Behindertensport Leistungsschübe vor leeren Tribünen

(Foto: Imago/Beautiful Sports)

Medaillen, Hitze, leere Ränge: Die deutschen Leichtathleten ziehen nach der Weltmeisterschaft in Katar eine zwiespältige Bilanz.

Erfolge auf der einen, leere Ränge und oft grenzwertige Wettkampfbedingungen auf der anderen Seite: Die deutschen Leichtathleten haben bei den Weltmeisterschaften der Behindertensportler mit starken Leistungen ihre Medaillenambitionen für die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro eindrucksvoll untermauert. Doch trotz der tollen Ergebnisse gab es von Athleten und Trainern nach dem Saisonhöhepunkt in Katar auch viel Kritik. Die Hitze von fast 40 Grad Celsius war an der Grenze des Zumutbaren, die gähnende Leere im Stadion von Doha ernüchternd.

Das sportliche Fazit mit 24 Medaillen (acht goldene, sieben silberne, neun bronzene) und Platz acht in der Medaillenwertung fiel positiv aus. "Wir können zufrieden sein", sagte Markus Rehm, der durch seinen Weitsprung-Weltrekord von 8,40 Metern der herausragende Athlet der Titelkämpfe war. "Sein unglaublicher Sprung hat überall auf der Welt für Schlagzeilen gesorgt", fand Sir Philip Craven, der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC).

Bundestrainer Gernemann schlägt Alarm: In einigen Bundesländern tut sich gar nichts

Gold für Deutschland holten zudem Marianne Buggenhagen (Diskus und Kugel), David Behre (400 Meter), Vanessa Low (Weitsprung), Sebastian Dietz (Kugel) und Martina Willing (Speer). Rehm und Behre liefen zusammen mit den WM-Debütanten Felix Streng und Johannes Floors zum Abschluss am Samstag in der 4x100-Meter-Staffel mit Europarekord zum Titel. Insgesamt sicherten sich die Deutschen zwölf Startplätze für Rio.

Bundestrainer Willi Gernemann war angesichts der Ausfälle der Goldkandidaten Heinrich Popow, Birgit Kober und Mathias Mester zufrieden, zumal in Streng, Floors und Leon Schäfer auch junge Athleten für Achtungserfolge sorgten: "Zehn Monate vor Rio ist das Leistungsniveau mit 54 Weltrekorden explodiert. Wir haben aber mitgehalten." Um jedoch auch in Rio zu bestehen, "haben wir noch einiges zu tun", sagte Gernemann: "Wir haben kein Qualitäts-, aber ein Quantitätsproblem. Viele Landesverbände sind tot. Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Hamburg, Bremen, in diesen Verbänden tut sich gar nichts. Da gibt es keine Struktur, keine Talentförderung. Das muss dringend aufgebaut werden, sonst finden wir die Nachwuchsathleten nur noch zufällig und nicht per System."

Dem Zufall überließen die Kataris bei der bisher größten WM nichts, die reichen Gastgeber scheuten keine Kosten und Mühe. Doch die mangelnde Zuschauerresonanz und die klimatischen Gegebenheiten konnten sie nicht ändern. "Wenn nicht zwei, drei Schulklassen da gewesen wären, hätte man die Zuschauer mit Handschlag begrüßen können", resümierte Buggenhagen, die ihre WM-Titel 22 und 23 holte. Auch Gernemann sprach von einem "skurrilen Bild. Die Kataris haben zwar Geld, aber offensichtlich kein Interesse am Sport". Der deutsche Verbandspräsident Friedhelm Julius Beucher hatte die Vergabe der WM an Katar gar als falsch bezeichnet, weil sie dem Emirat angesichts der vielen Menschenrechtsverletzungen ein "gesellschaftliches Alibi" gebe. Dem erwiderte IPC-Chef Craven, Behindertensport treibe Inklusion voran, deshalb sei es wichtig, "dass Weltmeisterschaften überall auf der Welt stattfinden, auch in den aufstrebenden Märkten wie Katar". Craven hegt die Hoffnung, dass die WM "ein Katalysator für Inklusion in Katar ist"; in China habe das nach den Paralympics 2008 funktioniert. Die Situation der Behinderten hat sich angeblich verbessert, erst recht im Sport. Nun holte China 41 Mal Gold. Kein anderes Land außer Russland kam auf insgesamt so viele Medaillen.