Von Jörg Marwedel

Luan Krasniqi trägt schwer an der Bürde, an Max Schmelings 100. Geburtstag um die Schwergewichts-WM gegen Lamon Brewster boxen zu dürfen. "Manchmal kann ich nicht glauben, was mit mir passiert."

Am Montag hatte Luan Krasniqi wieder einen dieser Max-Schmeling-Termine. Er ist hinaus gefahren nach Harburg ins Helms-Museum, wo die Ausstellung "Der Boxer" eröffnet wurde, die anlässlich Schmelings 100. Geburtstag am heutigen Mittwoch dem Lebenswerk des deutschen Idols gewidmet ist.

Luan Krasniqi posiert nach dem Wiegen für die Kameras. Heute Abend geht es für den 34-Jährigen um die Karriere. Weltmeister oder Schluß sind die Optionen. Krasniqi: "Ich darf jetzt nur um den WM-Titel kämpfen, weil die beiden Klitschkos abgehauen sind von Universum." (© Foto: DPA)

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In der ersten Reihe unter 300 Ehrengästen hat Luan Krasniqi den Klängen der Jagdbläser aus Schmelings Wohnort Hollenstedt in der Lüneburger Heide gelauscht und den Elogen mehrerer Redner. Doch als nach einer knappen Stunde der alte Fernsehmann Harry Valérien an die Reihe kam und von seinen Begegnungen mit dem großen Max zu plaudern begann, da war Krasniqis Platz schon wieder leer.

Verrückte Pointe

Vermutlich hat Luan Krasniqi rund fünfzig Stunden vor dem Kampf gegen WBO-Champion Lamon Brewster in der Hamburger ColorLine Arena nicht mehr wirklich wissen wollen, weshalb Schmelings Ehe mit Anny Ondra kinderlos geblieben ist (Valérien: "Nach einem Unfall, bei dem sie ein Kind verlor, rieten ihr die Ärzte ab, es nochmal zu versuchen"). Oder wie es wirklich war beim Tee mit Adolf Hitler (Valérien: "Er hat dem Führer abgerungen, seinen jüdischen Manager Joe Jacobs behalten zu dürfen").

Luan Krasniqi ist längst vollgepumpt mit Historie, und er hat genug an der Bürde zu tragen, ausgerechnet an Max Schmelings Ehrentag als erster Deutscher seit dessen 1932 gegen Jack Sharkey verlorenem Titel die Weltmeisterschaft im Schwergewicht holen zu können (ab 22.15 Uhr, live im ZDF).

Dass ausgerechnet er diesen Kampf bestreiten darf, ist ja ohnehin eine ziemlich verrückte Pointe der Geschichte. "Manchmal", sagt Luan Krasniqi, "kann ich nicht glauben, was mit mir passiert." Nicht nur, weil er gebürtiger Kosovo-Albaner ist und seine Karriere mit 34 Jahren schon fast gelaufen zu sein schien.

Geldgeile Manager

Es ist auch das kühle Verhältnis zu seinem Promoter Klaus-Peter Kohl, das dem von Kohls "Universum"-Boxstall offerierten Karriere-Höhepunkt einen kräftigen Schuss Ironie verleiht. "Kohl", sagte Krasniqi neulich dem Stern, "hat nie viel von mir gehalten. Ich darf jetzt nur um den WM-Titel kämpfen, weil die beiden Klitschkos abgehauen sind von Universum. Kohl braucht mich, sein Geschäft muss ja weitergehen".

Luan Krasniqi ist in geschäftlichen Dingen ein unbequemer, ja misstrauischer Mensch. Wenn er sich in Rage redet, zieht er über die gesamte Box-Branche her, einschließlich der "geldgeilen Manager".

Letzteres mag einerseits mit der Enttäuschung zu tun haben, in Kohl statt eines Freundes in diesem Haifischbecken nur einen nüchtern kalkulierenden Manager gefunden zu haben, der für ihn keine ähnlichen Sympathien entwickelte wie etwa für seinen schillernden Ziehsohn Dariusz Michalczewski. Andererseits ist Krasniqi selbst ein ausgebuffter Rechner.

Bevor Kohl ihm im Frühjahr den Kampf gegen Lance Whitaker in Stuttgart ermöglichte, der ihm die Tür zu diesem WM-Fight öffnete, pokerte der frühere Kundenberater einer Bausparkasse und drohte mit einem Stallwechsel. Es heißt, er habe sich damals bei Wilfried Sauerland angedient, sei aber schnell von dessen "lächerlichem Angebot" bedient gewesen.

Der junge Max und der junge Luan

Jetzt verbindet ihn mit Kohl zumindest eine Art Schicksalsgemeinschaft. Dieser Tage hat der Promoter auf alten Fotos sogar "eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem jungen Max und dem jungen Luan" entdeckt. Sollte sich am späten Mittwochabend herausstellen, dass der zum designierten Schmeling-Nachfolger hochgejazzte Krasniqi nicht einmal ein Abziehbild des Originals ist, dann ist Krasniqis Karriere wohl zu Ende und Kohls Stall nach dem Verlust der Klitschkos und des zurückgetretenen Dariusz Michalczewski um eine weitere Geldquelle ärmer. Oft haben sie Kohl zuletzt prophezeit, nun gehe es abwärts mit "Universum".

Kohl selbst lächelt darüber, er hat ja noch immer (oder schon wieder) ein paar exzellente Boxer unter Vertrag. Den Mittelgewichtler Felix Sturm, 26, etwa, oder den hochbegabten Schwergewichtler Alexander Dimitrenko, 23, der am Mittwoch im Vorprogramm gegen den Amerikaner Vaughn Bean boxt und als größter Hoffnungsträger im Stall gilt.

Das Problem ist nur: Sturms Gewichtsklasse taugt nicht für die ganz große Nummer, und dem IBF-Juniorenweltmeister Dimitrenko, einem Jura-Studenten aus der Ukraine, fehlt außer einem deutschen Pass womöglich etwas noch wichtigeres - bedingungsloser Ehrgeiz. In seinem Umfeld spekuliert man gar, er sei vielleicht nur Profiboxer geworden, um sich das Studium zu finanzieren.

Luan Krasniqis Sorgen sind das nicht. Für den Kampf gegen Brewster kassiert er rund 1,5 Millionen Euro. Gewinnt er, wäre die nächste Gage wohl doppelt so hoch. Seine Last ist eine andere: Der "sensible, emotionale und eigenwillige 1,91-Meter-Mann" (Sportinformationsdienst) muss nicht nur den Hype um Übervater Schmeling verdrängen, er muss sich quasi selbst besiegen, um auch Brewster schlagen zu können.

"Ich weiß nicht, wie stark Luans Nerven sind", sagt sein Trainer Torsten Schmitz und denkt nicht nur an jenen Kampf gegen den Polen Saleta vor dreieinhalb Jahren, bei dem Krasniqi trotz klarer Führung aufgab. Auch beim letzten EM-Kampf 2004 gegen Timo Hoffmann habe Krasniqi "gemacht, was er wollte und nicht, was ich wollte". Heraus kam ein schmeichelhaftes Unentschieden, das zur Titelverteidigung reichte.

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(SZ vom 28.09.2005)