Von Von Volker Kreisl

Die Biathlon-Welt verneigt sich in Ruhpolding vor der Leistung der Norweger, der deutsche Verband versucht ruhig weiter zu arbeiten.

In der weiten Welt der Meere gibt es viele Fischarten, und die meisten sind harmlos. Sie tun keinem anderen Fisch weh und sind froh, wenn sie hin und wieder ein Plankton-Teilchen erwischen. Dann gibt es aber noch die Lachse, wilde, ungestüme, ausdauernde Kerle, die ausbrechen aus dem langweiligen Meer und kraftvoll Bäche hinauf springen bis in Gebirgsregionen, nichts, heißt es, kann sie aufhalten.

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Es war halb fünf im Gebirgsort Ruhpolding, und auf dem Sieger-Podium stand plötzlich Björn Tore Godal, Norwegens Botschafter. Er hielt ein vergoldetes Ungetüm in der Hand, die Skulptur eines sich aufbäumenden wilden Fisches, und überreichte sie dem deutschen Biathleten Sven Fischer für dessen Verdienste um die Außendarstellung Norwegens.

Ein Marketing-Gag ist das, doch er passte zum aktuellen Geschehen, denn alles drehte sich an diesem Wochenende um Norwegen. Fischer war früher mit einer Norwegerin befreundet, spricht fließend Norwegisch und hatte sich, wie Godal erklärte, viele packende Zweikämpfe mit Norwegern geliefert. Was Godal nicht erwähnte, war die Erkenntnis aus dem Sprint-Wettkampf zuvor: Fischer und die anderen deutschen Biathleten hatten auch beigetragen zum aktuellen Gelingen der Norweger.

Gegen die hatte sich beim Sprint außer Ricco Groß niemand gewehrt, die norwegische Equipe versammelte sich als Erste im Zielraum, wie ein Schwarm vergnügter Lachse. Die Plätze eins bis drei gingen an Norwegen, ebenso die Plätze fünf und sechs, dazwischen hatte sich nur Groß geschoben. Abgeschlagen blieben alle anderen Deutschen, genauso wie die Favoriten der übrigen Spitzen-Länder, und wenn das so weiter geht, droht der WM in Oberhof (6. bis 15. Februar) Langeweile. Godal kommentierte das nicht, er ist Diplomat.

Am nächsten Tag veränderte sich das Bild nur unwesentlich. Nach der Verfolgung waren sechs Norweger unter den besten acht, gewonnen hatte diesmal Ole Einar Björndalen, am Samstag war es Halvard Hanevold. Im Verfolgungsrennen der Frauen lief Martina Glagow auf Platz vier, dahinter überraschte die genesene Andrea Henkel als Fünfte. Gewonnen hatte aber - wie am Vortag - Liv-Grete Poirée, Norwegen.

Bekannte norwegische Namen sind das, man hat sich mit ihrer Dominanz abgefunden, und die deutschen Spitzenläufer reagieren darauf schon mit Routine: Man verneigt sich vor ihrer Leistung, verweist darauf, dass man hart weiter arbeite, geduldig auf norwegische Fehler warte und bei Großereignissen rechtzeitig fit werde. Im übrigen war da noch das Wetter. Im Sprint hatte es zwischendurch derart heftig geschneit, dass das gesamte Feld kurz davor war, in der Loipe stecken zu bleiben, und sogar Björndalen in Schwierigkeiten kam.

Ehe er den goldenen Lachs erhielt, hatte Sven Fischer, Zwölfter im Sprint, erklärt: "Es ist schon bitter, wenn du startest, und es beginnt zu schneien, und es hört auf, wenn du ins Ziel kommst." Fast alle Norweger hatten diesmal ideale Bedingungen, den Vorsprung nahmen sie ins Verfolgungsrennen mit.

Damit wird sich Bundestrainer Frank Ullrich trösten, dennoch sind die Erwartungen ans deutsche Männer-Team - anders als die an die Frauen - deutlich gesunken. Frank Luck, der seine Karriere gerne mit einem glanzvollen Auftritt in Oberhof beenden würde, kämpft sogar um den Anschluss an die Staffel, weil der Allgäuer Michael Greis immer verlässlichere Leistungen bringt.

Peter Sendel, der im Dezember noch achtbare Resultate lieferte, konnte mit dem Tempo der Besten nicht mithalten. Kritisiert wurde in Ruhpolding auch die Arbeit der Techniker. Vor allem in der Staffel waren die Ski der Deutschen zu langsam. "Ein Problem ist vielleicht noch die Feinabstimmung zwischen Wachs-Techniker und Athlet", erklärte DSV-Trainer Fritz Fischer, man arbeite daran.

"Die Norweger deklassieren zurzeit einfach den Rest der Welt-Elite", resümiert Frank Ullrich, ehe der Biathlon-Tross am heutigen Montag zum letzten Weltcup vor der WM nach Antholz aufbricht. An die Dominanz der norwegischen Olympiasieger hat man sich gewöhnt, was im DSV aber fast sprachlos macht, ist die ungestüme Art eines jüngeren Norwegers, die von Lars Berger, Student aus Dombas. Der ist 24 und schießt noch oft daneben, läuft aber derart schnell, dass wohl nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft dem norwegischen Team gehören wird.

Am Sonntag hatte Berger erstmals nur drei Fehlschüsse, weshalb er auch fast Björndalen von seinem Thron gestürzt hätte. Die steilen Anstiege springt er kraftvoll hinauf, und nichts, so scheint es, kann ihn aufhalten

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(SZ vom 19.1.2004)