als der FC Bayern dieser Saison, und zweitens kam der FC Bayern im Speziellen stets mit weniger Leistungsschwankungen und Rückschlägen aus als in dieser Saison. Deswegen wirkt die laufende Spielzeit der Münchner so merkwürdig. Und deswegen haben auch viele Fans so viele Schwierigkeiten, ihre Mannschaft einzuschätzen.

Nicht nur, aber doch zu einem gewichtigen Teil haben diese Schwankungen mit Trainer Jürgen Klinsmann zu tun. Er hat die Mannschaft umgemodelt, das Klima und die Strukturen, bisweilen auch das System, nur wenig das Personal. Herausgekommen ist eine Überraschungsei-Mannschaft, die insgesamt einen guten, aber manchmal eben auch einen nachlässigen Fußball spielt. Und die noch schauen muss, ob sie damit ebenso Erfolg hat wie der abgeklärte Ergebnis-Kick der Hitzfeld-Zeit.

Die Schizophrenie der Bayern-Saison kommt auch daher, dass die Münchner trotz sechs Remis, sechs Niederlagen und 36 Gegentoren immer noch realistische Chancen auf den Meistertitel haben. In einem anderen Jahr hätte vielleicht ein anderer Klub die Unbeständigkeit der Bayern ausgenutzt, um in der Tabelle davonzuziehen. 2008/09 aber liegt der Verein auch dann nicht in Trümmern, wenn er gegen Wolfsburg eine 1:5-Klatsche kassiert - sondern lediglich drei Punkte hinter Platz eins, und damit immer noch in aussichtsreicher Distanz. Zumal Wolfsburg, Hertha und Hamburg noch schwere Spiele bestreiten müssen, und die Bayern es wie kein anderer Klub gewohnt sind, sich im Liga-Endspurt behaupten zu müssen.

Für den FCB steht an diesem Mittwoch und am nächsten Dienstag das Champions-League-Viertelfinale an; gegen den FC Barcelona zwar, aber immerhin in dem Wettbewerb, in dem die Klinsmann-Elf bisher am nachdrücklichsten zu überzeugen wusste. Es würde zu dieser verrückten Saison passen, wenn sich Bayern nach dem peinlichen 1:5 nun gegen die stark eingeschätzten Katalenen durchsetzen würden - dann wäre die Wunde von Wolfsburg bald verheilt.

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