Von Thomas Becker

Herbe Schlappe für Schalke: Der VfL Wolfsburg gewann auswärts 2:1 gegen die Königsblauen. Der Sturmlauf der Schalker in Richtung Tabellenspitze fand durch die beiden Tore von Grafite ein jähes Ende.

Es hätte eine wunderbar kitschige Geschichte werden können. Neuzugang wird eingewechselt, als die Mannschaftskollegen schon verzweifelt sind an all ihren vergebenen Großchancen. Neuzugang ist eine der großen Hoffnungen. Manche haben sogar nur wegen ihm eine Dauerkarte gekauft. Nach einer quälend torlosen Stunde kommt Neuzugang also ins Spiel - und macht mit der ersten Ballberührung ein Tor. Sein erstes in der Bundesliga.

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Freut sich über sein erstes Tor: Wolfburgs Grafite (© Foto: AP)

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Befreiter Jubel im ausverkauften Haus. Eine königsblaue Jubelpyramide über dem schmächtigen Mann. Ein Tänzchen mit Landsmann Rafinha. So hätte der Abend für Vicente Sanchez laufen können. Er wäre der Held gewesen. War er aber nicht.

Der Held hieß Edinaldo Batista Libanio und trug kein blaues, sondern ein grünes Trikot. Er ist auch noch nicht so lange in der Bundesliga, hat sich aber unter dem Künstlernamen Grafite, gesprochen Grafitsch, schon einen Namen gemacht. Als er mit seinem VfL Wolfsburg in die Veltins-Arena auf Schalke einlief, hatte er sechs Saisontreffer auf dem Konto, und als sie die Arena wieder verließen, da waren es schon acht.

Bereits in der ersten Halbzeit wurde deutlich, dass wenn hier ein Wolfsburger ein Tor schießt, es nur Grafite sein konnte. Leichtfüßig war er Bordon weggelaufen, hatte sich mit seinem athletischen Körper und der brasilianischen Ballbehandlung mehrfach gegen die Schalker Defensive durchgesetzt - nur ein Treffer blieb ihm versagt. Seine zwei Treffer gelangenihm dann weniger aufgrund seiner Klasse.

Nummer eins war ein klassischer Abstauber, nachdem Rafinha im Strafraum ausgerutscht war und über den Ball gesäbelt hatte. Nummer zwei resultierte aus einem schnöden Elfmeter, den Keeper Neuer gegen den heranstürmenden Dzeko verursacht hatte. Fünf Minuten vor Schluss hatten die Wolfsburger ein Spiel gedreht, in dem "Schalke ganz klar die bessere Mannschaft war", wie VfL-Trainer Magath nach der Partie unumwunden zugab.

2:1 gewann Wolfsburg gegen Schalke 04 - wie erst vor einigen Tagen im Pokal, damals in Wolfsburg. Bei der Revanche in der Veltins Arena verpulverten die Königsblauen Großchancen, die hätten reichen müssten, um drei Spiele zu gewinnen. Besonders Kevin Kuranyi tat sich diesmal unrühmlich hervor. So elegant und formvollendet er oft die Bälle annimmt oder perfekt weiterleitet, so stümperhaft zeigte er sich an diesem Abend vor dem Tor: als verhinderter Vollstrecker oder dilettantischer Passgeber. Drastischstes Beispiel: Minute 60. Allein und ungestört strebte der Nationalstürmer Richtung Tor, brauchte nur noch nach links auf den mitlaufenden Lövenkrands passen - doch selbst das misslang grandios.

Gerade als sich der Schalker Anhang schon mit der desaströsen Nichtverwertung abgefunden hatte, kam Sanchez ins Spiel und keine drei Minuten nach seiner Einwechslung hatte Era Cuh schon die Arme oben. Asamoah hatte mit feinem Dribbling die Defensive ausgetrickst, war aber am Keeper gescheitert, doch Sanchez konnte den Abpraller aus zwölf Metern endlich im Netz unterbringen.

Doch schon acht Minuten später startete Grafite seine Zweier-Serie und die Meisterschaftsträume des S04 erhielten den fast schon obligaten Dämpfer. Zwar versuchten Trainer Mirko Slomka und Manager Andreas Müller glaubhaft zu versichern, dass man sich nach dem Aufrücken auf Rang drei mit Titelambitionen gar nicht befasst habe, zudem Bayern und Bremen für ihre Konstanz gelobt und weiterhin Platz drei als Saisonziel ausgegeben -doch einen Eid hätten sie darauf wohl nicht geschworen. Nach den 90 Minuten gegen Wolfsburg fasste Slomka den ernüchternden Abend zusammen: "Das wäre heute ein wesentlicher Schritt gewesen, sich vorne zu etablieren. Das ist schon eine ziemlich bittere Niederlage. Wolfsburg ist wirklich nicht gerade unser Lieblingsgegner."

Kollege Magath verbrachte dagegen höchst angenehme Momente. Indem sie Schalkes Serie stoppten - zuletzt sieben Spiele ohne Niederlage -, setzten sie ihren eigenen Höhenflug fort. "Porto" hatte Magath in den Hinterköpfen des Gegners ausgemacht - den Champions-League-Gegner in der kommenden Woche. Schmeichelhaft sei der Sieg seines VfL: "Aber ich möchte mich nicht für den Sieg entschuldigen und wünsche den Schalkern natürlich gegen Porto mehr Fortüne."

Einen Knacks befürchtet Schalke-Manager Müller nicht für dieses wichtige Spiel: "Das ist ein anderer Wettbewerb. Diese Niederlage heute wirft uns nicht um." Den Rückfall in Zeiten der torarmen Bundesliga-Hinrunde konnte er aber nicht leugnen: "Das zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch die Saison."

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(sueddeutsche.de/ihe)