Biathlon: Magdalena Neuner Suche nach dem Nichts

Deutschlands Vorzeige-Biathletin Magdalena Neuner hat ein Problem, gegen das kein Training hilft: Sie muss ihre schlechten Gedanken vertreiben.

Von Volker Kreisl

Im Biathlon gibt es seit den Reformen der neunziger Jahre das Verfolgungsrennen. Sein Reiz besteht darin, dass man den Vorsprung des vorausgegangenen Laufes mitnehmen darf. Es geht unter anderem darum, sich im Wissen darum, dass einem Verfolger im Nacken sitzen, die Kraft richtig einzuteilen - im Hinblick aufs Schießen etwas langsamer zu fahren, aber den Vorsprung nicht zu verschwenden. Nicht jeder beherrscht diese Kunst, aber das macht nichts, denn es gibt ja noch viele andere Wettkampfformen im Biathlon. Bei Magdalena Neuner war das in den letzten Jahren allerdings anders. Für sie war jedes Rennen ein Verfolgungsrennen.

"Schon beim Start habe ich daran gedacht, was passiert, wenn ich daneben schieße": Biathletin Magdalena Neuner.

(Foto: Foto: dpa)

Neuners Vorbereitung auf die kommende olympische Saison war so effektiv, dass sie auch durch eine leichtere Infektion Ende November kaum zurückgeworfen wurde. Am Freitag wird sie mit etwas Verspätung ihr erstes Weltcuprennen 2009 bestreiten. Insgesamt hat sie also gut trainiert, aber Schnelligkeit ist bei der 23-Jährigen noch nie das Problem gewesen. Wonach sie jedes Jahr aufs Neue gefragt wird, sind ihre Fortschritte am Schießstand - so auch diesmal. Denn auch im vergangenen Winter vergab Neuner manchen Sieg. Mal schoss sie, als hätte sie ein Präzisionsgewehr mit Nachtsichtgerät - und dann wieder, als ballere sie mit grobem Schrot.

Kampf mit den Zweifeln

Was also hat sich getan? Neuner denkt etwas nach, berichtet aber nicht von neuen Trainern und technischen Fortschritten, sondern erst Mal davon, wie sie sich im Rennen in den letzten Jahren immer fühlte: "Schon beim Start habe ich gedacht, was passiert, wenn ich wieder daneben schieße." Neuners Spezialität ist die schnelle Schleife, also der große Vorsprung und somit immer die Chance zum Sieg mit einem guten letzten Schießen. Neuner läuft rasant und fällt dann tief, und weil das häufiger passierte, setzte sich dieser Zweifel fest: "Ich dachte immer, was sage ich den Reportern diesmal, wenn ich wieder daneben geschossen habe." Im Wettkampf sollte ein Biathlet aber an etwas anderes denken. Er sollte ganz bei seinem Körper sein, auf seine Lauftechnik achten, auf die Signale von den Trainern, auf die Leere im Kopf am Schießstand. Nur, wie geht das, wenn dauernd derselben Gedanken da ist?

"Während der Rennen", sagt Neuners Heimtrainer Bernhard Kröll, "hat sich etwas aufgebaut." Wenn ein Zweifel übermächtig wird, gerät man nicht selten in einen Parallelkampf, irgendwann denkt man darüber nach, dass man nicht nachdenken sollte, und dann, dass man bestimmt gleich versagt, weil man zuviel übers Versagen nachdachte.

Mit Laseranimation, mehr Trockentraining oder optimierter Beinhaltung beim Schussanschlag lässt sich so ein Problem nicht lösen, weshalb Neuner auch lieber erzählt, was sie in diesem Sommer verstärkt gemacht hat: nichts. Zum einen hat sie keine neuen Trainingsformen ausprobiert, sie hat auch nicht mehr Grundlagen und Tempotraining absolviert als sonst. Neu ist dagegen ihre Bereitschaft, nein zu sagen. Neuner sagt nun auch mal Sponsorentermine, Charity-Empfänge oder Gala-Auftritte ab, weil sie erkannte, wie wichtig das Nichtstun ist. "Sie ist eine Sportlerin", sagt Bernhard Kröll, "die Ruhephasen nach der Belastung wirklich braucht."

Hilfe vom Mentalcoach

Eine kleine, aber vielleicht wesentliche Veränderung ist in ihrer Arbeit dann doch hinzugekommen, wenn auch nicht im Training. Neuner arbeitet jetzt mit einem Mentalcoach zusammen, es sind Gespräche, über die sie wie fast alle Hochleistungssportler nichts verrät. Sie sagt nur: "Ich habe mich einmal die Woche mit jemandem zusammengesetzt, das hat geholfen." Sie baut hier eine Mauer auf, und das ist nur konsequent. Denn niemand in ihrem Sport hat mit 20 schon drei WM-Titel geholt. Neuner war das 2007 in Antholz gelungen. Vom Rechtfertigungsdruck, dass sich diese Leistung nicht fortlaufend weiterführen lässt, wurde sie danach Rennen für Rennen verfolgt. Nun lässt sie die Öffentlichkeit nicht weiter an sich heran, sie versucht den Erwartungen an Wucht zu nehmen.

"Das mit dem Schießen ist ein Problem im Kopf, aber den Kopf kann man nicht einfach so trainieren", sagt Neuner. Untersuchungen hatten 2008 ergeben, dass sie grundsätzlich über die richtige Schusstechnik verfügt, offenbar geht es für sie jetzt um etwas anderes, um Zeit. Wie viel davon vergeht, bis sie keine Gedanken im Rennen und am Schießstand mehr stören, lässt sich nicht planen, vielleicht sind es noch Jahre. Eine klare Vorstellung hat sie eher vom Endergebnis dieses Prozesses. Ein großer Sportler, sagt Neuner, werde man dann, wenn man sich selber kenne, wenn man wisse, was man braucht und was nicht.

Die Gelassenheit, die sie neuerdings ausstrahlt, könnte in diesem Winter wichtig werden. Die Olympischen Spiele im Februar in Vancouver sind ein besonders großes Ziel, nebenbei wird schon seit Wochen darüber diskutiert, ob Neuner außer im Biathlon bei Olympia auch im Langlauf zum Einsatz kommen soll. Das wäre ein langes Programm, aber sie wird versuchen, möglichst wenig darüber nachzudenken. Heute beginnt zunächst der Sprint der Frauen in Hochfilzen in Österreich. Kann sein, dass Magdalena Neuner gut schießt, vielleicht aber auch nicht.