K.o.-Sieger Witali Klitschko erobert die New Yorker: mit tadellosen Manieren und einer Spur Brutalität im Kampf gegen Kirk Bubba Johnson. Eine Reportage von Gerhard Waldherr

New York - Blau und Gelb ist die Flagge der Ukraine, und wer das bis dahin nicht gewusst haben sollte in New York, der weiß es spätestens seit Samstagabend. Blau und gelb war der Madison Square Garden dekoriert überall, bevor es anfing. Große Tücher in Blau und Gelb schwenkten tausende von Menschen, als alles abrupt und im Stile einer Hinrichtung zu Ende ging. 10.823 Zuschauer waren gekommen, darunter Prominente wie der pensionierte Footballer Dan Marino und Schauspieler Denzel Washington sowie ein paar der weltweit offenbar unvermeidlichen Luden, doch die Stimmung machten Klitschkos Landsleute, viele von ihnen in gelben T-Shirts mit der blauen Aufschrift: "Go Vitali!" Little Kiew in New York, ein bislang unbeachteter Farbtupfer in der Hauptstadt der Welt.

Anzeige

Losmarschiert ist er dann auch. Links, rechts, links, rechts, wenig später ein Koloss in den Seilen und am Boden. Knockout. Witali Klitschko hat am 6. Dezember wohl nicht nur einen Boxkampf gewonnen, sondern sich endgültig einen Namen gemacht in den USA, wo der Rubel rollt im Schwergewicht. Fünf Minuten und 54 Sekunden dauerte es, ehe Klitschko seinen Gegner Kirk Bubba Johnson zermürbt hatte, zunächst mit einer Folge von linken Jabs und rechten Haken und am Ende bei zwei Niederschlägen mit einer Tracht Prügel, die das Ende von Johnsons Karriere bedeuten könnte. Der Kanadier war chancenlos bis zur Grenze der Peinlichkeit. Während der Pressekonferenz nach dem Fight saß er zusammen gesunken am Tisch, die Augen verquollen, blutendes Kinn.

Es war ein Kampf, der schnell erzählt ist. 113 Punches in nicht mal zwei vollen Runden, fast die Hälfte davon im Gesicht gelandet, das war Klitschkos Bilanz, der Johnson wenig entgegen zu setzen hatte außer 15 Pfund mehr Gewicht als üblich; vor dem Kampf wog er 260 Pfund. Von Beginn an, wirkte Klitschko schneller, lockerer, beweglicher. Vor allem aber entschlossener. "Eine tolle Leistung, perfekt", sagte Klitschkos Promoter Klaus-Peter Kohl, "es war für uns sehr, sehr, sehr wichtig, diesen Kampf zu gewinnen, in dieser Arena." Kohl schwärmte dann noch ein wenig vom Garden, der sich dank ukrainischer Ausgelassenheit tatsächlich von seiner besten Seite präsentierte, bevor er eine baldige Rückkehr in die Vereinigten Staaten ankündigte. "Wir sind Wiederholungstäter."

Tatsächlich muss Lennox Lewis bis Ende Juni 2004 gegen Klitschko boxen. Dazu hat der Profiboxverband WBC diesen New Yorker Kampf (Motto: "Heavyweight Collision") veranstaltet und dafür hat der Kabelkanal HBO ein paar Millionen springen lassen. Sollte Lewis seine Karriere beenden, käme es zum Duell zwischen Klitschko und der Nummer zwei der WBC-Weltrangliste, Corrie Sanders (Südafrika). "Viele hatten uns gewarnt, sie meinten, Johnson sei ein zu großes Risiko", resümierte Kohl, "aber wir müssen großes Risiko gehen, um an die Spitze zu kommen." An der Spitze ist Lewis, den will Klitschko nochmal vor die Fäuste kriegen. Zum einen, weil er glaubt, den ersten Kampf gewonnen zu haben, hätte ihn nicht eine Augenbrauenverletzung gestoppt, und außerdem: "Wir wollen nicht einfach nur gewinnen, wir wollen Geschichte schreiben."

