Bis zu einer Million Euro Minus "Radsport beerdigt sich"

Stuttgart als Veranstalter der Rad-WM bilanziert ein großes Minus. Und wenn es ums Geld geht, taucht der in Dopingfragen sehr zurückhaltende Rad-Weltverband UCI auf.

Von Andreas Burkert

Der Kassensturz erfolgt erst Montag, doch das Vorzeichen ist bereits eingetragen in die Rechnung: Es wird ein dicker Minusstrich sein. "Das Defizit dürfte zwischen 700.000 und einer Million Euro betragen'', sagte am Schlusstag der Rad-WM in Stuttgart OK-Chefin Susanne Eisenmann der SZ. Dass der Weltverband UCI und auch der nationale BDR wegen imagemindernder Politik ihren Teil an der Zeche zahlen sollen, hatte die Stadt Stuttgart ja bereits angekündigt und insgesamt 650.000 Euro der Garantiezahlungen einfroren. Eisenmanns Vorgesetzter, OB Wolfgang Schuster, hat die Absicht, notfalls Gerichte zu bemühen, am Wochenende noch einmal bekräftigt. UCI und BDR seien "gut beraten, das Thema Doping ernster zu nehmen'', sagte Schuster. Deshalb gebe man "keine Steuergelder an Verbände, die Doping nicht konsequent bekämpfen.''

Erschossen? Paolo Bettini gewinnt die Weltmeisterschaft der Straßenrad-Profis in Stuttgart.

(Foto: Foto: AP)

Diese Ankündigung rief die erwartbare Reaktion der UCI hervor, die zwar im Antidoping-Kampf oft Fünfe gerade sein lässt - nicht aber, wenn es um viel Geld geht, hier um 580.000 Euro. Und wenn Präsident Pat McQuaid bisher nicht überall einzuschätzen war als derjenige, der dieser Linie seines Vorgängers und heutigen Vertreters Hein Verbruggen folgsam nacheifert - so gab sich der Ire bei den Stuttgarter Weltspielen endgültig als Marionette des holländischen IOC-Kaders zu erkennen. "Vertraglich ist uns eine große Summe zugesichert, die die Stadt nicht mehr bereit ist, zu zahlen. Nach der WM werden wir die nötigen Schritte einleiten'', ereiferte sich McQuaid - und reagierte damit um Radlängen entschiedener als bei seinen Profis und Mitgliedsverbänden, welche die peinlichen WM-Turbulenzen mit ausgelöst hatten.

Mit welch lockeren Zügeln McQuaid auch bei der zum "Neuanfang'' ausgerufenen WM regierte, dokumentierte er erneut am Samstag, als er vor der Weltpresse sagte: "Es gibt keinen Dopingfall Rasmussen.'' Dabei ist die UCI vom Labor Châtenay-Malabry Kenntnis erhalten, dass in Urinproben des Dänen von der Tour de France Spuren des Medikamentes Dynepo gefunden wurden. McQuaid ignoriert jedoch diese Affäre insofern, als dass er lieber auf das noch nicht validierte Nachweisverfahren zu Dynepo verweist.

Rasmussen indes war während der Tour als Führender ausgeschlossen worden, weil verpasste Dopingtests und Meldeversäumnisse bekannt geworden waren. Müsste nun nicht zumindest wegen der laut Reglement justiziablen Meldeverstöße ein Doping-Verfahren eingeleitet werden? "Es gibt da Untersuchungen'', antwortete McQuaid, "aber auf welchem Stand die sind, weiß ich nicht.''

Amüsant mutet es wiederum an, dass McQuaid ankündigte, die UCI werde sich nun von Dopingsündern wie Winokurow oder Sinkewitz Geld zurückholen, da dies ja per Ehrenerklärung abgemacht sei. Doch hat nicht McQuaid in Stuttgart die Erklärung im Falle des renitenten Weltmeisters Bettini "juristisch nicht bindend''genannt?

"Aus Stuttgart sind sie nun wieder weg'', sagt Eisenmann, "aber über diesen ,Neuanfang' werden auch künftig Publikum und Sponsoren entscheiden.'' Sie findet: "Der Radsport hat sich hier selbst beerdigt, denn wenn's um Konsequenzen geht, taucht er ab.'' Dass es in den Verträgen mit der UCI Schlupflöcher gebe, wisse sie. "Doch wir haben gar nicht versucht, jede Lücke auszumerzen.'' Stuttgart war eben so naiv zu denken, dem Radsport ginge es nicht um Spitzfindigkeiten. Sondern um Glaubwürdigkeit.

Oberbürgermeister Schuster hat immerhin zufrieden registriert, dass ihn etwa Tour-Direktor Christian Prudhomme am Freitag besuchte "und uns ausdrücklich bestärkt hat, unseren strikten Kurs fortzusetzen''. Prudhomme hatte im Juli mit der UCI gebrochen. Denn er möchte nicht länger deren Zeche zahlen.