Berlin Ein halbes Schwein im Auto

"Das ist Fußball": Hertha-Trainer Dardai mit Co-Coach.

(Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Mit gutem Fußball festigt Hertha BSC den Kurs auf Europa. Stürmer Salomon Kalou findet gar: "Alles ist möglich."

Von Javier Cáceres, Berlin

Es bedurfte keiner professionellen Lippenleser, um zu entziffern, welche Worte Pal Dardai ausstieß. "Das ist Fußball!! Fußball!!!!", rief der Trainer von Hertha BSC, als er den ersten der beiden Treffer bejubelte, mit denen die Berliner am Freitagabend im Olympiastadion ihren immer erstaunlicheren dritten Tabellenplatz gegen den FC Schalke 04 verteidigten. Immer erstaunlicher? Oh ja. Nicht, weil die Berliner nicht immer beständiger genau das spielen würden, was Dardai feierte: Fußball; ein Umstand, der den Tabellenplatz argumentativ unterfüttert. Sondern weil es frappierend ist, dass der Abstiegskandidat der Vorsaison auf einem Platz campiert, der, wäre jetzt bereits der 34. Spieltag, zur Teilnahme an der Champions League berechtigen würde. Und das, obwohl nur noch acht Spieltage ausstehen.

Trotz des überschaubaren Restprogramms zieren sie sich in Berlin noch immer, Saisonambitionen zu formulieren, die um die kontinentalen Wettbewerbe des nächsten Spieljahrs kreisen. "Mein Vater und mein Onkel haben ein halbes Schwein im Auto mitgebracht, dazu ein guter Rotwein . . . Ich will jetzt erst mal den Abend genießen", sagte Dardai, als er nach neuen Zielen gefragt wurde. Eine ähnlich gelagerte Konsultation führte bei Manager Michael Preetz zu einem vergleichbaren Anflug von Humor. Als ein Beobachter Preetz entlocken wollte, ob er sich nicht auch an die Saison 1998/1999 erinnert fühle, als Hertha in der Tabelle ähnlich gut positioniert war und die Klubdoktrin ebenfalls lautete, das Syntagma "Champions League" zu meiden, zog Preetz einen Joker namens Selbstironie. Preetz, damals noch Profi, sagte, er habe daran keine Erinnerung mehr. "Ich habe zu viele Kopfbälle gemacht", fügte er hinzu.

Diese Reaktionen sind alles andere als Banalitäten, sondern das beste Indiz für die wachsende Zufriedenheit der Berliner mit sich selbst. Vor Jahresfrist verursachte der Blick in den Spiegel Komplexe, nun verleiht er der Alten Dame eine Selbst- sicherheit, die es erlaubt, bislang diskret verschwiegene Problemzonen anzusprechen. Dazu gehört zudem der Blick auf den zuletzt ramponierten Rasen, über den sich Gegner wie Dortmund und Wolfsburg beklagt hatten und der unmittelbar vor der Schalke-Visite ausgetauscht wurde, nach ziemlich genau einem Jahr Verschleiß.

Nicht nur Salomon Kalou glaubt jetzt: "Alles ist möglich."

So verriet Trainer Dardai, dass er zusammen mit Preetz den Zustand des Platzes im Olympiastadion bereits zu Saisonbeginn thematisiert hatte, "wir hatten das bisher nicht herausgelassen". Und er enthüllte auch, dass sein Team zuletzt durch den witterungsbedingt holprigen Platz "unsicher geworden" sei. Auch das erkläre, so der Subtext der Dardai'schen Ausführungen, warum Hertha nur im Mittelfeld der Rückrundentabelle firmiert. "Der Ball rollte nicht dahin, wo ihn die Spieler haben wollen", sagte Dardai, und bedankte sich, wie es seine Art ist, für den neuen Belag gleich urbi et orbi, namentlich bei der Olympiastadion GmbH, den Gärtnern und seinem Vorgesetzten Preetz, der so sehr Druck gemacht habe, dass in der Arm-aber-sexy-Hauptstadt schließlich doch 130 000 Euro in einen neuen Rasen investiert werden. "Wenn der Teppich da ist, sind ganz anderes Spielzüge möglich, ich habe ballsichere Spieler", sagte Dardai. Preetz wiederum nahm die Beschaffenheit des Grüns zum Anlass, daran zu erinnern, welchen qualitativen Sprung die Mannschaft seit der Vorsaison gemacht habe. Er müsse nur an die Begegnung mit den damals spielstärkeren Augsburgern aus der Vorsaison zurückdenken, als es für Hertha ums Überleben ging: "Damals hat uns der schlechte Rasen extrem geholfen", so Preetz.

Die Wende kam im Sommer, Hertha stieg in der Vorrunde zur Überraschungsmannschaft auf, nach der Winterpause aber stockte der Spielfluss, der erste Sieg ließ lange auf sich warten. Gegen Schalke spielte Hertha wieder "wie in der Hinrunde", wie Dardai sagte: gut, direkt, leidenschaftlich, kompakt, variabel, konzentriert. "Wir haben die Qualität, nach vorne zu spielen", sagte der eminent agile Stürmer Salomon Kalou - und musste nicht erst betonen, dass die Hertha dies auch tut.

Besonders anschaulich war das beim ersten Tor, als Kalou einen Ball in die Spitze spielte, den Genki Haraguchi mit zwei Ballkontakten auf Vedad Ibisevic weiter- leitete. Der Bosnier vollstreckte aus elf Metern flach und eiskalt (42. Minute). Das 2:0 durch Innenverteidiger Nicolas Stark war insofern schmuckloser, als es nach einer Ecke von Vladimir Darida fiel (65.). Aber es war sehenswert, mit welch strategischem Geschick die Herthaner die Wege der Schalker Verteidiger störten und bedingten, dass Stark völlig unbehelligt zum Kopfball kam. Danach versuchte Schalke noch, das Spiel zu drehen. Doch die Ordnung ging völlig verloren; am Ende konnten die Schalker von Glück sprechen, dass die Niederlage nicht höher ausfiel. Allein Tolga Cigerci, der im Mittelfeld die Rolle von Fabian Lustenberger übernahm und offensiver interpretierte, hätte zwei, drei Tore schießen können.

Für die Schalker warten in den kommenden fünf Partien dramatisch starke Gegner: Borussia Mönchengladbach, Ingolstadt, Borussia Dortmund, der FC Bayern und Leverkusen. In eine solche Ferne mögen die Herthaner gar nicht denken. "Unser Ziel ist das nächste Spiel", sagte Manager Preetz, und betonte, dass mit Ingolstadt "eine ganz unangenehme Aufgabe" warte. So kann man das sehen. Man kann es aber auch positiv wenden; im Stile des stets, nunmehr voller Vorfreude lächelnden Kalou. Sein Resümee des Abends lautete: "Everything is possible." Alles ist möglich.