Borussia Dortmund Zu viel Hurra für die Champions League

Pierre-Emerick Aubameyang (mi.): Ohne Tor, ohne Erfolg bei Tottenham Hotspur

(Foto: AP)
Von Philipp Selldorf, London

Die Begegnung mit Borussia Dortmund in Wembley hatte Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino im Vorhinein zum "Endspiel" erhoben und damit einen ähnlichen Ton gewählt wie der BVB-Chef Hans-Joachim Watzke, der erklärt hatte, an diesem Abend könnten "Helden geboren werden". Große Worte in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um den ersten Spieltag in der Vorrundengruppe H handelte, aber immerhin auch keine leeren Versprechnungen.

Zwar werden diesem Finalspiel noch fünf weitere folgen, und es hat auch niemand einen Drachen bezwungen und in dessen Blut gebadet, aber die beiden Parteien lieferten sich in der frischen englischen Abendluft tatsächlich ein Spiel, das nicht aussah, als finde es im Frühstadium des Wettbewerbs statt. Die Dortmunder schienen dabei die Entscheidung noch bedingungsloser zu suchen als Tottenham, sie drängten vorwärts, als wären sie selbst die Gastgeber in London - was wohl auch der Grund dafür war, dass sie die Partie 1:3 (1:2) verloren. Die offenherzige Angriffspolitik von Trainer Peter Bosz nahm Tottenham dankbar zur Kenntnis und machte den bestmöglichen Profit davon.

Wembley wird in Fußballerkreisen nach wie vor als mythischer Ort gepriesen: der Rasen angeblich heilig, die Ränge angeblich immer gefüllt. Diesmal entsprach nur das perfekte Grün den Erwartungen, auf den Tribünen gab es dagegen viel Leerstand. Die Dortmunder Kurve immerhin war bestens besetzt, aber die selbstbewussten Gesänge verstummten bereits nach sechs Minuten, als Heung-Min Son mit dem ersten zielstrebigen Angriff das 1:0 für die Hausherren erzielte. Ein Treffer, der sich als typisch erweisen sollte: Die rechte Dortmunder Abwehrseite war an diesem Abend die größte Schwachstelle der schwarz-gelben Deckung. Das beruhte allerdings auch auf der Grundordnung, die der BVB auf Geheiß von Peter Bosz einnahm: Lukasz Piszczek firmierte darin mehr als Außenstürmer denn in seinem gelernten Beruf als Außenverteidiger.

Der Linienrichter macht ein Tor zunichte

Der riskante Hurra-Fußball des niederländischen Trainers rächte sich nicht nur beim ersten Gegentreffer, bei dem Son aus der eigenen Hälfte ungestört in einen Steilpass von Harry Kane startete, sondern auch beim 2:1 nach einer Viertelstunde durch den englischen Nationalstürmer Kane. Dieser begann ebenfalls in der eigenen Hälfte seinen Sololauf, räumte unterwegs Nuri Sahin wie einen lästigen Gegenstand beiseite (womöglich nicht ganz regelgerecht) und ließ dann auch den zaghaft heranrückenden Verteidiger Ömer Toprak ziemlich alt aussehen, als er den Ball ins Netz beförderte. Torwart Roman Bürki war an den Gegentreffern, besonders beim ersten, ebenfalls nicht ganz unbeteiligt: Zweimal flog der Ball im kurzen Eck ins Tor.

Dennoch war es gemäß den statistischen Daten erstaunlich, dass Tottenham zur Pause in Führung lag. "Wir hatten Tottenham in der ersten Halbzeit unter Kontrolle", sagte BVB-Innenverteidiger Ömer Toprak im ZDF: "Für ein Auswärtsspiel haben wir es eigentlich sehr, sehr gut gemacht." Das Spiel mit Ball hatten vorwiegend die Dortmunder gemacht, während sich Tottenham genüsslich in der Defensive einrichtete, doch aus der vermeintlichen Überlegenheit ging lediglich das vorübergehende 1:1 durch Andrej Yarmolenko hervor. Der neue Angreifer aus Kiew setzte damit zwar einen Glanzpunkt, ansonsten fiel er aber nur am Rande auf. In der Angriffsreihe mit Christian Pulisic und Pierre-Emerick Aubameyang fehlte ihm noch die präzise Peilung.

Der BVB kam mit guten Vorsätzen aus der Kabine, blieb aber in der Abwehr anfällig, was auch an den Tempodefiziten der Innenverteidiger Sokratis und Toprak lag. Und dann passierte, was nicht passieren durfte: Erst machte der Linienrichter mit einem falschen Abseitsentscheid das Ausgleichstor durch Aubameyang zunichte (57.), dann schoss Kane das 3:1 (60.). Diesmal war Piszczek zwar zur Stelle, aber das war auch wieder nicht recht: Er fälschte den Ball in die lange Ecke ab.

Die Borussia setzte ihre Bemühungen anschließend tapfer fort, aber der größte Erfolg der letzten halben Stunde bestand für die Dortmunder darin, dass Tottenham nicht noch das 4:1 erzielte. Trainer Bosz lobte den Auftritt seiner Mannschaft später zwar. Doch auch er musste feststellen: "In den entscheidenden Momenten waren wir nicht da."


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