Von Benedikt Warmbrunn

Nach zahlreichen Rückschlägen erhält Schwergewichtsboxer Luan Krasniqi eine letzte Chance - gegen den elf Jahre jüngeren Alexander Dimitrenko.

Die letzten Tagen vor einem Kampf nutzen Boxer, um sich von den Strapazen der Vorbereitung zu erholen und um die Gedanken auf die bevorstehenden Aufgabe zu fokussieren. Jeder hat da sein eigenes Rezept, bei der jungen Generation sind Einheiten an der Spielkonsole besonders beliebt.

Krasniqi Boxer

Wenn er trifft, tut's weh: Schwergewichtsboxer Luan Krasniqi (© Foto: dpa)

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Luan Krasniqi, 37, dagegen gehört zu den Boxern reiferen Jahrgangs, er gewinnt die nötige Ruhe mit einer etwas aus der Mode gekommenen Methode: Er geht spazieren.

So schlenderte der Schwergewichtler in den vergangenen Tagen oft durch die Düsseldorfer Altstadt und am Rhein entlang, begleitet von seinem besten Freund Firat Arslan, dem ehemaligen WBA-Weltmeister im Cruisergewicht. Das vorherrschende Gesprächsthema: Wie man mit unbändigem Willen gegen alle Widerstände eine Chance nutzt.

Genau das nämlich hat Krasniqi im Sinn, wenn er am Samstag in Düsseldorf gegen Alexander Dimitrenko, 26, in den Ring steigt. Denn dieses Duell birgt eine besondere Brisanz. Krasniqi und Dimitrenko boxen für den Hamburger Universum-Stall, offiziell konkurrieren sie um den Interkontinental-Gürtel der World Boxing Organization (WBO). Hintergründig steht viel mehr auf dem Spiel.

Sieg oder Rente

Dimitrenko wird in den Weltranglisten aller großen Verbände unter den besten drei geführt, bei der WBO sogar auf Position eins. Sportlich ist für ihn der Kampf gegen Krasniqi, der in keiner Aufzählung unter den Top 15 auftaucht, nicht interessant. Einen Termin im Frühjahr sagte Dimitrenko ab. Erst als seine Kampfbörse aufgebessert wurde, willigte er ein.

Dazu musste ihn sein Trainer Fritz Sdunek auch über den eigentlichen, den tieferen Sinn des Kampfes aufklären: Trotz seiner Erfolge ist Dimitrenko in Deutschland relativ unbekannt, ein Sieg über den populäreren Krasniqi soll dies ändern. Dessen ist sich auch Krasniqi bewusst.

"Natürlich würde Alexander mein Bekanntheitsgrad helfen", sagt Krasniqi, "aber da habe ich auch ein Wörtchen mitzureden." Die Universum-Verantwortlichen dagegen hoffen, Krasniqi mit einer Niederlage sanft in Rente drängen zu können.

Noch vor wenigen Jahren hätte Krasniqi ein solches Stallduell daher gekränkt, heute freut er sich über die Chance. "Das ist wie ein Ritterschlag", sagt er, "dass ich noch einmal einem WM-Kampf näher komme, ist grandios." Gewinnt Krasniqi, würde er schlagartig zurück in die Spitze der Weltranglisten stoßen.

Diese Gelegenheit hätte er sich nicht mehr erträumt, zu sehr ist sein bisheriger Weg von ungenutzten Chancen geprägt. Im Juli 2002 kämpfte Krasniqi gegen Przemyslaw Saleta. Gedacht war das Duell als Aufbaukampf über acht Runden, nach einer Verletzung von Witali Klitschko wurde daraus kurzfristig ein TV-Hauptkampf über zwölf Runden. Ein Risiko sah darin niemand, keiner traute Saleta zu durchzuhalten.

Pantoffeln vor dem Spind

Doch Saleta fiel nicht. Nach acht Runden gingen dafür Krasniqi die Kräfte aus, er gab erschöpft auf. Es folgte eine Phase der Peinigungen, Kollegen legten ihm Pantoffeln vor dem Spind - und damit das Karriereende nahe.

Im Februar 2004 wollte ihn Universum-Boss Klaus-Peter Kohl schon einmal loswerden. In Stuttgart boxte Krasniqi gegen Sinan Samil Sam, der alle Privilegien genießen durfte. Sam übernachtete ihm Teamhotel, Krasniqi in einem Hotel am Hauptbahnhof. Und Sam durfte in die Universumecke, wo ihn Michael Timm betreute, der sich nach dem Saleta-Kampf von Krasniqi abgewendet hatte. Krasniqi gewann dennoch und kämpfte sich zurück nach oben.

Am 28. September 2005 boxte er gegen Lamon Brewster um die WM, es wäre der 100. Geburtstag von Max Schmeling gewesen. Krasniqi wollte als zweiter Deutscher nach Schmeling Weltmeister im Schwergewicht werden. Es blieb bei dem Traum, er verlor durch K.o. in der achten Runde. Danach kehrte er nicht mehr zu alter Stärke zurück.

Der Tiefpunkt war die Niederlage gegen Tony Thompson im Juli 2007. Nach einem Sieg hätte Krasniqi Wladimir Klitschko in einem weiteren WM-Kampf herausfordern dürfen, doch er unterlag blamabel durch technischen K.o. in der fünften Runde. "Das war ein Desaster", gibt Krasniqi heute zu, "aber erst durch solche Niederlagen wird einem bewusst, wie tief man sinken kann." Auf diese Weise wollte sich Krasniqi nicht in den Ruhestand verabschieden, dankbar griff er zu, als ihm Alexander Dimitrenko als Gegner angeboten wurde.

Vor zwei Jahren startete Krasniqi eine Kampagne gegen Spielsucht, sie steht unter dem Motto "Sei nicht dein eigener Gegner". In Schulen referiert er darüber, dass man sich nicht von außen beeinflussen lassen, sondern immer der eigenen Linie treu bleiben soll. Das ist bisweilen leichter gesagt als getan, denn als Boxer muss Krasniqi seine Linie erst wieder finden.

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(SZ vom 15.11.2008/faz)