Interview: Volker Kreisl

Der Kinderchor von Östersund singt sie mit Inbrunst: die Hymnen bei der Siegerehrung der Biathlon-WM. Manche Texte bereiten ihnen kleinere Schwierigkeiten.

Die Siegerehrungen bei den Biathlon-Weltmeisterschaften bereiten nicht nur den Gewinnern, sondern auch den TV-Zuschauern und -hörern Freude. Ein Kinderchor unter der Leitung von Marie Tängmark, der Ehefrau des evangelischen Pfarrers von Östersund, singt die jeweilige Nationalhymne, fröhlicher und frischer, als man das bislang gewöhnt war.

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SZ: Frau Tängmark, die Bilder von Ihrem Kinderchor sind fast so beliebt wie die Szenen am Schießstand.

Marie Tängmark: Wirklich?

SZ: Klar, Sie haben ein Ritual bei Siegerehrungen aufgebrochen - die getragen-ernste Hymne. Sonst hört man blecherne Nationallieder vom Tonband, oder den Vortrag einer örtlichen Sängerin. Dazu erstarren dann die Sieger und schauen betroffen in die Ferne. Mit Ihrem Chor dagegen spielt sich auf der Bühne etwas ab.

Tängmark: Ja, es ist viel lebendiger.

SZ: Aber für diesen Spaß mussten die Kinder wohl Arbeit investieren.

Tängmark: Es war nicht so locker, wie es aussieht. Wir haben seit September geprobt. Gegen Ende drei Mal die Woche in Einzelgruppen, dann einmal im Monat alle zusammen, vor der WM ganze Wochenenden.

SZ: Wie alt sind Ihre Sänger?

Tängmark: Die Kleinen sechs Jahre, die Großen 15. Insgesamt sind es 77.

SZ: Wie viele Hymnen können sie?

Tängmark: 16. Auswendig.

SZ: Nationalhymnen und Kinder, wie bringt man das zusammen?

Tängmark: Ich leite ja auch einen Kirchenchor, und Kinder hassen Kirchenmusik. Hier war es ähnlich, man muss die Kinder locken.

SZ: Wie machen Sie das?

Tängmark: Ich spiele ihnen etwas vor, und versuche, ihnen ein Gefühl für das Land zu vermitteln.

SZ: Gefühl kommt bei Hymnen immer auf.

Tängmark: Aber den Text kann man sich besser merken, wenn man das Gefühl richtig vorspielt. Ich übertreibe dabei. "Ja-vi-elsker-dette-landet" aufzusagen, das reicht nicht. Die Kinder verstehen so nicht, dass da von Herzen Ja! zu Norwegen gesagt wird. Also reißen wir den Mund auf und singen Joooaaaaaaaaa!!! Das funktioniert.

SZ: Und die Marseillaise? "Allons enfants de la patrie" - wie sollen schwedische Kinder das aussprechen?

Tängmark: Das Nasale betonen. Wir ziehen lange Nasen und machen: annlnnns nnnfnnts. Wissen Sie, es geht nur über den Spaß.

SZ: Was war am schwierigsten?

Tängmark: "Jeszcze-Polska-nie-zginela", die polnische Hymne.

SZ: Nun haben Sie 16 Hymnen im Programm, aber gesungen wird bei der WM ja fast doch nur die deutsche.

Tängmark: Den Kindern macht das nichts aus.

SZ: Sie singen ja auch immer flüssiger. Beim dritten Mal hörte man fast keine Grammatikfehler mehr. Bis auf: "... fir das deuzes Vaterland!"

Tängmark: Am Anfang haben sie das ganz falsch verstanden. Sie haben in so einem abgehackten Rhythmus losgelegt: Ei! -nig! -keit! -und! -Recht! -und! ... Dann habe ich ihnen klargemacht, dass es da bei den Deutschen um was ganz anderes geht. Um Glück und Geborgenheit und Wärme. Dann haben wir gesungen Aaaaaayynichkaait uund Rreeecht..

SZ: Aber an einer Stelle sind sie immer hängen geblieben.

Tängmark: Blüüüh im Glaaaanze. Da geht es eine Quart hinauf. Da haben sie Kiekser gekriegt, es war grauenvoll anzuhören.

SZ: Man ist geneigt zu sagen: ein Beitrag zur Völkerverständigung. Die Kinder lernen etwas über andere Nationen. Und die Reaktion der Athleten ist auch neu.

Tängmark: Ja, sie fragen sich, wer da hinter ihnen singt, und schauen.

SZ: Sie staunen, 77 Schüler stehen da und singen die Hymne, als wär's ein Kinderspiel. Michael Greis und Andreas Birnbacher haben sich mehrmals umgedreht und gewunken. Es wird gekichert und gewitzelt, der Moment bekommt etwas Leichtes.

Tängmark: Obwohl sie beim ersten Mal furchtbar erschraken, bei der Eröffnungszeremonie. Der Vorhang fiel, und da standen 20.000 Menschen. Ein paar Kinder haben gleich geweint.

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(SZ vom 15.02.2008/aum)