Von Johannes Aumüller, Ruhpolding

Biathlon inszeniert sich als Mischung aus Nachmittagsausflug und Schlagerparty. Das Publikum gibt sich als schrecklich große Familie.

Die Wange ist in Schwarz-Rot-Gold bemalt, von der Mütze baumeln schwarzrotgoldene Bommel, und natürlich ist auch die zusammengerollte Fahne, die Dietrich Schultz in der Hand hält, Schwarz-Rot-Gold. Entgegen des ersten Eindrucks ist er aber nicht nur Fan der deutschen Mannschaft. "Das hier", sagt Schultz und rollt den schwarzrotgoldenen Stoff auseinander, "ist mein Fahnenpaket." Unter der deutschen Fahne hat er noch die russische liegen, und unter der russischen noch die norwegische. Drei Fahnen hat Schultz im Gepäck - damit er auch ein Jubel-Utensil für alle Staffeln hat, die als Sieger in Frage kommen.

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Bei Biathlon-Veranstaltungen geht es manchmal zu wie beim Volksfest. (© Foto: ddp)

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Man muss sich das mal vorstellen: Ein Fußball-Fan geht zum Bundesligaspiel in einem Bayern-Trikot und trägt zur Sicherheit noch ein Hoffenheim-Shirt darunter, falls am Ende doch die anderen gewinnen. Bei einem Fußball-Fan unvorstellbar, bei einem Biathlon-Fan völlig normal. "Das ist doch das Schöne am Biathlon", sagt Schultz' Frau Roswitha, "diese Freude mit vielen anderen Ländern, dass sich die Fans und die Sportler gegenseitig anfeuern und helfen, wie in einer Familie."

Ja, eine Familie. Der Biathlon-Sport ist eine schrecklich große Familie. Einmal pro Jahr trifft sie sich für eine Woche im oberbayerischen 6000-Seelen-Dorf Ruhpolding, der zweiten deutschen Biathlon-Hochburg neben dem thüringischen Oberhof. Auf der Tribüne kennt man sich noch aus dem Vorjahr. Man plauscht, trinkt Glühwein und Bier - und wundert sich, dass der Stammplatz aus dem vergangenen Jahr schon vergeben ist. Es ist so gemütlich wie die sonntägliche Kaffeetafel im heimischen Wohnzimmer mit der großen Verwandtschaft.

Zwischen der Tribüne und der Couch

Die Familie bekommt dabei ständig Zuwachs - aber kaum Kinder. Viele sind schon gehobeneren Alters, jüngere Gesichter sieht man kaum. Allein 17.800 Zuschauer sind an diesem ersten Wettkampftag zur Staffel der Frauen gekommen, in der gesamten Woche dürften es 80.000 bis 90.000 werden. An den Gittern rund um die Strecke hinterlassen die Fans ihre Grußbotschaften an die Biathleten - und wer die Aufschriften betrachtet, kann zu dem Schluss kommen, dass es kein Dörfchen in Deutschland gibt, aus dem nicht irgendjemand nach Ruhpolding gereist ist. Die Hillscheider Bären (Westerwald) grüßen die Biathleten, Waldaschaff (Unterfranken) grüßt, sogar ein ganzer Weinberg grüßt, der Kröver Nacktarsch von der Mosel.

Dietrich und Roswitha Schultz sind mit einigen Bekannten - alle um die 60 Jahre alt - aus Sinn und Ehringshausen gekommen, zirka 80 Kilometer nördlich von Frankfurt. Seit 11.10 Uhr stehen sie auf der Ruhpoldinger Tribüne, mehr als sechs Stunden müssen sie warten, bis die Staffel beginnt. Früher war die Warterei nicht so lange, da begannen die Wettbewerbe schon am frühen Nachmittag.

Doch Biathlon ist nun eine Fernseh-Sportart, und eine Fernseh-Sportart muss sich nicht nach denen richten, die warm eingepackt an der Strecke stehen, sondern nach denen, die im Jogginganzug auf der Couch sitzen. Das bedeutet eben späte Startzeiten (an diesem Tag 17.40 Uhr) - die zwar für Sportler wie Fans langes Warten bedeuten, aber auch bedeutend mehr Quote bringen. "Es war früher schon besser. Wenn die Rennen jetzt vorbei sind, dann ist es spät, es ist dunkel, es ist kalt", sagt Roswitha Schultz. Doch nach einer kurzen Pause meint sie: "Na ja, dafür fand ich es letzte Woche in Oberhof gut, dass die Rennen so spät angefangen haben. Da konnte ich nach der Arbeit zu Hause noch Biathlon schauen." Familie zu sein, heißt eben, geben und nehmen zu können.

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