Bob Countdown zum Countdown

Der Bau besserer Bobs gestaltet sich im deutschen Team schwierig - für Bundestrainer Langen stagniert die Entwicklung gar.

Von Volker Kreisl, Innsbruck-Igls

Am Ende war es der übliche Ertrag. Viermal Gold, zweimal Silber, das entspricht den Erwartungen der deutschen Bob- und Skeletonfahrer an eine WM. Zwar hatte es lange auch nach einem Viererbob-Sieg und somit nach fünfmal Gold und einmal Silber ausgesehen. Doch mit etwas Abstand akzeptierten die Gesandten des deutschen Verbandes BSD den Tag und die Woche. Nach dem Ärger über die Fehler seiner führenden Piloten im dritten Lauf und einem mittleren Wutanfall über den Weltverband, der die aufgeweichte Bahn durch den Vierer-Test der Frauen weiter lädiert hatte, stellte Bundestrainer Christoph Langen klar: "Mit der Bilanz sind wir zufrieden!" Es geht ja ohnehin um viel mehr. BSD-Sportdirektor Thomas Schwab hatte schon während der Woche an diese WM "einen Haken" gemacht. Man denkt längst weiter, denn im Hintergrund tickt beständig eine unsichtbare Uhr. Es ist der Countdown, der für die meisten Olympiasportler vor den Spielen startet, der im Bobsport aber viel früher anläuft. "Wir haben nicht mehr lange Zeit", sagte auch Langen. Im September, anderthalb Jahre vor den Winterspielen 2018 in Pyeongchang, ist der große Stichtag, und auf den schaut man nun derart gebannt, dass wohl gerade eine Art Countdown zum Countdown abläuft.

Die Unruhe hängt mit dem misslungenen Olympiaauftritt 2014 in Sotschi zusammen. Da hatte der deutsche Verband erstmals seit 50 Jahren keine Medaille geholt, was an langsamen Starts und mäßiger Fahrkunst lag, aber auch an einem Zweier-Bob, der von den Piloten "Trabi" getauft wurde und Sandra Kiriasis, die Olympia- siegerin von 2006, vor Wut weinen ließ. So weit war es deshalb gekommen, weil damals der September-Stichtag, 18 Monate vor Olympia, deutlich verpasst wurde.

"Das ist der Hammer": So freute sich Tina Hermann, nachdem die 23-jährige Bayerin vom Königssee erstmals Weltmeisterin im Skeleton.

(Foto: Jan Hetfleisch/dpa)

Der Sotschi-Bob kam ein ganzes Jahr zu spät, der Pyeongchang-Bob muss nun unbedingt rechtzeitig fertig werden. Denn entscheidend ist die Weiterentwicklung, wie Thomas Schwab sagt. Zwei Winter mit Weltcup-Einsätzen benötigen die Sportler und Praktiker, um den Prototypen der Ingenieure und Theoretiker auf Podestniveau zu heben. Momentan, sagt Schwab, laufe alles nach Plan. Trainer Langen aber ist skeptisch. Trotz Gold für Francesco Friedrich und Anja Schneiderheinze sei der Zweierbob nicht schneller. Die allgemeine Entwicklung stagniere, Langen sagt: "Ich weiß nicht, welches Update da kommen soll."

Ein Problem besteht darin, dass das Zusammenspiel der deutschen Entwickler ungefähr so störanfällig ist wie das Innere eines Bobs. Es geht um Empfindlichkeiten. Zwischen Praktiker Langen und den Theoretikern von der Berliner staatlichen Forschungsstelle FES herrscht seit den Vorwürfen von Sotschi ein fragiler Frieden. Der ehemalige Pilot Matthias Höpfner wurde zwar als Bob-Tester und Vermittler dazwischengeschaltet, und er liefert seit vielen Monaten doppelt so viele Ergebnisse wie früher. Auch treffen sich alle Parteien regelmäßig, um gemeinsam Neues auf den Weg zu bringen. Doch das Sotschi-Trauma sitzt in den Köpfen und Langen sagt: "Was über die ganze Testerei in dieser Saison gekommen ist, das ist eigentlich nichts."

Vermittler Höpfner plädiert dagegen für Besonnenheit. Die Arbeit finde ja im Mikrobereich statt. Eine leicht veränderte Bob-Haube, ein etwas flexiblerer Teilungsbolzen - was auch immer: Jede neue Idee müsse systematisch, unter unterschiedlichen Bedingungen, getestet sein. Erst dann kann sie auch in den Pyeongchang-Bob eingebaut werden. Höpfner sagt: "Wir machen hier Forschen und Entwickeln - und nicht Bauen und Schnellsein."

Womöglich hat die Nervosität mit Ohnmacht zu tun. Denn hinter allem steckt ein Grundproblem, das sich so schnell nicht lösen lässt. Deutsche Bobs werden als einzige in der Welt von einem staatlich gestützten Institut, der FES, entwickelt. Dieser Luxus sicherte seit der Wende die deutsche Dominanz im Eiskanal. Zugleich steckt darin auch ein Risiko. Denn die FES hat noch viel mehr zu tun, sie beliefert alle Sport- arten, sie baut im Sommer Bobs und im Winter Ruderboote. Und auch ihr fehlt Personal, weshalb die Forderung von Schwab, im Winter einen eigenen FES-Mann an den Bahnen stehen zu haben, zwar nachvollziehbar ist, aber wohl unerfüllbar.

Es bleibt den Deutschen nichts anderes übrig, als Geduld aufzubringen, und Vertrauen in die eigene vergleichsweise riesige Mannschaft von Fahrern, Anschiebern, Praktikern und Theoretikern. Und ein bisschen Zuversicht lässt sich ja auch aus der WM in Innsbruck ziehen, trotz des Ärgers am Sonntag über das verpasste Viererbob-Gold von Francesco Friedrich, der nach dem Wettkampf einräumte, dass er für das Wetter die falschen Kufen gewählt hatte. Er war um vier Hundertstelsekunden noch vom Letten Oskars Melbardis abgefangen worden. Viermal Gold und zweimal Silber blieben dem BSD aber. Außerdem hatten sich in allen Disziplinen die nachkommenden Fahrer deutlich gesteigert. Stagnation sieht anders aus.