Biathlon Zum Durchchecken beim Epo-Arzt

Olympia-Bronze mit der Staffel: Der heutige Biathlon-Funktionär Gottlieb Taschler mit Gewehr und Skiern 1988 in Calgary.

(Foto: Bob Thomas/Getty Images)

Vor der zweiten Station im Weltcup erschüttert eine Enthüllung die Biathlon-Familie. Der Vizepräsident des Weltverbands hat seinen Sohn zu "Dottore Epo" geschickt. Wirklich nur wegen eines "medizinischen Problems"?

Von Joachim Mölter

Auf der Homepage der Internationalen Biathlon-Union (IBU) stand am Donnerstagnachmittag noch eine unterhaltsam gemeinte Anekdotensammlung im Vordergrund: In einem Video erzählen Athleten dort über ihre "schlimmste Erinnerung an die letzte Saison".

Die vermutlich schlimmste Erinnerung, welche die IBU dereinst an die laufende Saison haben wird, schwelte da noch im Hintergrund: Gottlieb Taschler, der IBU-Vizepräsident Sport, steht im Verdacht, seinen Sohn Daniel, 27, zum Zweck des Dopings mit Michele Ferrari zusammengebracht zu haben, dem in Radsport-Kreisen als "Dottore Epo" bekannten Arzt aus Ferrara. Diesen Vorwurf erhob am Mittwoch die Sportzeitung Gazzetta dello Sport; sie belegte ihn mit Auszügen aus einem 550 Seiten starken Ermittlungsdossier der Staatsanwaltschaft Padua.

Taschler war gern gesehener Gast

Die Staatsanwaltschaft Padua wühlt seit 2010 im italienischen Dopingsumpf und hat vor allem gegen Radprofis belastendes Material zutage gefördert, aber auch gegen andere Athleten, zum Beispiel Alex Schwazer, den Geher-Olympiasieger von 2008. Der stammt wie Vater und Sohn Taschler aus Südtirol. Den Akten zufolge hat die Zusammenarbeit von Daniel Taschler und Michele Ferrari im Sommer 2010 begonnen; dass sie erst jetzt publik wurde, liegt wohl auch daran, dass Biathlon in Italien nicht so populär ist wie der Radport.

Nun erschüttert der Fall Taschler das Land Italien also nicht ganz so sehr wie die Fälle der Astana-Profis um den - allerdings nicht konkret belasteten - Tour-de-France-Sieger Vincenzo Nibali, aber dafür die Biathlon-Familie umso mehr, die sich gerade beim Weltcup in Hochfilzen/Österreich trifft. Taschler war bei solchen Gelegenheiten stets ein gern gesehener Gast, er ist nach seiner aktiven Karriere ja zu einem hochrangigen Funktionär aufgestiegen.

Erst vor drei Monaten wurde er als Vizepräsident der IBU wiedergewählt; als Organisationschef verantwortet er zudem den jährlich im Januar ausgetragenen Weltcup in Antholz, die wohl attraktivste und erfolgreichste Biathlon-Veranstaltung außerhalb Deutschlands.