Einer, der Geschichte geschrieben hat und während seiner Laufbahn auch ein Faible für gnadenlose Siege entwickelte, prophezeite Klitschko bereits eine glorreiche Zukunft, als der noch auf dem Weg zur Dusche war. "Dieser Junge ist der nächste Schwergewichts-Champ", sagte George Foreman, für HBO wieder als Kommentator im Einsatz. Revidiert hat Klitschko damit auch das Image, er sei zu weich für die großen Jungs, weil er vor einigen Jahren gegen Chris Byrd wegen einer Schulterverletzung aufgeben musste. Foreman: "Lennox Lewis muss sich nun der Herausforderung stellen." Doch Lewis ist beinahe 38, er hat gegen großen Namen gewonnen, sein Vermögen beläuft sich auf 200 Millionen Dollar. Warum nochmal eine Monate dauernde Vorbereitung? Warum nochmal gegen Klitschko? Dino Duva, zusammen mit Kohl Promoter des Kampfabends, der zehn Jahre für Lewis arbeitete: "Das ist genau, was Lennox motiviert."

Noch ist alles unklar, fest steht nur, dass das Schwergewichtsboxen sich in einer Phase der Neuorientierung befindet. Tritt Lewis zurück? Wer wird sein Nachfolger? Hat die Königsklasse des Boxens genug Qualität und Tiefe, um über die nächsten Jahre genügend Spannung zu erzeugen? "Das wäre eine gute Frage für Lewis", so Klitschko, "alles hängt von ihm ab." Zur zweiten Frage: siehe Foreman. Zur dritten Frage: Wenn Johnson auf der WBC-Weltrangliste an Nummer fünf platziert ist, und Baby Joe Mesi, der im Vorkampf auftrat, als große, weiße Hoffnung angesehen wird, kann die Szene nicht anders, als begeistert sein über Klitschko. Mesis Punktsieg über Monte Barrett war Betrug. "Mir wäre es deshalb am liebsten, Lewis würde nochmal gegen Klitschko antreten", sagte HBO-Chefkommentator Larry Merchant, "es ist immer am besten, wenn die Fackel im Ring übergeben wird."

Klitschkos Auftritt: tadellos, professionell, kultiviert außerhalb des Rings; explosiv mit einer Spur Brutalität im Ring. So, wie sie es schätzen in Amerika: nett im Umgang, hart in der Sache; gewissermaßen eine nette Ergänzung zu den Naturgewalten, die am Wochenende über die Stadt hereinbrachen. 20 Zentimeter Schnee am Freitag, Blizzard am Samstag. "Er ist das", so Merchant, "was das Schwergewicht brauchte, er wird das Gerede und die Gerüchte anheizen." Lewis wird nicht besonders geliebt in Amerika, was auch nicht zu Klitschkos Nachteil ist, und dass der nebenher noch aussieht wie übrig geblieben aus dem kalten Krieg, prädestiniert ihn umso mehr für das US-Fernsehpublikum. Will Hart meinte nach dem Kampf: "Dieser Kerl sieht nicht nur imposant aus, er schlägt noch erbarmungsloser zu, als er aussieht." Hart ist der renommierteste Boxfotograf der USA. Für ihn steht bereits fest: "Dieser Sieg bedeutet eine Menge neuer Zahltage für mich."

Sie sprachen gerade darüber bei der Pressekonferenz, über Zukunft, Geld, solche Sachen, als sich im Interviewraum die Köpfe drehten. Getuschel, Gemurmel. Die ersten sprinteten in die Richtung eines sich bildenden Menschenauflaufs, um Fotos zu machen. Mike Tyson war gekommen. Klitschko versuchte in holprigem Englisch weiter zu machen, erkannte aber schnell die Aussichtslosigkeit: "Welcome, Mr. Tyson, nehmen Sie doch Platz!" Tyson, Schiebermütze, Schnurrbart, Fellmantel, sagte nichts, wirkte, als sei er auf Drogen, und verschwand 15 Minuten später grußlos. Es ist irritierend, dass er immer noch alle Blicke auf sich lenkt. Natürlich, auch gegen den würde er gerne boxen, sagte Klitschko: "Tyson war mein Idol, das wäre ein Traum." Doch Trainer Fritz Sdunek meint: "Tyson ist bloß noch ein Name, mit dem man Profit machen kann, die Herausforderung ist Lewis."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...