Rund um Dortmund steigert sich die Identifikation mit der Borussia fast ins Surreale. Drei Spieltage vor Schluss befällt die Stadt jedoch eine seltsame Ungewissheit: Was passiert, wenn es mit der Meisterschaft doch noch schief geht?
Als Kevin Großkreutz vor 22 Jahren in Dortmund zur Welt kam, steckte in den Mauern des Stadtteils Eving noch der rußige Geruch der Kokerei von Minister Stein. Dortmunds letzte Zeche hatte ein Jahr vorher, 1987, gerade dicht gemacht; noch lag Kohlenstaub in der Luft und auf den Gemütern. Männern wie dem Schlosser Martin Großkreutz, dem Vater des kleinen Kevin, gähnte der Untergang der schweren Industrien entgegen. Und Borussia Dortmund, der Trost aller Trostbedürftigen? War gerade im Achtelfinale des Uefa-Cups in Brügge ausgeschieden: 0:5.
Bild vergrößern
Was soll noch schief gehen? Dortmunder Fans mit einer Replik der Meisterschale. (© dpa)
Anzeige
Gut zwei Jahrzehnte später klagen sie in Dortmund höchstens über den Blütenstaub, der seit Wochen rieselt. Menschen haben ein Lächeln im Gesicht, Großmütter häkeln Schlüsselanhänger mit schwarz-gelben Phantasiefiguren, die Hotels sind ausgebucht, von den Stadionplätzen ganz zu schweigen. Und Kevin Großkreutz aus Eving ist mit seinen 22 Jahren eine Hauptfigur eines erstaunlichen Fußball-Märchens.
"Egal, wo ich im Moment in Deutschland hinkomme", schwärmt Hans-Joachim Watzke, der Chef des Märchens, "fast überall sagen mir die Leute: Ihr müsst Meister werden!" Selten schwappten einer Mannschaft so viele Sympathien selbst von gegnerischen Fans entgegen. In einer Stadt wie Dortmund, die an Wertschätzung kaum gewöhnt ist, geht das den Menschen runter wie ein kühles Pils: Landauf, landab endlich mal als Modell für andere zu gelten, bewundert zu werden für die mitreißendste Mannschaft, mit lauter blutjungen Spielern, die zuvor kaum einer kannte. Und die ihr Wir-Gefühl nur so hinausbrüllt.
"Es ist ein Irrglauben", traut sich Vorstandschef Watzke mittlerweile zu formulieren, "dass junge Fußballer nur nach dem Geld schielen. Wir beweisen, dass es gemeinsam auch um andere Dinge geht: Zusammen etwas zu erleben, gemeinsam etwas zu schaffen." Vor zwei, drei Jahren betete Watzke noch die Budget-Rangliste der Bundesliga daher und war finster überzeugt: "Die Geldrangliste stellt die Tabelle am Ende von selbst auf."
Inzwischen scheint die ganze Stadt zu glauben, dass es einen geheimen Zauberschwur gibt, der die Gesetze des Kapitalismus aushebelt. Dortmund steht bei den Ausgaben auf Rang acht oder neun, weit hinter den Bayern mit ihren potenten Geldgebern und auch den beiden Dax-Konzernablegern Leverkusen (Bayer) und Wolfsburg (VW).
Aber als Abwehrspieler Mats Hummels, sozialisiert beim FC Bayern, kürzlich trotz eines besseren Angebots aus München seinen Vertrag bis 2014 verlängerte, sagte er beiläufig: "Wir haben in Dortmund etwas ganz Besonderes, was ich vielleicht in meiner Karriere nur einmal bekomme. Das wollen wir alle festhalten, so lange es geht."
Im Stadion singt die Südtribüne mit ihren 25000 Stehplatz-Fans seit den ersten Einsätzen von Kevin Großkreutz vor fast zwei Jahren besonders trotzig ihren Hit-Song: "Wir sind alle Dortmunder Jungs!" Sie singen das für Großkreutz, der immer noch seine Dauerkarte auf der Südtribüne besitzt, obwohl er inzwischen samstags auf dem Rasen gebraucht wird.
Die Dortmunder Jungs singen auch für die anderen Dortmunder Jungs, für Mario Götze, den Professorensohn, der seit seinem neunten Lebensjahr beim BVB spielt, oder für Nuri Sahin. Und auch für einen wie den Brasilianer Dede, schon länger nur noch Ersatzspieler, der seit 13 Jahren für Dortmund die Knochen hinhält. Gegen gutes Geld zwar, aber doch mit Herz. Kaum etwas scheint den Fans wichtiger zu sein, als dass Dede am letzten Spieltag noch einmal aufläuft - und ein zweites Mal Meister wird.
Vorausgesetzt, es gibt dieses Happy End wirklich. Denn vor den letzten drei Spielen der Saison, gegen Nürnberg, in Bremen und gegen Frankfurt, sind manche Ecken der Stadt plötzlich von einer gewissen Unruhe befallen. 0:1 in Gladbach, noch fünf Punkte Vorsprung: Alle hoffen, dass diese neue Ungewissheit die so kugelsicher wirkende Mannschaft nicht erreicht. "Monatelang musste ich bei den Leuten im Umfeld die Euphorie bremsen", sagt Trainer Jürgen Klopp, "und auf einmal muss ich den Leuten draußen sagen: Jetzt bleibt mal ruhig!"
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundesliga RSS
- Bundesliga: FCK - St. Pauli 11 Schwiegersöhnchen 29.04.2011
- Dortmund Die Meisterfeier wird vertagt 23.04.2011
- Talentverschwender der Bundesliga Oh weh, Gladbach 25.04.2011
- Leverkusen kauft Bernd Leno Champions League statt Heimat 30.11.2011
- 2 um 2 - Udos Erben "Es liegt nicht an Schweinsteigers Ausfall" 29.11.2011
- Nur noch Platz drei für FC Bayern Vanbommelisiert euch! 29.11.2011
- Fußball-Bundesliga Bayern verlässt die Tabellenspitze 28.11.2011
Bürgermeister in Baden-Württemberg
Champions-League-Finale