Martin Haßlberger sitzt im Büro oberhalb der Tribüne, draußen erschüttert der Weltcup-Trubel seine sonst so ruhige Heimat. "Als wir 1979 hier angefangen haben, mussten wir bei der ARD noch um 15 Minuten Zusammenfassung kämpfen", sagt er. Der damalige Kommentator Hans-Joachim Rauschenbach habe über Biathlon im Vergleich zu anderen Wintersport-Disziplinen geurteilt: Das sei, als würde man in einem Symphonieorchester mit Maschinengewehren schießen. Biathlon war als militärische Sportart verpönt, kaum jemand interessierte sich dafür. Wie sich die Zeiten ändern können.

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Noch vor zehn Jahren reichten in Ruhpolding 5000 Plätze. Für dieses Wochenende waren allein die 5000 Arena-Einzeltickets für die Wochenendtage binnen zwei Stunden verkauft. Die einzigartige Atmosphäre auf der engen Tribüne treibt die Leute hierher. Die gespenstische Stille vor den Schüssen der deutschen Athleten wird bei einem Treffer unterbrochen von einem donnernden "Hey" aus allen Kehlen, das ein paar Mal zwischen der Tribüne und dem gegenüber steil aufsteigenden Zirnberg hin und her springt. "Jubelstöße" nannte das Biathletin Kati Wilhelm treffend. Zum Schutz vor den knalligen Schallwellen soll Kollegin Magdalena Neuner mit Ohrstöpseln in die Rennen gehen.

Die Faszination Biathlon ist fast 30 Jahre nach Rauschenbachs Worten auch ein Fernseh-Knüller. Vor allem mit den Ende der neunziger Jahre entstandenen Disziplinen Massenstart und Verfolgung hat der Winterzweikampf sich zu einer Lieblingssportart der TV-Stationen entwickelt. Mehr als vier Millionen Zuschauer verzeichnete das ZDF bei den Staffelrennen, am Wochenende wird wohl wie in Oberhof die Fünf-Millionen-Marke überschritten.

Die enormen Dimensionen können Haßlberger indes nicht aus der Ruhe bringen. Sie machen ihn eher stolz. "Wir haben den Renntermin ursprünglich so festgelegt, weil wir in der zweiten Januar-Woche immer einen Einbruch der Touristenzahlen hatten. Jetzt ist es unsere beste Woche im Jahr." Der Weltcup beschert dem südlichen Chiemgau etwa 15 Millionen Euro Umsatz. Wer spät ein Hotelzimmer sucht, muss unter Umständen bis ins 20 Kilometer entfernte Bad Reichenhall ausweichen, schwedische Journalisten nächtigen diesmal in Salzburg. Dabei hat die Gegend wahrlich eine hohe Bettendichte.

Wenn der Biathlon-Boom anhält, dürfte in Ruhpolding bald die 100.000-Zuschauer-Hürde fallen. Doch Haßlberger ahnt, dass vor allem die Erfolge der deutschen Athleten die Popularität des Sports befeuern. "Das hat man im Tennis oder im Skispringen gesehen: Wenn die Deutschen nicht um den Sieg kämpfen können, wenden sich die Zuschauer ab." Eine Gefahr? "Nein, dann bauen wir halt die Tribüne wieder zurück und machen wieder kleinere Veranstaltungen."

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(sueddeutsche.de/lsp)