Bierdusche im Fußball Mia san Bier

Szenen von 2017: Douglas Costa erhält eine Bierdusche. Dabei wäre dem Brasilianer bestimmt Capirinha lieber gewesen.

(Foto: dpa)

Wenn der FC Bayern gegen Dortmund Meister wird, schwappt das Weißbier über Trainer- und Spielerköpfe. Dabei ist die Bierdusche der endgültige Beleg für Humor-Unterbelichtung zum Saison-Ende.

Von Jonas Beckenkamp

Reden wir zur Abwechslung mal über Fußball und Bier, denn es hat sich etwas eingeschlichen. Jetzt, da die Saison zu Ende geht, wird es wieder pappen, spritzen und schwappen - es ist Meisterfeier-Zeit, der FC Bayern spielt gegen den BVB und wenn die Dortmunder sich nicht plötzlich in eine gute Fußballmannschaft verwandeln und Schalke nicht Freiburg besiegt, wird's am Ende Weißbier regnen. Reden wir also über eine Unsitte, die den Fußball als dermaßen beschränkt entlarvt, dass es einem die Synapsen zuklebt: die Bierdusche.

Was soll der Schmarrn? Kann keiner mehr gepflegt einen Titel feiern wie früher? Da war mehr Stil, mehr enthemmtes Gebussel und mehr spontane Gefühligkeit. Siege waren in erster Linie Grund zur Freude - und nicht, wie heute, Grund zum Einseifen.

"Die entscheidende Phase bricht jetzt an"

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Warum verschütten erwachsene Männer, Familienväter und andere Sportskanonen ein ehrenwertes Getränk? Wo doch die Kulturgeschichte von Bier und Ballspiel lehrt, dass Weizen nach dem Sport so wunderbar isotonisch wirkt? Es ist ein Rätsel der Fußballmoderne, wer da wann wohin falsch abgebogen ist: Das Bier oder die Spieler? Jedenfalls kommt man seit einiger Zeit nur noch selten zusammen. Das Bier fließt nämlich dieser Tage an entscheidender Stelle vorbei: an den Kehlen der Menschen.

Das große Verschütten greift um sich, über Köpfe, Anzugträger, Herrmann Gerlands und sonstige Maskottchen kippen an diesem Samstagabend vermutlich die Bayern-Profis ein Nahrungsmittel, ja sogar ein Grund-Nahrungsmittel. Wenn sie es doch wenigstens selber saufen würden! Aber nein, darum geht's in dieser spaßbefreiten Sportlergesellschaft nicht. Es geht ums künstliche "Ausflippen", ums Selfies schießen, um pennälerhaftes Brunftgehabe. Geil, Bier! Aus dem Riesennapf, serviert von Humpen-Hostessen! Und jetzt schön den Trainer abspritzen! Muuaaaahh, Malle, schalalalala.

Der Fußball ist ein einfaches Spiel mit nicht immer distinguierten Gepflogenheiten - und jetzt machen wir mal nicht so auf Humorpolizei, sondern versuchen, zu verstehen: Die Bierdusche ist ein Ritual, eine beständige Rückversicherung der alten Werte. Wer als Fußballer etwas gewonnen hat - und sei es nur den Sparkassen-Cup in Böblingen - hat sich gefälligst ein Bad in irgendwas Flüssigem zu genehmigen. Eistonnen, Entmüdungsbecken, Erdinger. Mit dem erstbesten greifbaren Behältnis in der Hand jagen Fußballer dann los, als liefe sie gerade der letzte Konter ihres Lebens.

Und natürlich wird auch der Ehrenmann Jupp Heynckes eine Ladung abbekommen, ebenso wie der praktizierende Moslem Franck Ribéry - zwei Menschen, die mit Sicherheit keinen Gusto am großen Gepappe empfinden. Ribéry hat sich sogar schon beschwert, die Weißbierfalle kollidiere mit seinem Glauben (koan Alkohol). Und der Rest? Macht halt mit. Weil es Usus ist. Weil im Fußball die ewig gleichen Gesetze gelten. Weil der Brachialspaß das einzig verbliebene Fünkchen Fete im Millionengeschäft Fußball ist.

Den Instagram-Followern gefällt's bestimmt

Weil alle mal so richtig crazy drauf sind, auf Knopfdruck - oder sollte man sagen: auf Sponsorendruck? Das Brauereiwesen reibt sich doch die dicke Marketingplautze, während Bayern-Spieler auf Fotos mit PaulanerErdingerFranziskanerSonstwas-Weizenstutzen posieren. Im Fußball, wo jeder Zentimeter durchkommerzialisiert ist, wird eben auch die Bierdusche präsentiert von einem "offiziellen Partner" des Vereins. Die Go-Pro-Kameras auf den Gläsern im vergangenen Jahr waren nur der Anfang. Unbestätigten Gerüchten zufolge testet die Firma Uber bereits selbstkippende Weißbierhumpen.

Witzig ist das alles nur für Freunde des allerderbsten Schabernacks. Der Rest empfindet es vielmehr so, dass die Bierdusche der endgültige Beleg für die alarmierende Humor-Unterbelichtung in der Umkleidekabine ist. Wenn Fußballer den Schalk in sich entdecken, dann gerne plump und prollig. Es herrschen die Schenkelklopfer der Ballacks, Baslers und Uli Borowkas, die als sogenannte "Platzhirsche" auch die Gaghoheit für sich gepachtet haben. Lustig ist demnach, was schon beim B-Jugend-Mannschaftsausflug an den Balaton den Humorstandards genügte. Damals war es Nippelzwicken unter Männern. Aua. Hihi. Und dann Schnürsenkel zusammenbinden. Heute ist es verschüttetes Bier, so banal, so Kindergarten, aber hey: 400 neuen Instagram-Followern gefällt's.

Wirklich amüsant wäre übrigens: Schlusspfiff bei Bayern gegen Dortmund, Riesenbiere für alle, drei Liter Weizen auf ex - und dann Interviews geben.

Vom Konsenskandidaten bis zur großen Lösung

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