Von Johannes Aumüller

Nach dem peinlichen 1:5 gegen Wolfsburg sind die Bayern sprachlos, hat Klinsmann fast Tränen in den Augen, und VfL-Trainer Felix Magath blödelt weiter herum.

Der Mann in der Pressekonferenz sprach so München-freundlich, als wolle er sich auf eine Assistentenstelle bei Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick bewerben. Er sprach davon, dass der VfL Wolfsburg in der ersten Hälfte nicht ebenbürtig und der Gegner aus München stärker gewesen sei.

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Die Bayernspieler Christian Lell (links) und Lukas Podolski gehen nach der Blamage vom Platz. (© Foto: dpa)

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Dass der VfL irgendwann halt in einen Rausch geraten sei. Dass der FC Bayern viele Ausfälle zu beklagen hatte. Dass er am Mittwoch ein Champions-League-Spiel gegen Barcelona zu bestreiten und deswegen automatisch nicht mit der letzten Kraft gespielt habe. Dass es also insgesamt viele glückliche Umstände gegeben habe, warum dieses Spiel mit 5:1 (1:1) für Wolfsburg geendet hatte.

Der Mann, der so sprach, war Felix Magath - Trainer der Mannschaft, die soeben den deutschen Rekordmeister gedemütigt hatte. Christian Gentner, Edin Dzeko (2) und Grafite (2) erzielten die Tore, zwischenzeitlichen gelang Luca Toni der 1:1-Ausgleich.

Seit sieben Jahren haben die Bayern nicht mehr so hoch verloren, damals war es ein 1:5 gegen den FC Schalke 04. Und nicht nur das schlichte Resultat wirkte demütigend, sondern auch die Art und Weise, wie es zustande kam. Wie die Münchner nach dem 1:2 zusammenbrachen, als handele es sich bei ihnen nicht um die personell stärkste Mannschaft Deutschlands, sondern einen Außenseiter in einem DFB-Pokal-Spiel. Wie die Bayern-Abwehr vor dem 1:3 vollkommen entblößt war. Wie Wolfsburgs Grafite vor dem 5:1 die halbe Bayern-Hintermannschaft austanzen und den Ball mit der Hacke ins Netz bugsieren durfte.

Und wie, als Zusatzqual der Demütigungskette, Felix Magath wenige Minuten vor dem Abpfiff der Partie sogar seinen Torwart Diego Benaglio gegen Ersatzmann André Lenz auswechselte.

Nein, nein, mit Demütigung habe das gar nichts zu tun, beteuerte Magath, er habe nur Lenz ein paar Einsatzminuten gönnen wollen, weil der sich nach seiner tollen Leistung gegen Hamburg ganz brav wieder auf die Ersatzbank gesetzt habe. Und auch Bayern-Coach Jürgen Klinsmann wollte sich nicht beklagen: "Wenn Felix seinem Ersatztorwart zwei bis drei Minuten gibt, ist das in Ordnung. Das Spiel war ja schon durch."

Blasser Klinsmann

Klinsmann war nach der Partie der einzige Vertreter des FC Bayern, der bereit war, sich zu äußern. Die Spieler gingen wortlos in die Kabine und von dort in den Mannschaftsbus; Manager Uli Hoeneß wollte der Presse nichts sagen, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auch nicht.

Klinsmann hingegen kommentierte, ganz bleich und niedergeschlagen, fast schon mit Tränen in den Augen, die peinliche 1:5-Klatsche: "Was sich in der zweiten Hälfte abgespielt hat, berechtigt Kritik. Wir werden das Ganze ab morgen aufarbeiten, mit dem ein oder anderen Spieler sehr hart aufarbeiten."

Welche Spieler das genau seien, wollte er nicht sagen, aber der auffallend lustlose Franck Ribéry, der vollständig abgemeldete Lukas Podolski und der nach dem Seitenwechsel sichtlich überforderte Breno dürften dazu gehören.

Magath hatte nicht Unrecht, als er auf die "glücklichen Umstände" des Sieges verwies. Die Personalsituation der Münchner war in der Tat prekär. Zwei Innenverteidiger (Demichelis, van Buyten) fielen ohnehin aus, während des Spiels verletzte sich auch noch Lucio.

Vorne fehlte immer noch Klose und absolvierte Luca Toni nach langwierigen Achillessehnenproblemen sein erstes Spiel. Um die Bank aufzufüllen, berief Klinsmann sogar Amateur Holger Badstuber in den Kader. Zudem schafften die Wolfsburger eine beinahe 100-prozentige Chancenverwertung.

Und wer die Münchner noch ein bisschen mehr in Schutz nehmen will, kann auch auf die Abseitsstellung von Edin Dzeko vor dem 2:1 hinweisen - dem Treffer, über den Wolfsburgs Doppel-Torschütze Grafite zu Recht anmerkte: "Bis zum zweiten Tor war das Spiel sehr ausgeglichen, aber ich habe gewusst, dass die Mannschaft gewinnt, die das zweite Tor schießt."

Doch all das beantwortet nicht die Frage, wie sich eine Spitzenmannschaft in der Schlussphase eines Spiels so abschlachten lässt - und das so kurz vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Barcelona verarbeiten will.

Dass die Münchner Leistung zumindest eine Hälfte lang durchaus solide war, zeigt auch Grafites Bemerkung über die Pausenansprache seines Trainers. Der habe ihn zusammengeschrien, weil er nicht das gemacht habe, was er hätte tun sollen.

Magath selbst hatte diesen Dialog ein bisschen ruhiger in Erinnerung - jedenfalls fruchtete er. Nach dem Seitenwechsel nutzten die Wolfsburger jede Chance, spielten sie "offensiv phantastisch", wie der sonst nicht gerade zu Übertreibungen neigende Magath sagte.

Seine Mannschaft hat nun acht von neun Rückrundenpartien gewonnen, nur gegen Köln gab es ein Remis. Der VfL Wolfsburg der Rückrunde beeindruckt so sehr wir die TSG Hoffenheim in der Hinserie.

Die Offensiv-Troika Grafite/Dzeko/Misimovic sucht derzeit ihresgleichen. Defensiv ist die Elf so stabil, dass sie es schafft, Ribéry vollkommen und Toni so gut wie vollkommen aus dem Spiel zu nehmen. Eine Konstellation, die danach schreit, als Titelkandidat zu gelten.

Doch obwohl die Wolfsburger nach dem eigenen 5:1-Sieg und dem 1:3 des bisherigen Spitzenreiters Hertha gegen Dortmund die Tabellenspitze übernommen haben, wiegelten sie ab, wenn es um das Thema Meisterschaft geht.

"Wir haben noch acht Spiele, das wird sehr schwer", sagte Angreifer Dzeko. Und Felix Magath, jetzt nicht mehr Mediendirektor-Assistent beim FC Bayern, sondern wieder selbstbewusst blödelnder Wolfsburg-Coach, ergänzte: "Selbst wenn ich Trainer des FC Bayern wäre, wäre ich nicht sicher, ob es reicht, um am Ende Meister zu werden. Deswegen bin ich jetzt auch nicht sicher, ob es mit dem VfL Wolfsburg reicht, am Ende einen Uefa-Pokal-Platz zu belegen."

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(sueddeutsche.de/gdo)