Borussia Dortmund im Titelkampf "Warum sollten wir uns jetzt drängen lassen?"

Die Zahlen sind beeindruckend: Seit 18 Spielen ist die Borussia ungeschlagen, der Vorsprung auf Bayern München beträgt schon sieben Punkte. Wie im vergangenen Jahr will der Deutsche Meister aber vom Titel nichts wissen. Und in der Nationalmannschaft fühlen sich die Dortmunder nicht ausreichend repräsentiert.

Von Freddie Röckenhaus

Zehn Spieltage vor Saisonende, sieben Punkte Vorsprung auf den FC Bayern, in sieben Rückrundenspielen zehn Punkte mehr geholt als der Rekordmeister, erstmals auch im Torverhältnis vorbeigezogen, acht Spiele in Serie gewonnen, seit 18 Spielen ungeschlagen, davon 15 mal gewonnen: Man könnte meinen, dass die Argumente für Borussia Dortmund allmählich ausreichen, um eine erfolgreiche Titelverteidigung zumindest nicht mehr auszuschließen.

Mats Hummels wurde von Bundestrainer Joachim Löw für das Spiel gegen Frankreich als einziger Dortmunder in die Nationalmannschaft berufen.

(Foto: REUTERS)

Aber auch nach dem 2:1 gegen zähe Mainzer war alles wie im vergangenen Jahr. "Warum sollten wir uns darüber jetzt Gedanken machen?", fragt Trainer Jürgen Klopp mit gespielter Entgeisterung zurück. Und Nationalspieler Mats Hummels begegnet Meisterschafts-Fragen wie der Absolvent des Grundseminars Rhetorik: "Wir spielen jetzt wieder so gut wie im letzten Jahr. Gut, aber: Warum sollten wir uns jetzt drängen lassen, unsere Rolle neu zu definieren?"

Dabei gäbe es zum Definieren mehr Raum, als ihn die gegnerischen Abwehrreihen auf dem Platz zulassen: Auch gegen Mainz 05 donnerte die geballte Wucht der Mannschafts-Maschinerie wieder derart über den Gegner hinweg, dass selbst neutrale Zuschauer ihre Freude an der unermüdlichen Spielwut der Dortmunder hatten. Mohammed Zidan, bis vor wenigen Wochen noch selbst beim BVB und jetzt mit seinem fünften Tor im fünften Spiel für Mainz erneut erfolgreich, sagte, was immer mehr Beobachter denken: "Wenn die so weiterspielen, weiß ich wirklich nicht, wer sie noch aufhalten soll."

Dass das Spiel nicht 5:1 oder 6:0 ausging, war allerdings der einzigen und auffälligen Schwäche des BVB geschuldet: Torchancen lehnen die Dortmunder mit einer merkwürdigen Beharrlichkeit ab. Allein Torjäger Robert Lewandowski hätte drei-, viermal treffen müssen. Am Ende blieb es bei zwei Toren durch Jakub "Kuba" Blaszczykowski und Shinji Kagawa. Marcel Schmelzer konnte die magere Torausbeute verschmerzen: "Wir haben Mo (Zidan) vorher gesagt, dass er sein Tor machen kann, wenn wir mindestens zwei machen. Schön, dass es genau so gekommen ist."

Die oft zu tief stehenden und lange beinahe zaghaft auf ihre Gegenspieler gehenden Mainzer konnten vor allem vor der Pause von Glück sagen, dass ihnen angesichts der Dortmunder Spielzüge nicht der Himmel auf den Kopf fiel. Stattdessen durften sie für knapp drei Minuten, nachdem Zidan das 1:1 gelungen war, von einem Coup träumen. Dann aber wuchtete Shinji Kagawa, der unter der Woche 22 Flugstunden fürs Länderspiel Japan gegen Usbekistan absolviert hatte, den Ball unter die Latte - und das Spiel war entschieden.

Thomas Tuchel, diplomierter Betriebswirt und Trainer von Mainz 05, schien später nur von einem beseelt zu sein: Die ganze Schuld der 2:1-Niederlage in Dortmund auf seine Schultern zu satteln. "Ich nehme das auf meine Kappe", wurde Tuchel nicht müde, zerknirscht in Mikrophone und Kameras zu sagen: "Wir hatten in der ersten Halbzeit die falsche Grundaufstellung. Mein Fehler." Das hätte nobel und anständig klingen können, aber es wirkte auf merkwürdige Art deplatziert, weil niemand das Gefühl hatte, dass man zur Zeit mit irgendeiner Taktik Dortmund stoppen kann. Tuchels Ehrgeiz ließ wenig Raum für schlichte Anerkennung der Stärke des Gegners.

Gewohnt unauffällig ersetzte Dortmund den wegen der fünften gelben Karte gesperrten, zuletzt in Bestform spielenden Kapitän Sebastian Kehl. Ilkay Gündogan nahm seinen Platz ein. Der Vertreter des dauerverletzten Mario Götze, "Kuba" Blaszczykowski, zog mit seinem Treffer nun auch nach Scorerpunkten an Götze vorbei. Leicht wird es nicht werden für den 19-Jährigen, der in knapp zwei Wochen mit dem Lauftraining beginnen soll, bis zum Saisonende noch einmal an seinem polnischen Stellvertreter vorbeizukommen. Obwohl "Kuba" und Shinji Kagawa mit ihren Treffern im Fokus standen, wollte Trainer Klopp vor allem Kevin Großkreutz loben: "Wenn man die Offensiv- und Defensivarbeit betrachtet, ist Kevin der kompletteste Mittelfeldspieler der Liga."

Großkreutz war jüngst von Bundestrainer Joachim Löw nicht zum Frankreich-Spiel eingeladen worden. BVB-Chef Hans-Joachim Watzke hatte Löw schon zuvor kritisiert: "Wenn vom Meister und klaren Tabellenführer nur ein Spieler, Mats Hummels, in der Nationalelf steht, dann ist das etwas wenig. Schmelzer und Großkreutz hätten gutgetan." Spieler wie Großkreutz, Schmelzer oder Sven Bender, der nach einer Kopfverletzung eine Woche zuvor im Spiel gegen Hannover gleich wieder 90 Minuten durchzog, sind das wahre Rückgrat der Mannschaft, die einsam an der Spitze steht.