Interview: Thomas Hahn

Matthias Büchner, Mitglied der Stasi-Kommission, über den umstrittenen Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer.

Der Maler Matthias Büchner, 52, aus Zella-Mehlis gehört zur unabhängigen Kommission von Nationalem Olympischen Komitee (NOK) und Deutschem Sportbund (DSB), die Stasi-Fälle im deutschen Sport untersucht. Auf Empfehlung der Kommission hat das NOK den Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer, den Skisprung-Trainer Henry Glaß und den Sportwissenschaftler Hans Hartleb aus der Olympiamannschaft verbannt.

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SZ: Herr Büchner, Ingo Steuer hat sich per einstweiliger Verfügung ins Olympiateam einklagen können. Können Sie das nachvollziehen?

Büchner: Nein. Ich gehe auch davon aus, dass sich die Richter nicht mit der Sache selbst beschäftigt haben, sondern mit der Verfahrensfrage. Nun ja, ich bin kein Jurist, das wird sich alles klären.

SZ: Sind Sie zufrieden mit diesem Verfahren im Vergleich zu früheren?

Büchner: Ach, das ist 'ne schwierige Frage. Wäre von Anbeginn mehr Offenheit dafür gewesen, hätte alles längst abgeschlossen sein können. Aber es ist halt so, dass in der Gesellschaft das Interesse, diesen Teil deutscher Geschichte aufzuarbeiten, sehr gering geworden ist. Manch einer hofft darauf, durch beharrliches Schweigen oder Fehlaussagen nicht entdeckt zu werden. Deshalb greift auch das Argument der Verjährung 16 Jahre nach der Wende nicht. Wenn man heute eine schwere Straftat entdeckt, wird ja auch erst nach dem Zeitpunkt des Entdeckens gehandelt. Ich will die Fälle nicht mit einer Straftat vergleichen. Aber der Sport sollte als Vorbild wirken. Wenn Sportfunktionäre früher auffällig wurden, indem sie Kameraden denunzierten, sollen sie danach nicht noch belohnt werden.

SZ: Warum wurden Steuer und Glaß nach mehreren Einsätzen bei Olympia erst jetzt ausgemustert?

Büchner: Wir können uns immer erst damit beschäftigen, wenn wir die Unterlagen auf den Tisch bekommen.

SZ: Von wem bekommen Sie die Unterlagen?

Büchner: DSB und NOK sind unsere Auftraggeber, von denen wir Unterlagen bekommen. Natürlich bittet der DSB seine Untergliederungen, sich bei entsprechenden Fragen an uns zu wenden.

SZ: Wie läuft das ab, wenn die Kommission eine Entscheidung zu treffen hat?

Büchner: Bei der Konstituierung haben wir uns auf eine Formel geeinigt, die sinngemäß heißt: Es geht darum, ob und inwieweit eine Person mit dem Sicherheitsapparat der SED verstrickt war, für diesen wissentlich tätig war und in dieser Tätigkeit Dritten schadete oder eine Schädigung billigend in Kauf nahm.

SZ: Und wie kommen Sie zum Urteil?

Büchner: Durch Aktenstudium, Vergleiche, Auswertungen und Anhörungen.

SZ: Sie haben neun Fälle behandelt, in dreien haben Sie die Ausmusterung empfohlen, sechs wurden als minderschwer eingestuft. Was unterscheidet einen minderschweren Fall von einem, der zum Ausschluss führt?

Büchner: Es gab viele Fälle, in denen jemand formal als belastet galt und man nachvollziehen musste, ob da wirklich denunziert wurde. Man muss sich ansehen, wie lange das gedauert hat. Ist derjenige selbst aktiv geworden? Oder hat er sogar zu DDR-Zeiten noch ein schlechtes Gewissen bekommen und zu seinem Sportkameraden gesagt: Ich muss einen Bericht abliefern, tut mir leid? Solche Dinge sind entlastend. Und dann müssen wir uns der Mühe unterziehen, das alles zusammenzutragen, abzuwägen und nach unserem Gewissen zu entscheiden.

SZ: Wie ist das bei Sportsoldaten?

Büchner: Bei Sportsoldaten der Bundeswehr gibt es beim Einstellungsgespräch die Frage nach der Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Wenn man die entsprechenden Fragen immer mit Nein beantwortet hat, und sich dann aus einer Empfehlung von uns ergibt, Ja wäre die richtige Antwort gewesen, ist das für den Betroffenen ein Problem. Und wer einmal die Unwahrheit gesagt hat, kann sich sicher nicht zum Bund einklagen.

SZ: "Die Welt" berichtet, dass der Biathlon-Trainer Harald Böse einer von den sechs minderschweren Fällen sei. Ist er so ein entlasteter Stasi-Mitarbeiter, wie Sie ihn gerade skizzierten?

Büchner: Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir nicht öffentlich zu Namen Stellung nehmen.

SZ: So ist es aber schwierig, die jüngste Entscheidung des NOK zu verstehen.

Büchner: Entschuldigen Sie, es ist für mich auch schwierig. Weil ich politisch immer für breitest mögliche Transparenz eingetreten bin. Aber diese Kommission hätte mit dieser Transparenz nicht funktioniert. Das musste ich halt sehen.

SZ: Ohne Transparenz schützt man Leute, die andere hintergangen haben.

Büchner: Es geht darum, dass da gravierende Einschnitte in Biographien vorgenommen werden. Es geht um Menschen. Die kommen ja nicht vor ein Tribunal, die müssen sicher sein, dass nicht in den Medien auftaucht, was sie uns sagen.

SZ: Stimmt die Information des NOK, dass alle drei Fälle Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi waren?

Büchner: Es wäre nicht klug, diese Frage zu beantworten, denn dann würden Sie die nächste stellen und wir hätten genau das, was gegen unsere Abmachung ist. Ich will mich nicht rauswinden, aber ich muss mich an die Spielregeln halten. Oder ich sage, ich trete aus.

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(SZ vom 2.2.2006)