Biathlon Rätsel um ein Geldkuvert

Das Weltcup-Finale als Politikum: Dutzende Biathleten verzichteten im März auf die Reise ins russische Tjumen.

(Foto: Sergei Bobylev/imago)
  • Bei der Vergabe der Biathlon-WM 2021 an die russische Stadt Tjumen soll viel Geld geflossen sein.
  • "Dass Russland für jede Stimme 25 000 Euro oder mehr gezahlt hat, entbehrt der Realität", sagt zwar Wiktor Maigurow, Russlands Mann im neunköpfigen IBU-Vorstand.
  • Doch die Hinweise verdichten sich, auch die deutsche Rolle ist umstritten.
Von Thomas Kistner

Nun steht ein Zeuge aus dem Innersten parat in der Doping- und Korruptionsaffäre um den Biathlon-Weltverband IBU. Ein Vorstandsmitglied erklärt, beim Kongress im Herbst 2016 in Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, habe ihm ein Teilnehmer berichtet, wie ein Delegierter ein Geldkuvert herumgetragen und dargelegt hätte, das Geld habe er für sein Votum bei der Vergabe der WM 2021 an die russische Stadt Tjumen erhalten. Der IBU-Mann sagte der SZ, Verbandspräsident Anders Besseberg sei in Chișinău informiert worden, aber der Norweger habe die Sache als Gerücht abgetan.

Der IBU-Zeuge will ungenannt bleiben, er versichert aber, dass er bei allen zuständigen Ermittlungsinstanzen aussagen werde: bei Staatsanwaltschaften, die zum Korruptionssumpf um die in Salzburg ansässige IBU ermitteln, ebenso wie bei der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Deren Forensiker hatten die Affäre ausgelöst - mit einem Dossier, auf dessen Basis österreichische und norwegische Strafbehörden nun gegen Verbandschef Besseberg und die Ex-Generalsekretärin Nicole Resch wegen Doping- und Betrugsverdachts ermitteln; zudem gegen zehn russische Sportler und Betreuer. Im Raum steht neben der Dopingvertuschung der Verdacht, dass es Stimmkäufe für die WM-Zusage an Tjumen gab. Insofern hat die Aussage des IBU-Vorstandsmitglieds hohe Brisanz. Er erklärt weiter, dass schon beim Wahlkongress in der Republik Moldau unter Delegierten kursiert sei, es seien Summen zwischen 25 000 und 100 000 Euro geflossen. Diese Beträge finden sich im Anklage-Dossier der Wada.

Wurde Tjumen auch mit deutscher Stimme gewählt?

Wiktor Maigurow, Russlands Mann im neunköpfigen IBU-Vorstand, weist alle Vorwürfe zurück. "Dass Russland für jede Stimme 25 000 Euro oder mehr gezahlt hat, entbehrt der Realität", sagte er der heimischen Agentur R-Sport. "Wie soll man das unbemerkt bewältigen? Das wäre sofort publik geworden." Wäre es nicht - falls die IBU-Spitze falsch gespielt hätte.

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Besseberg und seine Vertraute Resch, zu DDR-Zeiten an der umstrittenen Sportschule Oberhof und nach der Wende Biathletin, hatten den Biathlon-Weltverband konsequent auf ihre russlandfreundlich Linie getrimmt. Deshalb staute sich im Weltverband großer Unmut auf, als die russische Staatsdoping-Affäre ausbrach: Ein Teil des neunköpfigen IBU-Vorstandes opponierte wiederholt gegen prorussische Entscheide. Und musste doch fassungslos mit ansehen, wie Besseberg und Kameraden schließlich sogar das Wohl und Wehe all ihrer Athleten aufs Spiel setzten.

Rückblick. Juni 2016, der erste Bericht des Wada-Sonderermittlers Richard McLaren zum Staatsdoping lag auf dem Tisch, mehrere Weltverbände schlossen Russland sogar von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio aus. Ganz anders Besseberg. Der Mann, der seit 1992 als Biathlon-Präsident amtierte und seit 2001 auch im Wada-Stiftungsrat saß - ein weiterer Beleg für die Absurdität, Sportfunktionäre die Selbstkontrolle zu überlassen - boxte in seiner IBU die WM-Vergabe an Tjumen durch. Obwohl zwei starke Mitbewerber angetreten waren, Pokljuka (Slowenien) und Nové Město (Tschechien), erhielt Tjumen mit 25 Stimmen in Runde eins zufällig genau die erforderliche Mehrheit; die Rivalen kamen auf insgesamt 24 Voten. Tjumen bekam "sicher nicht unsere Stimme", empörte sich damals der britische Verband in einer Erklärung, und spekulierte: "Die Präsenz von Miss Russland mag einige Delegierte betört haben. Aber war das alles, was sie betörte?"

Umso spannender die Frage, ob Tjumen auch mit deutscher Stimme gewählt wurde. Die Rolle der schwarz-rot-goldenen Supermacht in dieser Biathlon-Affäre bedarf einer Untersuchung. Neben der ostdeutschen Generalsekretärin, die sich zu den Vorwürfen bisher nicht äußerte, sitzt im neunköpfigen IBU-Vorstand seit 2010 in Thomas Pfüller ein weiterer höchst umstrittener Funktionär. Pfüller war in der DDR Cheftrainer Ski-Langlauf sowie Vize-Generalsekretär im DDR-Skiverband. Er war eingebunden in das damalige staatliche Dopingsystem. Die laxe Aufarbeitung der Doping- und Stasi-Problematik nach der Wende überstand der Mann, der einst DDR-Olympiasportler betreute, so problemlos, dass sogar andere belastete Trainer von seiner Patronage im vereinigten Sport profitierten.

Pfüller ließ, anders als andere IBU-Vorstände, SZ-Anfragen unbeantwortet; darunter die, wie er sich bei Abstimmungen zu Tjumen und in der Staatsdoping-Problematik generell positioniert hat. Das wäre aus deutscher Sicht nun zu klären, denn Bessebergs Vorstandsfraktion, unterstützt von der deutschen Generalsekretärin, war ja eng auf Kante genäht. Diese Allianz brauchte jedes Votum, um die schwer verdächtigten Russen zu stützen.